Chef der SOS-Kinderdörfer: Ein Drittel der Haiti-Spenden versickert

Chef der SOS-Kinderdörfer: Ein Drittel der Haiti-Spenden versickert

von Harald Schumacher

Die internationale Geberkonferenz für Haiti hat nach Angaben von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Erwartungen weit übertroffen: 9,9 Milliarden Dollar (7,3 Milliarden Euro) seien am Mittwoch in New York dem von einem Erdbeben verwüsteten Karibikstaat für die nächsten drei Jahre und darüber hinaus zugesagt worden. „Wir haben einen guten Start hingelegt“, sagte Ban. „Jetzt müssen wir das umsetzen.“ Haiti hatte um 3,8 Milliarden Dollar staatliche Hilfen für die nächsten 18 Monate gebeten. Insgesamt benötigt die Regierung nach eigenen Angaben 11,5 Milliarden Dollar zum Wiederaufbau.

SOS-Kinderdörfer-Chef Wilfried Vyslozil warnt drei Monate nach dem Erdbeben in Haiti vor der Verschwendung von Spendengeldern annähernd in Milliardenhöhe und fordert die Schulung lokaler Führungskräfte. Bis Mitte März dürften, so schätzt Vyslozil, „mit den Spenden aus Asien, Russland und dem arabischen Raum 2,5 Milliarden Euro“ weltweit zusammen gekommen sein. 1,35 Milliarden Euro stammen aus zehn westlichen Ländern inklusive USA (653 Millionen Euro) und Deutschland (195 Millionen Euro). Trotz der guten Spendenresonanz schlägt Vyslozil Alarm: Viele der 3000 in Haiti agierenden Nichtregierungsorganisationen „laufen nun Gefahr, ihre Spendeneinnahmen überstürzt auszugeben, weil uns in vielen Ländern Gesetze zwingen, Spendenmittel nach bestimmten Regeln und zeitnah auszugeben. Das führt dazu, dass manche Organisationen Projekte starten, nur weil das Geld ausgegeben werden muss“.

Es drohe eine Wiederholung der Fehler, die nach dem Tsunami Ende 2004 in Asien gemacht wurden: „Weil sehr viel Geld vorhanden war, wurde es auch ausgegeben. Mit der Folge, dass die Baupreise explodierten und mit ihr die Korruption der lokalen Eliten. Die betroffene Bevölkerung wurde kaum in den Wiederaufbau eingebunden und weiterhin als Opfer betrachtet.“

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Umdenken gefordert

Deshalb fordert Wyslozil ein Umdenken. Die ausländischen Hilfsorganisationen unter Regie der UN-Organisation Ocha sollten den Wiederaufbau Haitis stärker auf Einheimische und lokale Initiativen stützen: „Jetzt schon müssten ungefähr 600 lokale Führungskräfte geschult werden. Aber keiner nimmt das in Angriff. So droht ein Scheitern der gut gemeinten langfristigen Bemühungen wie in Sri Lanka vor fünf Jahren.“ Dort habe an der vom Tsunami zerstörten Küste jede Hilfsorganisation ihren eigenen Claim abgestickt. Vyslozil: „Jede suchte eigene Kontakte zu lokalen Politikern. Vieles wurde doppelt, dreifach, vierfach getan.“

Der Chef der vom jährlichen Spendenaufkommen her führenden deutschen Hilfsorganisation, die auf Haiti seit über zwanzig Jahren zwei SOS-Kinderdörfer betreibt, geht davon aus, dass bisher „ein Drittel“ aller Spendengelder bei Katastrophen fehlinvestiert wird und in korrupten Strukturen versickert. Bislang gebe es kein übergreifendes Controlling, das den Geldeinsatz aller in einem Gebiet agierenden Organisationen koordiniert und überwacht. Vyslozil fordert deshalb „einen virtuellen Geldpool, wie er sich auf der Mikro-Ebene schon bewährt hat“.

Rund 2,5 Milliarden Euro wurden bisher weltweit für Nothilfe und Wiederaufbau in Haiti gespendet, schätzt Vyslozil. Basis für Vyslozils Hochrechnung ist eine Umfrage des Deutschen Zentralinsituts für soziale Fragen (DZI) unter 63 Hilfswerken und Spendenbündnissen. Daraus ging hervor, dass diese allein in zehn westlichen Ländern bis Mitte März rund 1,35 Milliarden Euro an Spenden für Haiti eingenommen hatten.

Nach absoluten Summen führen laut DZI dabei die USA mit umgerechnet 653 Millionen Euro und großem Abstand vor Deutschland (195 Millionen Euro). Nur in Kanada und Großbritannien kamen ebenfalls dreistellige Millionenbeträge zusammen. 

Doch rechnet man die Inhalte der nationalen Spendentöpfe auf die jeweilige Einwohnerzahl um, sieht das Ranking ganz anders aus. Mit 7,10 Euro gab jeder Schweizer im Durchschnitt. Die Eidgenossen liegen damit weit vor den Niederländern, die mit 4,10 Euro pro Kopf die zweiteifrigsten Spender sind und vor den Kanadiern mit 3,30 Euro pro Kopf auf Platz drei. Am knauserigsten waren die Italiener mit 0,90 und die Belgier mit 1,80 Euro pro Kopf. Und die Deutschen? Gaben je  2,40 Euro und liegen damit im unteren Mittelfeld. Mehr als das Dreifache der Summe für Haiti spendeten die Deutschen 2004/2005 für die Opfer der Tsunami-Katastrophe in Asien: 670 Millionen Euro. Und auch nach der Elbe-Flut 2002 gaben sie fast doppelt soviel wie für Haitis Erdbebenopfer, nämlich 350 Millionen Euro.

Vielleicht liegt es an der Skepsis gegnüber Haiti. Denn in einem anderen Ranking, dem der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, liegt Haiti auf Rang 168. Nur ein Dutzend Länder weltweit sind noch korruptionsanfälliger als der bitterarme Karibik-Staat.

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