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Codename "Kombinat": Telekom: Rasterfahndung nach WirtschaftsWoche-Bericht

von Jürgen Berke und Hans-Peter Canibol

Ein WirtschaftsWoche-Bericht über Umzugspläne der Festnetzsparte animierte Verantwortliche der Deutschen Telekom zu einer Rasterfahndung gegen 68 konzerneigene Manager. Ein Prüfbericht zeigt nun die fragwürdigen Praktiken auf.

WirtschaftsWoche-Bericht vom 2. Juni 2005: Telekom-Konzernrevision empfahl "weitere systematische Analysen" anzustellen
WirtschaftsWoche-Bericht vom 2. Juni 2005: Telekom-Konzernrevision empfahl "weitere systematische Analysen" anzustellen

So aufgebracht hatten die Mitarbeiter in der Bonner Telekom-Zentrale ihren Festnetz-Vorstand Walter Raizner noch nie erlebt. Wutschnaubend, berichten Insider, rannte der damalige T-Com-Chef am 2. Juni 2005 durch die Flure und wollte wissen, wer die Umzugspläne verraten habe. Die WirtschaftsWoche hatte exklusiv berichtet, dass Raizner Bonn als Sitz der Festnetzsparte infrage stelle und einen Umzug nach München oder in eine andere Großstadt plane. Mehrere Hundert Führungskräfte hätten die ehemalige Bundeshauptstadt verlassen müssen.

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Für Raizner war die frühzeitige Veröffentlichung ein Fiasko. Der damalige Konzernchef Kai-Uwe Ricke, der schon Zustimmung signalisiert hatte, rückte von den weit gediehenen Umzugsplänen ab. Die Zentrale der Festnetzsparte blieb in Bonn.

Was im Anschluss an die Veröffentlichung bei der Telekom passierte, blieb auch der Anwaltskanzlei Oppenhoff & Partner nicht verborgen. Sie fand die Machenschaften so auffällig, dass sie diese in ihren Prüfbericht zur Spitzelaffäre aufnahm, der der WirtschaftsWoche vorliegt. Demzufolge ließ Raizner seinem Wutausbruch fragwürdige Taten folgen. Denn er beauftragte, so der Prüfbericht, die Konzernrevision, bei der ganzen Deutschen Telekom nach der undichten Stelle zu fahnden. Die Prüfer sollten ganz schnell eine Liste aller an dem Umzugsprojekt (Codename „Kombinat“) beteiligten Manager und Mitarbeiter erstellen und herausfinden, wer die WirtschaftsWoche-Redakteure Jürgen Berke und Thomas Kuhn informiert hatte.

68 Mitarbeiter nach der Veröffentlichung überprüft

Ex-Telekom-Vorstände hatten schon damals das ungute Gefühl, dass hier eine echte Rasterfahndung stattfand und auch die Verbindungsdaten und der E-Mail-Versand der beteiligten Telekom-Manager ausgewertet wurden. Die Revision war sich jedenfalls der Dringlichkeit des Sonderauftrags bewusst und legte bereits am 20. Juni ihrem Auftraggeber Raizner einen Zwischenbericht vor. Eine Kopie ging an den Hauptverdächtigen in der Spitzelaffäre, den für Sonderermittlungen in der Konzernsicherheit zuständigen Telekom-Manager Klaus Trzeschan.

Das Ergebnis: Insgesamt hätten kurz vor Veröffentlichung in der WirtschaftsWoche 68 Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen und Führungsebenen vom Umzugsprojekt „Kombinat“ gewusst. Der Zwischenbericht, den der Anwalt eines der WirtschaftsWoche-Redakteure einsehen konnte, listet die Namen aller herausgefilterten Telekom-Manager heraus, wann diese in die Umzugspläne eingeweiht worden waren und wer von ihnen Vertraulichkeitserklärungen unterschrieben hatte. Die Indiskretion komme aber von ganz oben aus dem Bereichsvorstand oder dem Konzernvorstand, fand die Revision heraus, weil nur die Vorstandsmitglieder alle in der WirtschaftsWoche veröffentlichten Schlüsselinformationen gekannt hätten.

Stutzig machte die Anwaltskanzlei Oppenhoff & Partner eine Anregung, die in dem Zwischenbericht ausdrücklich festgehalten ist. Um den Verräter in der Telekom zu finden, schlug die Konzernrevision nämlich „in enger Zusammenarbeit mit der Konzernsicherheit weitere systematische Analysen“ vor. Dazu passt ein Vermerk, den die Anwälte fanden, demzufolge diese „Analysen“ bereits unter der Verantwortung von Herrn Trzeschan „in Arbeit“ seien, wie der Zwischenbericht zitiert. Die Revision schlug jedenfalls Raizner vor, weitere Recherchen in Zusammenarbeit mit der Konzernsicherheit anzustellen.

Die Telekom behauptet, dass das Projekt nach Vorlage des Zwischenberichts gestoppt worden sei. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es im Rahmen der Quellensuche für die Umzugspläne von T-Com Bespitzelungen gegeben hat“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Konzerns. „Der Revisionsbericht befasst sich ausschließlich mit der Ermittlung der internen Quelle. Da bereits nach kurzer Zeit feststand, dass 68 Personen von dem Thema wussten, stellte die Revision die Arbeit als nicht weiter zielführend ein.“

Aus heutiger Sicht kann die Deutsche Telekom der WirschaftsWoche dankbar für die vorzeitige Veröffentlichung sein. Denn der abrupte Stopp aller Umzugspläne hat dem Magenta-Riesen auf jeden Fall viele Millionen gespart. Die jetzt bevorstehende äußerst komplizierte Fusion der Mobilfunksparte T-Mobile und der heutigen Festnetzsparte T-Home wird vor allem dadurch erleichtert, dass beide Geschäftsbereiche immer noch ihre Zentrale in Bonn haben.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 19.06.2009, 19:31 UhrAnonymer Benutzer: Klartexter

    ich finde es ausgesprochen gut, dass gerade die Wirtschaftswoche als Wirtschaftsblatt sich darum bemüht derlei kriminelle Machenschaften wie sie bei der Stasikom in Serie gepflegt werden, an die Öffentlichkeit bringt. Plumpe beweihräucherung solcher Konzerne zum Zwecke des Erhalts eines Werbekunden wäre schon eher echtes bilD-Zeitungs Niveau! ich hoffe, dass noch weit mehr Konzerne mit ihrem gesetzeswidrigen Fehlverhalten auffliegen und deren Machenschaften öffentlich werden. Hier muss schleunigst die Null-Toleranz Regel der allgemein gültige Maßstab werden. insbesondere auch bei Ex-Staatskonzernen mit ihrem behördennahen Verhaltensmustern, die noch immer nicht begriffen haben, dass sie ihren einstigen in behördlicher Selbstanmaßung gepfegten Götterstatus nun nicht mehr haben. Die Auffälligkeit mit der gerade die Ex-Staatskonzerne Gesetze regelmäßig missachten, ist übrigens auch eine Einladung für sämtliche Ermittlungsbehörden und Medien, gerade auch mal unsere behörden bezüglich ihrer Gesetzestreu genauestens unter die Lupe zu nehmen.

  • 19.06.2009, 16:50 UhrAnonymer Benutzer: Markus Schmidt

    ich finde es bedauerlich, wenn sich WiWo damit rühmt Firmeninternas veröffentlich zu haben. Das schadet den Unternehmen und führt zu einem Misstrauensverhältnis. Dieser Vorgehen und der ironische Kommentar, dass aus heutiger Sicht die Deutsche Telekom der WirschaftsWoche dankbar für die vorzeitige Veröffentlichung sein kann hat schon echtes biLD-Zeitungs Niveau.

  • 19.06.2009, 14:44 UhrAnonymer Benutzer: nn

    Kombinat passt gut zu den Stasi-Methoden

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