Crazy America: Adam, Eva und die Dinos

Crazy America: Adam, Eva und die Dinos

Die Vizepräsidenten-Kandidatin Sarah Palin hat sich dafür ausgesprochen, an amerikanischen Schulen die Schöpfungsgeschichte gleichberechtigt mit der Evolutionslehre zu unterrichten.

Was das bedeutet, zeigt der Besuch in einem Museum in Kentucky, das bibelgläubigen Amerikanern den Beleg dafür liefern will, dass die Erde erst vor 6.000 Jahren geschaffen wurde – in einer Woche vom Lieben Gott, und dass Charles Darwin ein Scharlatan war.  

Kinder sind leicht zu manipulieren. Aber sie sind auch schlau – die meisten jedenfalls. Was muss man ihnen also als erstes erklären, wenn man sie davon überzeugen will, dass die Erde nicht, wie in der Schule gelernt, Milliarden von Jahre alt ist, sondern nur 6.000? Ganz klar: das mit den Dinosauriern. Jeder aufgeweckte sechsjährige weiß, oder glaubt zu wissen, dass die faszinierenden Riesen vor langer, langer Zeit gelebt haben, als es noch keine Menschen auf unserem Planeten gab. Um sie eines Besseren zu belehren sind in dem vor knapp zwei Jahren eröffneten Museum in Petersburg bei Cincinnati im US-Bundesstaat Kentucky die prähistorischen Riesen fast überall: an den Eingangstoren, im Museumsgarten, über der Tür zum Museumsshop und natürlich in der Ausstellung selbst. Dort tummeln sie sich im Garten Eden – friedlich versteht sich, ganz anders als bei Jurassic Park, denn damals waren sie alle Vegetarier, erst nach dem Sündenfall fielen sie übereinander und über andere her. Was Forscher heute an Dino-Knochen aus der Erde buddeln, so lautet die Erklärung für das Aussterben, wurde allerdings durch die Schlammmassen der Sintflut vor erst rund 4.350 Jahren verschlungen und bedeckt. Selbst den Grand Canyon – der soll nach den Erkenntnissen traditioneller Wissenschaft doch auch ziemlich alt sein – frästen in Rekordzeit  göttlich bewegte Wasserstrudel ins Gestein.

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So so. 27 Millionen Dollar investierte die christliche Gruppe Answers in Genesis (AiG) in „The Creation Museum“. Es heizt die heftige Kontroverse an, die sich in den Vereinigten Staaten zwischen den bibeltreuen Gläubigen  der Schöpfungsgeschichte und den Anhängern der Darwin´schen Evolutionstheorie in den vergangenen Jahren sehr verschärft hat. Bereits vor der Eröffnung des Museums gab es Proteste von Wissenschaftlern, die befürchten, Schüler könnten demnächst gegen ihre Lehrer aufbegehren und ihnen entgegnen, alles, was sie in der Schule über die Evolution lernten sei eine Lüge, das hätten sie in diesem Museum gesehen.

Das könnte passieren. Der missionarische Auftrag und Eifer der Museumsbetreiber ist kaum zu verbergen. „Wir werden zeigen, dass der Glaube an jedes Wort der Bibel durch moderne Wissenschaft verteidigt werden kann,“ rief Ken Ham, der Chef von AiG bei der Eröffnungszeremonie seinen begeisterten Anhängern zu. Stephen T. Asma, Autor eines Buchs über Naturkundemuseen findet das Museum zwar schräg und amüsant, doch wenn er daran denke, dass viele Kinder es unvorbereitet und unkritisch besuchen würden, „verschwindet mein Sinn für Humor“.

Vor allem Familien mit Kindern lassen sich von den stattlichen Eintrittsgebühren von 20 Dollar für Erwachsene und zehn Dollar für Kinder von fünf bis zwölf nicht abschrecken. In der Eingangshalle reiten Vorschulkinder auf Dinosaurier-Attrappen und bestaunen die Lebend-Schildkröten in einem Aquarium.

„Gottes Wort ist wahr“ so lautet die Überschrift über dem ersten Teil der Ausstellung, die den Glauben an die Schöpfungsgeschichte bis zu  Adams Sündenfall - exakt im Jahr 4004 vor Christus  - als eine alternative wissenschaftliche Theorie neben die Erkenntnisse moderner Forschung stellt. Etwas weiter wird dann klarer, wozu es führt, wenn man Gottes Wort verleugnet. In einer düsteren Ecke mit Ziegelsteinwänden, die an einen Hinterhof in der Bronx erinnern, mit einer verbeulten Mülltonne in der Ecke, Abfall und Dreck auf dem Boden, schreit den Museumsbesucher ein Grafitti an: „Modern World abandons the Bible“, die moderne Welt leugnet die Bibel. Gleich links daneben an der Wand eine Sammlung von zerrissenen Fetzen wild übereinander geklebter Zeitungsausschnitte und Titelbilder, die keinen Zweifel daran lassen, was die Folgen sind: Schwulenehe, Abtreibung, Sterbehilfe, Schiessereien an Schulen, Stammzellenforschung, Sex und Pornografie. Aus dem Off belehrt eine Stimme über die Zahl von Mädchen, die in den USA jung schwanger werden und vorehelichen Geschlechtsverkehr haben.  

Vegetarier sind einfach die besseren Menschen

Was das denn alles in einem Museum zu suchen habe, wird einer der Museumswächter, die in einer braunen Uniform aufmerksam die Gänge patrouillieren, von einem jungen Studenten gefragt, den die Neugier hierher geführt hat und der sich mit seinem Kumpel beim Rundgang offenbar köstlich amüsiert. Es sei Teil der Ausstellung antwortet der Wärter reichlich nichts sagend. Den größten Spaß haben die beiden jungen Männer in der Abteilung Paradies: Adam und Eva sich anschmachtend im Pool unter einem Wasserfall, von weißen Seerosen umgeben, beide nackt, aber man sieht nichts, ihre Brüste sind von langen Haaren bedeckt. Was hätten wir es doch nett haben können, hätte Adam nur nicht den blöden Apfel gegessen, witzeln die beiden Studenten. Tod, Krankheiten, Gift, Unkraut im Garten, schwere Arbeit – das alles gab es erst nach Adams Sündenfall. Auch Fleischfresser – wir ahnten es: Vegetarier sind einfach die besseren Menschen. Dass es dann – logischerweise – auch keine Steaks gab, das gibt den beiden Studenten in ihrer Begeisterung für den Garten Eden allerdings zu denken.   

Die Kontroverse um das neue Museum lässt eine Auseinandersetzung wieder aufleben, die vor 82 Jahren mit einer Niederlage der Bibelgläubigen um einen gewissen William Jennings Bryan vor einem Gericht in Dayton, Tennessee die amerikanische Nation bereits einmal in zwei Lager gespalten hat. „Das war das erste mal, dass die Bibel in den Medien lächerlich gemacht wurde in Amerika,“ sagt AiG-Präsident Ham, “doch wir werden die Antworten geben, die Bryan damals nicht geben konnte. Wir werden zeigen, dass der Glaube in jedes Wort der Bibel durch moderne Wissenschaft belegt werden kann.“

Rund 800 Wissenschaftler aus den benachbarten US-Bundesstaaten haben ein Papier des National Center for Science Education unterschrieben, in dem sie ihrer Sorge über das aus naturwissenschaftlicher Sicht unkorrekte Material des Museums Ausdruck verleihen: „Schüler, die dieses Material als wissenschaftlich valide akzeptieren, werden kaum ihre Kurse in Naturwissenschaften auf College-Niveau erfolgreich abschließen können.“

Allzu viel Schaden unter den noch nicht vom Virus der Was-in-der-Bibel-steht-stimmt-aufs-Wort-Gläubigen erfassten wird das Museum ohnehin nicht anrichten können. Dazu sind die Widersprüche zu unübersehbar. Im Planetarium, das –wahrscheinlich sogar wissenschaftlich korrekt  - das Universum abbildet und sogar den Platz der Erde irgendwo am Rande der Milchstraße zeigt (jawohl, die Erde dreht sich um die Sonne), fragt nach der Show ein vielleicht Zehnjähriger mit Sommersprossen seinen Dad, wie es denn sein kann, dass Licht Millionen von Jahre unterwegs ist, wenn das ganze Universum doch erst vor 6.000 Jahren erschaffen wurde. „Es hat wohl eine Abkürzung gefunden oder kann irgendwie schneller voran kommen,“ antwortet der. So oder so ähnlich lautete auch die Erklärung während der Show.  

Tim Wildmon, der Präsident der American Family Association, lieferte – wenn auch möglicherweise unbeabsichtigt, den bisher treffendsten Kommentar zum neuen Museum:

„Incredible“ – unglaublich. Wie wahr.

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