Christopher Wool: Maler ohne Pinsel - Seite 2

Christopher Wool: Maler ohne Pinsel

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„Ich lese kaum Bücher über Philosophie. Die finde ich einfach langweilig – genauso übrigens wie Kunsttheorien. Kunstgeschichte dagegen interessiert mich brennend. Genauso wie Biographien. Gerade lese ich drei: Über Picasso. Über Lenny Bruce, einen amerikanischen Stand-Up-Comedian und Satiriker. Und über den Boxer Sonny Liston. Außerdem ein Roman von Dennis Cooper.“

Wenn er nicht liest oder malt, geht Wool klettern. Oder er reist. Zum Beispiel nach Deutschland, wo er, als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, ab Sommer 1993 ein Jahr verbrachte. Meist in Berlin.

„Ein aufregender Ort zu einer aufregenden Zeit. So kurz nach dem Fall der Mauer, so viel Übergang. Ich erinnere mich noch genau an den Potsdamer Platz, der damals noch fast leer war. Eine riesige Wüstenei. Und all diese Untergrundclubs, großartig.“

Einer seiner Streifzüge durch die Berliner Szene macht sogar Schlagzeilen: In Claerchens Ballhaus wird Wool von einem Türsteher nicht eingelassen, weil der ihn für einen Türken hält. Erst als der Türsteher merkt, dass Wool Amerikaner ist, lässt er ihn durch. Wool nimmt’s cool.

„Weil ich kaum deutsch verstand, habe ich damals sowieso kaum mitbekommen, was eigentlich los war. Das hätte genauso in New York passieren können. Ich war froh, in Deutschland zu sein. Ich habe viele tolle Leute kennen gelernt, etwa Martin Kippenberger. Wir haben uns gut verstanden, er hatte eine unheimlich starke Präsenz, seine Energie reichte für zwei. Und ich hatte endlich auch Zeit zu lesen, nachzudenken, zu reisen.“

Dabei entstehen viele Fotos. Hunderte Schnappschüsse, oft unscharf oder verwackelt, die Wool als „Notizbücher meiner Reisen“ versteht. Sie werden zur Grundlage eines Buchs, das er 1993 veröffentlicht – der Titel: „Absent without leave“. Es hält flüchtige Eindrücke fest, zeigt die Plätze, die Wool passiert ohne Kamerabeweis wohl längst wieder vergessen hätte. Bilder von einem, der unterwegs ist. Auf der Suche. Auch in seiner Wahlheimat New York knipst er ständig. Vor allem auf dem Weg von seinem Apartment in der Nähe des Union Square zu seinem Atelier im äußersten Osten Manhattans.

Ein riesiges Loft, ruhig, mit tollem natürlichem Licht. Ziemlich ungewöhnlich für Manhattan. 1996 wurde es bei einem Brand, der vom Stockwerk darunter nach oben drang, ziemlich stark zerstört. Ich bekam einen Anruf von der Polizei, es war mitten in der Nacht. Ich dachte erst, so schlimm wird es schon nicht sein. Aber als ich am nächsten Tag vorbeischaute, merkte ich, dass all meine Arbeiten auf Papier vernichtet waren. Es war ein riesiger Schock. Ich brauchte acht Monate, um alles wieder aufzubauen.“

Eine knappe halbe Stunde dauert der knapp zwei Kilometer lange Spaziergang zwischen Wohnung und Atelier. Ein Weg, bei dem die Motive für Wool täglich sprichwörtlich auf der Straße liegen: abgewrackte Bürodrehstühle, Gebäudefassaden, Schaufenster, Straßenmüll, streunende Hunde. Wool drückt oft auf den Auslöser, ohne durch den Sucher zu schauen. Oft dient ihm, vor allem auf dem Rückweg nach Hause, den er oft erst weit nach Mitternacht antritt, allein das Blitzlicht als Orientierungshilfe für seine Sammlung mit dem Titel „East Broadway Breakdown“, die bald mehr ist als bloßes Notizbuch einer Metropole.

„Je öfter und intensiver ich diese Fotos betrachtete, desto klarer wurde mir, dass die Fotos Dinge spiegelten, die mich zunehmend auch in der Malerei interessierten: Der Zugang zur Komposition. Das Interesse für Details, die andere normalerweise gar nicht beachten. Das visuelle Drama. Und, natürlich auch, all die Unterschiede zwischen Fotografie und Malerei: Fotografien schaffen eine Anbindung ans wirkliche Leben.“

Da verwundert es nicht, dass Wool über Auswahl und Reihenfolge dieser Schnappschüsse für die Ausstellung im Museum Ludwig unbedingt selbst entscheiden wollte. Und bis kurz vor der offiziellen Eröffnung immer wieder umarangierte, Kleinigkeiten veränderte.

„Ich bin eben sehr akribisch, halte mich für sehr ordentlich. In meinem New Yorker Studio liegt zwar viel Zeug herum, aber es ist alles ziemlich gut organisiert. Die Meisten würden dieses Atelier wohl eher antiseptisch nennen.“

Das gilt auch für das zweite Standbein, das Wool sich vor kurzem gegönnt hat – ein Atelier und Wohnhaus in dem texanischen Dörfchen Marfa, das einst Donald Judd für sich entdeckte. Und in einen Hot Spot der Kunstwelt verwandelte.

New York wird zwar gerade wieder etwas interessanter, vermutlich wegen der Wirtschaftskrise. Das gibt dem Leben mehr Profil. Und erinnert mich ein wenig an die Zeit hier Ende der Siebzigerjahre, als ich nach New York kam. Eine harte Zeit war das damals, aber auch ziemlich aufregend. Da wir nie ein Sommerhaus hatten und ich Long Island einfach nicht mag, haben wir uns eben für Marfa entschieden. Auch wenn wir wahrscheinlich gekauft haben, als die Immobilienpreise noch sehr hoch waren. Aber wir mögen es dort einfach – auch, weil es schlicht das Gegenteil von New York ist. Ein netter, kleiner, sympathischer Flecken.

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