Bosch-Chef Franz Fehrenbach: "Mir dreht sich der Magen um"

Bosch-Chef Franz Fehrenbach: "Mir dreht sich der Magen um"

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Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschaeftsfuehrung der Robert Bosch GmbH, gestikuliert am Donnerstag, 23.April 2009, auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Gerlingen bei Stuttgart. Der groesste Autozulieferer der Welt verzeichnete im vergangenen Jahr wegen der Absatzkrise in der Autoindustrie einen drastischen Gewinneinbruch. (AP Photo/Thomas Kienzle)----Franz Fehrenbach, chairman of the board of management of German Bosch group, is seen during the annual pressconference of the concern in Gerlingen near Stuttgart, Germany, Thursday, April 23, 2009. Fehrenbach reported a profit collapse for the world's biggest car supplier in the last year due to the financial crises. (AP Photo/Thomas Kienzle)

Bosch-Chef Franz Fehrenbach über ungezügelte Finanzmärkte, politisches Versagen und unternehmerische Verantwortung.

Herr Fehrenbach, die Geschäfte bei Bosch laufen im Jubiläumsjahr glänzend. Dennoch wirken Sie aufgewühlt.

Franz Fehrenbach: Ich war gerade in Japan und China. Auf dem Rückflug las ich von der Empfehlung einer US-Bank, deren Kunden nun auf den Niedergang Europas wetten sollen...

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Sie meinen Goldman Sachs.

Ja. Wenn ich auf den Niedergang Europas wette, um eine hohe Rendite zu erzielen, finde ich das unerträglich und unmoralisch. Bei so einem Verhalten dreht sich mir, gelinde gesagt, der Magen um.

Solche Geschäftspraktiken kann man als Manager aus der Industrie nicht verstehen?

Die Realwirtschaft kämpft mit aller Energie dafür, wettbewerbsfähig zu bleiben und Europa als Binnenmarkt zu erhalten. Und andere wetten auf den Niedergang dieser tollen Region…

Neu sind solche Wetten nicht. Schon in der großen Bankenkrise stand die Politik dem Treiben der Finanzakteure hilflos gegenüber.

Seit 2008 reden wir darüber, die Finanzmärkte zu regulieren. Aber bisher ist viel zu wenig geschehen, um Hedgefonds und andere Großspekulanten in die Schranken zu weisen.

Sie mögen die Banker nicht.

Meine Kritik gilt nicht pauschal allen Banken oder Investoren. Aber gegen solche spekulativen Geschäfte muss die Politik etwas unternehmen. Da werden haltlose Gerüchte gestreut, etwa über die französische Großbank Société Générale, wohl nur, um die Kurse zu drücken und daran zu verdienen. Das gehört endlich reguliert, und zwar knallhart.

Die Regierenden haben ihre Aufgabe nicht erfüllt?

Die haben gedacht, das geht schon vorbei. Aber nichts ist vorbei.

Die Spekulationen haben aber eine reale Basis – die hohen Staatsschulden.

Meine absolut größte Sorge ist: Wie bleibt Europa politisch handlungsfähig? Wir müssen klären, wie wir mit der Verschuldung umgehen, was aus dem Euro und der europäischen Wirtschaftszone wird. Es geht mittlerweile um die politische Glaubwürdigkeit, darum, wie Europa sozial und gesellschaftlich stabil bleiben kann.

Wer genau muss da jetzt agieren? Berlin wird schon von allen Seiten kritisiert.

Es hilft überhaupt nicht, auf die Kanzlerin und andere Politiker einzuprügeln. Wir alle müssen uns klar werden, wohin wir Europa in den nächsten zehn Jahren entwickeln – und die Regierungen natürlich als Erste. Aber wir hatten auch Vorgängerregierungen, die die Europäische Union viel zu schnell haben wachsen lassen. Da war gar keine wirtschaftliche Integration möglich. Die sind locker über die Vorgaben des Maastricht-Vertrags hinweggegangen, auch in Deutschland.

Aber jetzt ist Krise – und guter Rat teuer.

Die Staatsverschuldung muss unter Kontrolle gebracht werden, die Finanzmärkte müssen endlich reguliert werden, zumindest europaweit und, soweit möglich, darüber hinaus. Sonst wird auf alles und gegen jeden gewettet. Dagegen hat man mit normaler Politik und normalem Wirtschaftsgebaren keine Chance.

Sie sind ein Mann mit Einfluss, repräsentieren ein Unternehmen mit 50 Milliarden Euro Umsatz und 300.000 Beschäftigten – und trotzdem fühlen sie sich der Situation ausgeliefert?

Ja, man kann sich auch richtig ohnmächtig fühlen. Vor allem wenn man sieht, was in der Realwirtschaft geleistet wird, wie die Menschen im internationalen Wettbewerb kämpfen. Ich war ja gerade in Japan und habe gesehen, wie sich eine ganze Nation solidarisch engagiert, um die Folgen der Naturkatastrophe zu bewältigen. Wenn man demgegenüber die Verantwortungslosigkeit einiger Akteure in der Finanzwelt sieht...

...die Frage ist doch: Warum macht die Wirtschaft der Politik da nicht kollektiv Druck?

Die Industrie muss zu einer konzertierten Aktion kommen. Der BDI-Tag in Berlin nächste Woche wäre dafür eine Chance.

Mit den Chefs der Dax-Konzerne, die nicht das Glück von Bosch haben, als Stiftungsunternehmen unabhängig von Bank und Börse zu sein...

Natürlich haben wir eine andere Ausgangslage. Aber spätestens jetzt, da mit den Börsenkursen gespielt wird und die Aktienbewegungen meistens nichts mit der realen Situation der Unternehmen zu tun haben, werden auch die Vorstände notierter Unternehmen sicherlich umdenken.

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