Christine Hohmann-Dennhardt: „Wo Korruption herrscht, hat Demokratie keine Chance“

Christine Hohmann-Dennhardt: „Wo Korruption herrscht, hat Demokratie keine Chance“

, aktualisiert 09. Dezember 2011, 15:43 Uhr
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Christine Hohmann-Dennhardt im Interview mit dem Handelsblatt.

von Martin-W. Buchenau und Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Die neue Vorstandsfrau von Daimler für Integrität und Recht, Christine Hohmann-Dennhardt, spricht über Moral in der Wirtschaft – und weshalb ein Blumenstrauß noch keine Bestechung ist.

StuttgartDeutschlands Unternehmen rüsten auf. Gegen Bestechung und Betrug, gegen Datenklau und schwarze Kassen. Die Einhaltung von Recht und Gesetz hat höchste Priorität – weil hohe Strafen drohen, Reputation und Geschäft schweren Schaden nehmen können. Siemens gilt als Musterfall für Aufarbeitung und Gefahrenabwehr.

Doch auch die Vorstände der Bahn, von MAN und Thyssen-Krupp nehmen Compliance inzwischen sehr ernst, stecken Millionenbeträge in die Vorbeugung. Während die einen noch interne Verhaltensregeln aufsetzen, Arbeitsverträge umschreiben und Überwachungsabteilungen gründen, blicken andere schon skeptisch auf das Erreichte. Siemens etwa prüft, ob mit der 600 Mann starken ComplianceTruppe nicht schon zu viel des Guten getan wurde.

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Manche Verhaltensrichtlinien sind so kompliziert, dass Mitarbeitern nicht klar ist, was sie noch dürfen und was nicht. Eine bürokratische Überfrachtung droht. Diese Gefahr ist auch dem Autobauer Daimler bewusst – und seiner Compliance-Chefin Hohmann-Dennhardt, die seit Februar das neue Vorstandsressort leitet.
 
Handelsblatt: Frau Hohmann-Dennhardt, hat schon jemand versucht, Ihnen als Daimler-Vorstand ein Geschenk zu machen?

Christine Hohmann-Dennhardt: Bisher nicht.

Dürfte er denn – oder wäre das schon Bestechung?

Das käme darauf an, was man mir da anbietet. Zur Begrüßung einen Blumenstrauß, den habe ich bekommen. Insofern ist mein Nein zu relativieren. Aber ich glaube, dass dies üblich ist.

Das Thema Compliance hat eine enorme Karriere gemacht. Überrascht es Sie, dass die deutschen Konzerne das Thema jetzt erst entdeckt haben?

Nun gut, in dieser Art dafür Sorge zu tragen, dass Regeleinhaltung stattfindet, ist etwas Neues, was man aus den Vereinigten Staaten importiert hat. Gleichwohl muss man daran erinnern, dass es so etwas wie Compliance auch bei uns im Recht gegeben hat. Denken Sie nur an den Begriff des „ehrbaren Kaufmanns“ – das ist auch ein Rechtsbegriff gewesen und nicht nur ein moralischer Begriff. Aber auch die klassische Revision gehört dazu. Heute liegt der Akzent allerdings stärker auf der Vorbeugung gegen Regelverstöße – und da gab es in Deutschland einiges, was nachgeholt wurde.

Altgediente Vertriebsleute monieren, dass in bestimmten Ländern ohne Schmiergeld fast nichts geht. Ist gute Unternehmensführung ein schlechtes Geschäft?

Ich kenne diese Vorhaltungen. Dann sage ich immer: Daimler ist ein Weltunternehmen, es hat durchaus großen Einfluss und kann stolz sein auf seine Produkte. Mit uns will man gerne Geschäfte machen. Das ist ein Pfund, das wir in die Waagschale werfen können und damit auch Sorge dafür tragen können, dass Korruption in bestimmten Ländern bekämpft wird.


Den Kulturwandel mit Nachhaltigkeit versehen

Das sah man wohl nicht immer so. Erst im Jahr 2010 zahlte Daimler wegen Bestechungen eine Millionenstrafe an die US-Börsenaufsicht SEC. Hat der Konzern seine Lektion gelernt?

Davon bin ich überzeugt. Es hat hier in den vergangenen Jahren einen Kulturwandel gegeben. Es gilt jetzt – und das ist das Wichtigste meiner Aufgabe –, diesen Kulturwandel auch mit Nachhaltigkeit zu versehen.

Was hat sich genau geändert?

Es geht darum, zu definieren, wo das Unternehmen steht und welche Ziele es überhaupt verfolgt. Und bei diesen Zielen geht es darum, tolle Autos zu bauen und erfolgreiche Geschäfte zu machen. Aber es geht auch darum, sich seiner Verantwortung im Rahmen der Gesellschaften, in denen man tätig wird, bewusst zu sein – und Geschäfte auch so zu machen, dass sie anständige Geschäfte sind. Anständig im doppelten Sinn: erfolgreich und ehrbar.

Haben Sie sich schon aus bestimmten Ländern ganz zurückgezogen?

Wir haben unsere Geschäfte auch aus politischen Gründen in Iran eingefroren. Auch machen wir keine Geschäfte mehr in Myanmar und Nordkorea. Es ist aber nicht unsere grundsätzliche Strategie, bestimmte Länder zu meiden. Es geht uns stattdessen um Veränderungsprozesse in den Ländern. Wenn wir auf der ökonomischen Seite nicht mithelfen, dass sich die Standards ändern, dann kann sich in diesen Ländern nicht viel entwickeln. Wo Korruption herrscht, hat in der Regel Demokratie keine Chance, auf die Beine zu kommen.

Wann landet denn ein Fall überhaupt auf Ihrem Schreibtisch?

Das ist nicht so hierarchisch, wie Sie glauben. Wir schauen uns bestimmte Länder unter Compliance-Gesichtspunkten genau an und können gut einschätzen, wenn ein größeres Geschäft auf der Kippe steht. Natürlich ist der Vorstand dann eingebunden und wir entscheiden gemeinsam, ob ein Geschäftsabschluss rechtlich wie ethisch vertretbar ist oder eben nicht.

Korruption beginnt oft im Graubereich. Woher sollen die 260 000 Mitarbeiter weltweit wissen, was richtig ist – und was falsch?

Sie können Regelwerke schaffen, die bis ins Detail vorschreiben, welche Grenzen eingehalten werden müssen. Da kommen Sie aber in ein Gestrüpp von Vorschriften, die die Mitarbeiter nicht mehr überschauen können. Wir wollen versuchen, den Mitarbeitern mehr Verantwortung zu geben, und sagen: Ihr wisst es doch auch im Privaten, wie man sich verhalten muss. Wir wollen das übertragen auf das Unternehmen. Wir müssen den Leuten vertrauen und ihnen einen Kompass mitgeben.


Der neue Verhaltenskodex

Also braucht Daimler weniger statt mehr Regeln?

Ich denke ja. Wir wollen jetzt mit den Mitarbeitern über Integrität reden und die Ergebnisse dann in unsere neue Verhaltensrichtlinie einfließen lassen. Ich hoffe, dass wir dann ein Kompendium haben werden, das weniger Regeln, aber dafür mehr Hilfestellung und Rat bieten wird. Der neue Verhaltenskodex soll eine bessere Mischung aus Regeln und Beratung bieten.

Lassen sich Compliance-Verstöße komplett vermeiden?

Das geht weder bei Daimler noch bei anderen Großkonzernen oder der gesamten Gesellschaft. Da kann das Strafgesetzbuch noch so groß, können die vorbeugenden Maßnahmen der Polizei auch mit modernen Instrumenten noch so umfangreich sein.

Sie haben eine Hotline eingerichtet, um Missstände und Kollegen zu melden. Ist das keine Einladung zum Mobbing?

Die Hotline gab es schon vorher. Aber ich habe mir das gesamte Verfahren nochmals genau angesehen. Wir ermitteln inzwischen erst, wenn wir konkrete, faktische Anhaltspunkte haben. Wir ermitteln nicht ins Blaue hinein.

Kann der Betroffene Stellung nehmen und sich Rechtshilfe holen?

Ja, natürlich. Wir wollen ein faires Verfahren. Dazu gehört, dass beim Whistleblower-Verfahren auch die Rechte des Beschuldigten, von dem wir ja noch nicht wissen, ob er schuldig ist, gewahrt bleiben. Auch der Whistleblower muss geschützt sein. Das war ein Grund, warum wir uns entschieden haben, demnächst in das Verfahren einen Ombudsmann einzubeziehen, den wir ,neutralen Mittler’ nennen.

Sie haben zuletzt hart durchgegriffen, ein Betriebsrat wurde angezeigt, der US-Chef musste gehen. Wenn die Fakten für Sie klar sind, kennen Sie kein Pardon?

Es geht nicht um eine harte Linie. Aber wenn ein Fall unter Berücksichtigung aller Fakten nicht mehr tragfähig ist, dann müssen wir konsequent sein.

Frau Hohmann-Dennhardt, wir danken Ihnen für das Interview.


Zur Person: Christine Hohmann-Dennhardt

Studium: Christine Hohmann-Dennhardt wurde 1950 in Leipzig geboren. Nach dem Jurastudium in Tübingen wechselte sie nach Frankfurt und promovierte 1979 mit einer Arbeit über Entscheidungsstrukturen in Unternehmen und Arbeitnehmerinteressen. Danach arbeitete sie als Richterin an hessischen Sozialgerichten.

Politik: 1991 wurde sie für die SPD zunächst hessische Justizministerin, dann ab 1995 Ministerin für Wissenschaft und Kunst. 1999 ging sie zum Bundesverfassungsgericht.

Wirtschaft: 2011 zog sie als erste Frau in den Vorstand des Daimler-Konzerns ein, wo sie das neue Ressort „Integrität und Recht“ übernahm.


Quelle:  Handelsblatt Online
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