DB-Bahnhofschef Zeug: "Das tut mir in der Seele weh"

DB-Bahnhofschef Zeug: "Das tut mir in der Seele weh"

Bild vergrößern

Hauptbahnhof von Leipzig

von Christian Schlesiger

Der Vorstandsvorsitzende von DB Station & Service über Standesämter im Bahnhof, Vermarktungsstrategien und die Suche nach Trendsettern.

WirtschaftsWoche: Herr Zeug, 5400 Bahnhöfe befinden sich im Besitz der Deutschen Bahn - 2900 davon mit Gebäuden, in denen sich Geschäfte und Büros ansiedeln lassen. Doch große Bahnhöfe vermarkten Sie meist mit fremder Hilfe. Der Shoppingmalbetreiber ECE betreibt etwa das Einkaufszentrum im Leipziger Bahnhof für die kommenden 30 Jahre. Sind Sie damit selbst überfordert?

André Zeug: Früher war das vielleicht der Fall, heute nicht mehr. Wir nehmen die Vermarktung sukzessive wieder verstärkt selbst in die Hand, so beispielsweise in Hannover und Köln. Beide Bahnhöfe laufen seit vergangenem Jahr wieder unter unserer Kontrolle. Es tut mir in der Seele weh, wenn einzelne Bahnhofsgebäude noch immer unter fremder Regie geführt werden, weil dort Erbpachtverträge laufen. So zum Beispiel der Nordsteg im Hamburger Hauptbahnhof. Den würde ich gerne übernehmen.

Anzeige

Was machen Sie denn anders als die hoch professionellen Shoppingmall-Betreiber?

Wir orientieren uns noch stärker am Bedarf des Reisenden und strukturieren unsere Vermarktung den Bedürfnissen entsprechend. Darin liegt eine unserer Kernkompetenzen. Am Ende des Tages wollen wir natürlich Geld verdienen. Das gelingt uns sehr gut. Der Hauptbahnhof Hannover hat etwa acht Prozent mehr Umsatz gemacht, nachdem wir die Vermarktung übernommen haben.

Vor allem dank der großen Einzelhandels- und Gastroketten, die fast in jedem Bahnhof zu sehen sind... 

Diese Kunden haben natürlich ein großes Interesse daran, in die großen Bahnhöfe zu kommen. Sie sagen, dass kein Standort so stabil laufe wie der Laden im Bahnhof. Namhafte Ketten stehen daher  Schlange, um sich die frequenzstarken Flächen in Großstadtbahnhöfen zu sichern. Mit Köln und Hannover können wir ihnen nun zwei weitere Bahnhöfe anbieten. Allerdings werden wir uns nicht von einzelnen Großkunden abhängig machen. Jeder Bahnhof braucht einen gesunden Branchenmix.         

Im Bahnhof findet man vor allem Convenience und Food. Bleibt es dabei?

Die Schwerpunkte bleiben im Kern erhalten. Die Fahrgäste wollen in den Bahnhöfen ihre Geschäfte des täglichen Bedarfs erledigen. Die Preise dürfen auch schon mal ein paar Cent höher liegen. Aber wir suchen auch Einzelhändler, die bereit sind, neue Konzepte auszuprobieren. Bahnhöfe sollen sich zu einem Trendsetter für Einzelhandelskonzepte entwickeln. In Stuttgart testete beispielsweise eine Blumenladenkette ein neues Konzept aus Frankreich. Die hohe Kundenfrequenz macht den Bahnhof zu einem Testfeld für Innovationen.

"Nukleus für Stadtentwicklung"

Profitieren Sie auch vom Umsatz der Läden?

Ja. Die Mieten bestehen aus einem festen Teil und umsatzabhängigen Einnahmen. Die Höhe der Umsatzbeteiligung variiert je nach Branche, Ladengröße und Standort. Ein Kaffeeshop, der weitaus weniger Fläche verbraucht, aber hohe Margen am Verkauf von Latte Macchiato und Espresso verdient, muss beispielsweise einen höheren Prozentanteil seines Umsatzes abführen als eine Drogerie, die für ihre Produkte weitaus größere Flächen anmieten muss. Wir brauchen eben auch den Branchenmix im Bahnhof.

Vor allem kleinere Bahnhöfe tun sich aber schwer, sind oft dreckig und rotten vor sich hin. Haben kleine Bahnhöfe überhaupt eine Chance, sich zu entwickeln?

Das Potenzial hängt von der Anzahl der Reisenden ab. In Metropolen und mittelgroßen Städten laufen die Geschäfte in den Bahnhöfen fast von allein. 80 Prozent der Reisenden verkehren in 20 Prozent der Bahnhöfe. Unser Problem sind die kleinen Bahnhöfe. Graffiti, Vandalismus und niedrige Reisendenfrequenzen machen die Bahnhöfe höchst unattraktiv. Selbst ein Kiosk lässt sich bei weniger als tausend Reisenden pro Tag kaum mehr wirtschaftlich betreiben. Bei der Weiterentwicklung unserer kleinen und mittleren Bahnhöfe setzen wir verstärkt auf die Zusammenarbeit mit den Kommunen.

Auch bei größeren Bahnhöfen gibt es schicke Empfangsgebäude, aber schäbige Vorplätze…

Das Problem bei der Weiterentwicklung von Bahnhöfen ist, dass die städtischen Vorplätze selten Hand in Hand gehen mit dem Fortschritt des Bahnhofs. Am Beispiel Aschaffenburg ist das aber sehr gut gelungen. Die Stadt Aschaffenburg gestaltet analog zum gerade eingeweihten Bahnhof bis Anfang 2012 mit einer Investition von 17 Millionen Euro das gesamte Bahnhofsumfeld neu. Es werden umfangreiche Stadterneuerungsmaßnahmen durchgeführt, beispielsweise entstehen eine Park & Ride Anlage und ein moderner Omnibusbahnhof. Unsere neuen Bahnhöfe werden oft zum Nukleus für Stadtentwicklung. Allerdings folgt diese oft erst Jahre nach dem Bahnhofsbau. So ist es auch in Berlin. In zehn bis 20 Jahren wird sich aber auch um den Berliner Hauptbahnhof ein dynamisches Stadtviertel entwickelt haben.

Bundesweite Streiks der Lokführer führen zu stundenlangen Verzögerungen. Ist das nun gut oder schlecht fürs Geschäft? 

Eine Zugverspätung von bis zu 30 Minuten führt bei umliegenden Geschäften zu Mehrumsatz. Darüber hinaus beginnt bei den Fahrgästen der Ärger. Danach kümmern sie sich mehr darum, neue Verbindungen oder nach Alternativen zu suchen. Dann ist der Konsum zweitrangig. 

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%