Debitel/dug: Kundenansturm um 6.08 Uhr

Debitel/dug: Kundenansturm um 6.08 Uhr

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Vertragsverlängerung

von Jürgen Berke

Durch Datenmissbrauch schraubte Debitel seine Absatzzahlen hoch – mitten in den Übernahmeverhandlungen mit Freenet.

Rudi Müller* gehört zu den Handyhändlern, die früh aufstehen. Offiziell öffnet der dug-Laden erst um zehn Uhr. Doch wie so oft in den vergangenen drei Monaten beginnt am 19. Juni 2008 Müllers erste Schicht um 6.00 Uhr früh. Dann wählt sich der Shop-Leiter oder einer seiner Mitarbeiter in die Datenbank von T-Mobile ein und fahndet systematisch nach Kunden, deren Verträge in den nächsten sechs Monaten auslaufen.

Es ist ein lukratives Geschäft. 45, meist um einen Zähler aufsteigende Rufnummern rattern zwischen 6.08 und 6.10 Uhr durch das System. Illegale Massendatenabfrage nennen Experten so etwas.

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Zehn Mal schlägt der Computer in diesen zwei Minuten an und holt Kunden aus den Tiefen der Datenbank, deren T-Mobile-Vertrag bald ausläuft. „Prozess Vertragsverlängerung wird aufgerufen“, heißt es in einem internen Protokollausdruck des Überwachungssystems, mit dem die Telekom den Missbrauch von Kundendaten verhindern will. Das Papier liegt der WirtschaftsWoche mit allen Rufnummern und Aufrufzeiten vor.

Sicherheit deaktiviert

Offensichtlich sind an diesem Morgen Sicherheitsvorkehrungen deaktiviert. Denn eigentlich müsste jeder Kunde dem Händler erst durch Eingabe eines Codes (TAN-Verfahren) den Zugriff auf seine Daten erlauben. Doch die TAN-Pflicht ist abgeschaltet. Nur deshalb kann der dug-Händler in schneller Folge Rufnummern eingeben und Vertragslaufzeiten abfragen. Auch die von T-Mobile eingeführte Begrenzung auf 30 Zugriffe pro Stunde funktioniert nicht: Beim 45. Zugriff läuft die Abfrage noch wie geschmiert.

Die Protokolle bringen die Telekom-Spitze in Bedrängnis. Denn der Datenmissbrauch in den dug-Shops begann im April 2008, mitten in den Übernahmeverhandlungen zwischen Freenet und Debitel. Sie dienten offenbar dazu, weitere Boni für übertroffene Absatzziele einzustreichen.

Der Missbrauch hörte auch nicht auf, als T-Mobile und Freenet nach vollzogener Übernahme von Debitel auf einem Vorstandstreffen am 17. Juni 2008 über den „unerlaubten nächtlichen Massendatenabgleich“ sprachen und die Unternehmenssicherheit von T-Mobile einschalteten, wie aus einer damals vorgelegten Präsentation hervorgeht. Passiert ist nichts. Zwei Tage später startete Händler Müller erneut eine Massendatenabfrage.

T-Mobile hätte früher einschreiten können. Schon im April zeigen die Monatsauswertungen von T-Mobile, die der WirtschaftsWoche vorliegen, dass die über 400 dug-Shops extrem viele Verträge verlängerten. Statt geplanter 4780 Vertragsverlängerungen gaben die Händler 13.818 in die Telekom-Systeme ein, 292 Prozent über Plan. Noch besser war der Mai (siehe Grafik). Selbst im Juni, als die Vorstände den Missbrauch offiziell zur Sprache brachten, ging T-Mobile in einer ersten Hochrechnung von mehr als 18.000 Verlängerungen aus.

Der Glanz der Zahlen hat wohl geblendet. In einer späteren Untersuchung stellt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers fest, dass auch zwei T-Mobile-Manager „Kenntnisse“ von der missbräuchlichen Nutzung der Daten hatten.

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