Designteam des Jahres: HiFi-Legende Bose: Zeitlose Eleganz statt Schnickschnack

Designteam des Jahres: HiFi-Legende Bose: Zeitlose Eleganz statt Schnickschnack

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Bose On-Ear Kopfhörer: Spitzenklang für den Musikgenuss und Spitzenhaptik für den Tragekomfort

Das Designteam des Jahres pflegt eine puristische Formensprache: Beim HiFi-Hersteller Bose arbeiten Techniker und Gestalter Hand in Hand, berichtet WirtschaftsWoche-Redakteur Andreas Henry nach einem Besuch bei der HiFi-Legende.

Die Klarheit der Wissenschaft und der Durchblick des Forschers müssen Amar Gopal Bose am Herzen liegen. Der Gründer der Hi-Fi-Legende Bose residiert in einer verglasten Firmenzentrale in Framingham, eine halbe Autostunde von Boston entfernt. In der Fensterfront der Firmenzentrale spiegeln sich die Wolken des Frühlingshimmels über Neuengland. Der Architekt, den der mittlerweile 78-Jährige für die Planung des Neubaus engagiert hatte, hat sich offenbar vom Bose-Design inspirieren lassen. Das Gebäude wirkt wie eine Musikanlage für einen Riesen; die schmaleren Fensterschlitze über dem nach außen gewölbten Eingangsbereich würden dann gigantische CD-Scheiben schlucken.

Den Empfangsbereich zum Büro des amtierenden Chairman trennt eine runde Glaswand ab, als Schreibtisch in Boses Zimmer dient eine schwere, getönte und blitzblank polierte Glasplatte, die nach vorne herausragt und in einem Halbkreis sechs Besuchern reichlich Platz bietet. Die können von dort den Ausführungen des Meisters lauschen, wenn er auf der weißen Glastafel an der Wand hinter sich mit bunten Filzstiften mathematische Formeln entwickelt, Sinuskurven sich überlappen, Parabeln nach oben ragen oder nach unten fallen lässt. Praktisch jeder Besprechungsraum bei Bose hat eine ähnliche Tafel und Stifte griffbereit, denn jederzeit kann den Chef der Drang befallen, einen Gedanken in einer Gleichung auszudrücken.

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Doch Amar Bose liebt ebenso den Blick über die Wälder von Massachusetts, den ihm sein Eckbüro im obersten Stockwerk der Riesen-Musikanlage bietet. Tritt er an die spitz zusammenlaufende Fensterfront, sieht er hinab auf das alte Bose-Gebäude, wo er früher sein Büro hatte, auch in der Ecke, auch mit Blick. „Ich wollte, dass alle meine klugen Köpfe in der Firma einen solchen Blick genießen können, deshalb haben sie alle Außenbüros bekommen“, sagt er. „Doch was ist geschehen? Sie haben alle die Rollos zugezogen“, lacht er.

Michael Laude ist einer dieser klugen Köpfe. Der Chefdesigner arbeitet seit 1997 für Bose. Zuvor war er bei Black & Decker, zeichnete Bohrmaschinen und andere Baugeräte. „Es hat sicher anderthalb Jahre gedauert, bis ich die Kultur hier verstanden habe“, sagt Laude und bringt zur Erklärung den Vergleich mit einer Marken-Ikone. „Bei Ferrari verkaufen sie Autos, um so das Rennteam zu finanzieren.“ Der logische Schluss: Bei Bose verkauft man Lautsprecher, Musikanlagen und Kopfhörer, um in die Forschung zu investieren. „Es ist schon faszinierend“, sagt Laude, „wie viel Aufwand hier für Research betrieben wird, viel breiter zudem, als in der Öffentlichkeit bekannt ist.“

Mit drei sich überlappenden Kreisen erklärt Laude die Designphilosophie von Bose. Es ist ein Klassiker aus den Lehrbüchern der Schulen für Industriedesign, doch kaum irgendwo wird er so konsequent verfolgt wie bei Bose. Ein Kreis steht für Performance, für herausragende Leistung und Produkteigenschaften. Das ist in erster Linie die Aufgabe der Ingenieure und Techniker. Der zweite Kreis steht für Eleganz, hier ist vor allem Laudes Truppe gefragt.

Beim dritten Postulat, der Bedienbarkeit, prallen die Ansichten von Technik-Freaks und Form-Puristen am häufigsten aufeinander. „Wenn man den Technikern freie Hand lässt, hat alles ganz viele Knöpfe und Schalter“, sagt Firmengründer Bose.

Gutes Design ohne gute Technik dahinter, das könne auf Dauer nicht funktionieren. Doch gute Technik und schlechtes Design, das sei eine verschenkte Chance. Als Michael Laude 1997 die Bose-Designabteilung übernahm, arbeitete dort ein einziger Industriedesigner, heute sind es fast 25. Herausragende Technik allein reicht eben nicht mehr aus, um erfolgreich zu sein, vor allem nicht im Geschäft mit Musikanlagen und Zubehör. „Design ist immer wichtiger geworden“, konstatiert selbst der technikverliebte Chef Amar Bose.

Dass eine so sehr vom Ingenieurgeist getriebene Firma wie Bose in diesem Jahr das „Design-Team of the Year“ des red dot awards stellt, ist demnach nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Chefdesigner Laude versteht sich als einer der Gralshüter des Markenkerns von Bose: „Wir wollen zeitlos sein, nicht Fetisch, nicht zu avantgardistisch.“

Als Apple mit dem iMac in Popfarben Verkaufserfolge feierte, hatten Bose-Mitarbeiter vorgeschlagen, auch mit bunten Farben zu experimentieren, nicht nur immer Weiß und Silbern und Schwarz. Doch die Idee wurde verworfen. „Ultimativ trifft Dr. Bose solche Entscheidungen“, sagt Laude, „wir versuchen anders zu sein, wir wollen fast unsichtbar sein, zumindest unaufdringlich.“ Zudem soll die Technik die Leute nicht einschüchtern, „wir wollen ihnen nicht das Gefühl geben, sie wären nicht schlau genug, um das zu bedienen. Die Leute wollen den Klang, nicht die Hardware.“

Für den Klang zeichnet die viel größere Technikabteilung verantwortlich. Die Ingenieure dort verstehen sich als Designer – nicht für etwas Sichtbares, wie es von Laudes Team produziert wird. Sie formen das Unsichtbare, dafür aber Hörbare, die Kernkompetenz des Unternehmens, den Klang. Dem Live-Erlebnis in einem Konzert soll er so nah wie möglich kommen. Mehr als 1300 Techniker arbeiten hier, rund ein Zehntel davon in der Forschung, die anderen in der Produktentwicklung.

Tim Holl, leitender Forscher kämpft darum, dem Idealklang immer näherzukommen. Der Mann mit dem unverkennbar britischen Akzent mag es, Besucher beim Rundgang durch die Labors zunächst in einen echofreien Raum zu führen. Rund ein Meter lange, schallschluckende Schaumstoffkeile ragen von allen Wänden, der Decke und dem Grund in die rund sechs Quadratmeter große Kammer, man steht auf einem groben Metallgeflecht. „Tatsächlich machen wir hier nur wenige Tests“, sagt Holl, „es entspricht einfach nicht der Realität, denn in einem Zimmer, in dem man Musik hört, gibt es immer Schallreflexionen.“

Ein etwas vergammeltes Sofa, ein Tisch, ein Regal mit Büchern, Parkettboden, ein Fenster mit Vorhängen, Bilder an der Wand – so sieht die realistischere Versuchsanordnung für Testreihen von Lautsprechern aus. Bose-Mitarbeiter aus dem sogenannten Listening Panel lauschen hier regelmäßig allen möglichen Arten von Musik und füllen dabei umfangreiche Fragebögen aus, mit denen sie ihr Hörerlebnis beschreiben. Der Nebenjob ist begehrt. Denn so, wie Kenner guten Rotweins ihren Geschmack trainieren, müssen die Panel-Mitglieder ihr Hörvermögen entwickeln. „Vor allem müssen sie Live-Konzerte besuchen“, sagt Holl, „um wirklich zu wissen, wie es sich anhört, wovon wir reden. Und Bose bezahlt die Karten.“

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