C-Klasse aus Bremen: Eine Träne rollt nach Schwaben

KommentarC-Klasse aus Bremen: Eine Träne rollt nach Schwaben

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Mercedes 190 SL

von Thorsten Firlus-Emmrich

Sentimentalität ist in der modernen Wirtschaft fehl am Platz. Dennoch bedeutet der Entschluss des Autoherstellers Mercedes-Benz, die C-Klasse ab 2014 nicht mehr in Sindelfingen zu bauen, mehr als nur die Verlagerung eines Produktionsstandorts. Ein Stück der Seele von Mercedes stirbt, findet Redakteur Thorsten Firlus

Ein wenig Sentimentalität sei gestattet. Nicht immer sind Wirtschaft und Finanzen nur Zahlen. Es fing an mit Opa Buckendahl, der mich das erste mal in meinem Leben auf Tempo 200 in seiner S-Klasse beschleunigte. Ohne Kindersitz und Gurt selbstverständlich. Seine zwei Enkel auf der Rücksitzbank war das egal. Opa hatte eine Spedition. Alle seine Lastzüge trugen den Stern. So auch sein Privatwagen. Das musste sein. 

Es folgten auf der Rücksitzbank  der Eltern Jahre in Fiats, Passats, Audis. Bis zu dem Tag als mein Vater den Verkäufer von Mercedes im Wohnzimmer sitzen hatte. Ein weißer 190er. Diesel. Gut, der Passat war bunter, der Audi 100 größer und mit Velours-Sitzkissen (die noch heute in der C-Klasse meiner Eltern ruhen). Aber sein erster Mercedes, das war etwas besonderes. Wegen des Sterns. Es war nur der Baby-Benz. Aber immerhin.  Mercedes. Schwäbische Wertarbeit.

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Die C-Klasse ist in ihrer biederen Kleinbürgerlichkeit ein Musterbeispiel deutscher Tugenden

Mein eigenes automobiles Leben ist eng mit den Autos mit dem Stern verknüpft. Mein erster eigener rostete in siebter Hand zwischen den TÜV-Terminen unter dem durchgesessenen Sitz fort. Bis nach Italien und zurück fuhr das stinkende Biest, dass noch mit Ziehknopf vorglühen musste.

Der nächste, übernommen vom Vater, hatte dann schon eine funktionierende Heizung. Es war der 190er, den Vater mit Scheckheft und Sorgfalt pflegte. Weit mehr als 100 000 Kilometer gelaufen, war er dennoch für mich fast ein Neuwagen. Weil die Schwaben so gründlich arbeiten.

Neun Monate arbeitete ich Ende der 90er Jahre in Stuttgart. Schaffe, schaffe und Linse mit Spätzle - jedes Klischee erfüllte sich und ich dachte mir, dass der 190er, den ich noch fuhr, mit der gleichen Sorgfalt gefertigt wurde.

Mein Vater fuhr inzwischen seine erste C-Klasse. Dieses mal holten wir sie zu viert aus Stuttgart persönlich ab. Statt Überführungskosten investierte mein Vater das Geld in Bahnticket und Benzin. Und eingefahren war er dann, zurück in der norddeutschen Heimat, auch gleich. Das Abholcenter war eine Fundgrube für Geschichten: Fiebrig wartende Menschen, die neuen Kennzeichen unterm Arm, stolze Käufer großer Limousinen, die sogar einen Blumenstrauß zu ihrem Coupé bekam.

Und alle wussten: Mein Wagen kommt da hinten aus den Hallen mit den riesigen Pressmaschinen, die in weniger Sekunde aus einer Platte Blech einen Kotflügel formen. Hier wurde täglich Mythos und Ruf geboren und ausgeliefert.

Die Nähe des gespannten Kunden zur Produktion - das hat seinen Reiz. Er hielt die Verbindung zwischen Besitzer und Wagen aufrecht, solange bis ich ihn nach Jahren des "Auffahrens" mit gemischten Gefühlen auf dem Anhänger eines litauischen Gebrauchtwagenhändlers sah.

Die Seele von Mercedes ist in Gefahr

Für den nächsten Wagen - der immer noch rollt - führte die Fahrt schon nur nach Bremen. Kleineres Abholcenter. Moderner. Der Wagen kam noch immer von nebenan. Aber eben aus Bremen. Sicher - ob die Qualität stimmt oder nicht, dafür ist längst nicht mehr der Wohnort der Mitarbeiter alleine verantwortlich. Aber so gut ein Hamburger Metzger eine Weißwurst auch machen würde - der entscheidende bayerische Charme würde ihr fehlen.

Das über Jahre aufgebaute Image der schwäbischen Wertarbeit - es wirkt halt nach und wird ungern mit der Wirklichkeit abgeglichen. Natürlich - längst sind Autos Produkte mit Bestandteilen aus aller Welt. Dass Porsche in Leipzig baut, die R-Klasse schon gar nicht mehr in Deutschland entsteht - geschenkt. Der Mercedes-Traum, das schwäbische Einsteigermodell in die Welt der Limousinen mit dem Stern - die trägt zusammen mit der E-Klasse die Seele des Konzerns.

Das spürte ich schon in den Nachtschichten im Taxi. Daimler - das gehörte dazu. Ein Nissan mochte günstiger sein und der Volkswagen  technisch kaum schlechter - aber eine Droschke trägt den Stern. Image und Ruf besteht immer auch aus den Menschen, die ihn wahrnehmen und weitertragen.

Die C-Klasse ist in ihrer ein wenig piefigen, biederen Kleinbürgerlichkeit ein Musterbeispiel deutscher Tugenden - und erfährt für mich ihren letzten Schliff durch ihre schwäbische Herkunft. Ganz gleich wieviel Zulieferteile aus dem Ausland kommen. Der Menschenschlag, der die Kehrwoche und Kässpätzle ersonnen hat, ist zu solidem, bürgerlichen Genuss fähig.

Die Idee, dass von 2014 an an der kleinste richtige Benz – A- und B-Klasse spaltet die Fangemeinde -  aus Bremen kommt, ist für mich so merkwürdig wie die Vorstellung, dass Feinkost Käfer aus München von 2015 an das Labskaus zum  Schaffermahl nach Bremen liefert.

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