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DaimlerChrysler: Lost in Untertürkheim

von thomas.katzensteiner@wiwo.de und franz w. rother

Zu komplexe Autos, verwachsene Konzernstrukturen, renitente Ingenieure. DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche ringt mit dem Erbe seiner Vorgänger.

dpa
DaimlerChrysler-Chef Zetsche: Die R-Klasse muss ein Erfolg werden.

Jackie Stewart liebt das Ding. Sechs Einzelsitze stehen wie in einem Businessjet in drei hintereinander angeordneten Reihen. Abheben kann der Mercedes R63 AMG zwar noch nicht, aber er ist nah dran: Unter der gewölbten Haube schlummert ein gewaltiger V8-Motor mit 510 PS. An der Ampel versägt die über zwei Tonnen schwere Familienkutsche ohne größere Mühe selbst ausgemachte Sportwagen. Ex-Formel-1-Rennfahrern gefällt so etwas und so lief der Schotte auf dem Genfer Automobilsalon zu AMG-Chef Volker Mornhinweg: Er brauche für seine Familie unbedingt einen R63 AMG, rief Stewart begeistert. DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche muss so prominenter Zuspruch freuen. Denn die R-Klasse – jene Mischung aus Van, Geländewagen und Kombi, die Mercedes in der zivilen Ausführung seit September des vergangenen Jahres in den USA und seit Anfang Februar in Deutschland anbietet, darf nicht floppen. Zwar machte der neue Raumgleiter auf dem wichtigsten Absatzmarkt USA im Februar gegenüber Januar einen Sprung von rund 700 auf fast 2500 verkaufte Autos, doch ob der Erfolg dauerhaft ist, steht in den Sternen: Händler diesseits und jenseits des Atlantiks berichten, dass die Kunden das Auto eher skeptisch beäugen. Der R sei mit 51 504 Euro und mehr „entschieden zu teuer“, sagt ein deutscher Händler. Auch bei Mercedes gibt man sich bisher zurückhaltend, was den Erfolg des neuen Modells angeht. „Neue Fahrzeugkonzepte brauchen Zeit, damit sich der Kunde daran gewöhnen kann,“ sagt DaimlerChrysler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber. Der R ist symptomatisch für das schwere Erbe, dass DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche von seinen Vorgängern Jürgen Schrempp und Jürgen Hubbert übernommen hat. Zwar hat Zetsche eine reich bestückte Modellpalette geerbt, zum großen Wachstumssprung hat die Marke mit der Strategie, jede Nische in der Nische zu suchen, bisher aber nicht angesetzt. Während Mercedes inzwischen 13 Modellreihen produziert, sind es beim Konkurrenten Audi nur sechs und bei BMW neun inklusive Mini. Trotzdem verkauften die Münchner im vergangenen Jahr mehr Autos als Mercedes. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres lag Mercedes bei den Neuzulassungen in Deutschland laut Kraftfahrt-Bundesamt um 9,6 Prozent unter Vorjahr, Konkurrent Audi um 11,8 darüber.

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Der Nachlass, den Zetsche übernommen hat, besteht zudem aus beispiellos komplexen Fahrzeugen, die auf wenig flexiblen Anlagen gebaut werden. Nur wenige lassen sich auf ein und demselben Band montieren, weil die Produktionsanlagen nicht so flexibel sind wie beim Konkurrenten BMW. „Wir müssen dahin kommen, mehr Fahrzeuge auf einer Linie zu produzieren“, sagt Entwicklungsvorstand Weber. Dazu kommt eine kostentreibende technische Vielfalt, von der die Kunden nicht immer etwas merken. So ist allein die Zahl der möglichen Außenspiegelvarianten für A- und B-Klasse vierstellig. Die R-Klasse wird im US-Werk in Alabama zwar auf einem Band mit dem Geländewagen M montiert. Trotzdem sind nach Ansicht von Branchenexperten die Kosten für das Fahrzeug wegen teurer Features wie der luxuriösen Einzelsitze in der zweiten Reihe und des Allradantriebs hoch. Dabei dürften nur wenige R-Fahrer derlei Ingenieurskunst wirklich brauchen. So greift die solvente Kundschaft nach Angaben von Händlern statt zur R-Klasse lieber gleich zum vergleichbar teuren M. Intern, so ist zu hören, wird nun diskutiert, in der Basisversion wieder eine konventionelle Rücksitzbank einzubauen und eventuell auch eine Version ohne Allrad anzubieten.

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