Design: Designer-Möbel im Praxistest

Design: Designer-Möbel im Praxistest

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Vorlesen in der Panton-Lounge: "Papa, so soll mein Kinderzimmer auch sein"

Designer prägen mit ihren Möbeln unser Leben. Aber wie gemütlich ist es in Verner Pantons Wohnlandschaft, wie gut sitzt man auf einem Stuhl aus Stahl, wie schmeckt das Abendessen an einem asymmetrischen Tisch? Ein Praxistest.

Brauner Bär hat es eilig. In Windeseile reitet er auf seinem Rappen Kleiner Donner. Da taucht plötzlich die Rote Schlucht auf. Kleiner Donner bäumt sich auf, Brauner Bär stürzt in die Tiefe. „Uaah!“ Benommen rappelt sich der Indianerjunge auf, zieht sich die Felsen hoch. Und findet sich wieder an den Hängen der Blauen Berge – als Zwergenkönig Elias I. Behände klettert er auf seinen Thron in knalligem Lila. „Papa, ich bin ganz oben!“

Kleiner Bär alias Elias I. heißt im wahren Leben Bennett, ist fünf Jahre alt und lässt seiner Fantasie gerade freien Lauf, während er mit mir, seinem Vater, durch sein Kurzzeit-Zuhause tobt – die Wohnlandschaft Phantasy Landscape Visiona II, entworfen 1970 von der dänischen Designer-Legende Verner Panton. Dessen grellbunte Grotte gilt als Ikone unter den Wohnvisionen, die in den Siebzigerjahren die Zukunft des Zusammenlebens jenseits von Nierentisch-Romantik und skandinavischer Kiefernholz-Hölle neu definieren wollte. Und die wir für eine Nacht auf ihre Praxistauglichkeit testen.

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Eines der wenigen jemals produzierten Exemplare steht bis Mitte April 2009 im Kunstmuseum Wolfsburg – als Teil der Ausstellung „Interieur Exterieur – Wohnen in der Kunst“. Von Caspar David Friedrichs ölbildlicher Beschäftigung mit dem Verhältnis von Innenraum und Außenraum bis zum Modell der futuristischen, vollständig verglasten Wohnkapsel R 129 des Stuttgarter Ingenieurs Werner Sobek schickt die monumentale Schau den Besucher auf eine Reise durch die Geschichte des Wohnens des 19. und 20. Jahrhunderts – ein Wechselspiel zwischen plüschigem Dekor der guten Stube und kühlem Ambiente rationaler Wohnmaschinen.

Essen, Toben, Spielen, Schlafen - bestehen Designmöbel den Praxistest?

Ein Diskurs, der Wohnen als Synonym sieht für die „Suche der modernen Seele nach angemessener Behausung im Kosmos einer durchrationalisierten Welt“, wie Museumsdirektor Markus Brüderlin sagt. Kaum ein Thema beschäftigt die Menschen so wie das Leben in den eigenen vier Wänden. Wohnen, das wusste schon Philosoph Martin Heidegger, ist „eine Weise des In-der-Welt-Seins des Menschen, eingelassen in ein Geviert aus Erde und Himmel“.

Unser Geviert wird in den nächsten 18 Stunden das Wolfsburger Ausstellungsgelände sein, unser Sein sich – auf Schritt und Tritt von zwei Museumswächtern begleitet – um konkrete Fragen drehen: Taugen die mal wohlmeinenden, mal verkopften, mal visionären, meist sündhaft teuren Entwürfe und Vorstellungen, die sich Designer und Künstler über die Jahrzehnte von Sofas, Stühlen, Liegen, Sesseln, Wohnlandschaften gemacht haben, auch für den täglichen Gebrauch? Bestehen sie nicht nur den Geschmacks-, sondern auch den Alltagstest beim Essen, Toben, Spielen, Schlafen? Halten sie dem unvoreingenommenen Blick eines Kindes und den Bedürfnissen eines seit 40 Jahren malträtierten Rückens stand?

Bei Pantons Wohngrotte entstehen erste Zweifel. Zwar wollte der Däne, der schon Mitte der Fünfzigerjahre als „Picasso unter den Designern“ galt, Möbel entwerfen, die „menschliche Tätigkeiten und Funktionen so sinnvoll wie möglich unterstützen“ – für Menschen, die „etwas haben wollen, was es noch nicht gibt“. Etwa einen Wohnturm, der sich bis unter die Zimmerdecke stapeln ließ, Stühle in Tütenform und den ersten aus einem Guss gefertigten Kunststoff-Freischwinger. Pantons Anspruch: „Auf meinen Stühlen zu sitzen ist nicht bequem, es ist ein Bekenntnis.“

Warum sollte das anders sein bei Pantons quietschbuntem Wohnquader? Der war 1970 erstmals öffentlich zu sehen auf dem Bayer-Wohnschiff, das damals während der Kölner Möbelmesse am Rheinufer vor Anker lag. Ein schwimmender Showroom für das Wohnen der Zukunft: eine 48 Quadratmeter große, 2,40 Meter hohe Wohnhöhle aus mit der Kunstfaser Dralon bespannten, organischen Formen – Hartschaum gewordener psychedelischer Barock.

„Kein Gesetz der Welt beweist die Notwendigkeit, dass in einem Wohnraum ständig ein Sofa und zwei Sessel um einen niedrigen Tisch gruppiert werden müssen“, sagte Panton. Er schuf statt klassischer Wohnzimmeridylle eine Wohnlandschaft wie im LSD-Rausch, getaucht in einen bunten Lavastrom, gegen den jeder Regenbogen wie eine graue Maus wirkt. „Ich finde Farbe wichtiger als Mobiliar“, sagte Panton, der bunt als seine Lieblingsfarbe bezeichnete. „Farben können einem Zimmer eine bestimmte Atmosphäre geben.“

Auch Bennett mag es bunt. Längst hat er die Schuhe abgestreift und den Wohnwürfel in Beschlag genommen. Der erweist sich eine halbe Stunde als 100-prozentig spieltauglich – bis Bennett sich nach einer rasanten Rolle den Finger verstaucht.

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