_

Deutsche Bahn: Bahn-Chef Grube auf Mehdorns Spuren

von Christian Schlesiger

Konzentration aufs Tagesgeschäft, Schwenk auf die alte Linie, ein kultureller Neuanfang – geblieben sind die Probleme. Das erste Jahr der Bahn unter Rüdiger Grube gleicht einem Wechselbad.

Bahn-Chef Grube - Seit einem Quelle: dpa
Bahn-Chef Grube - Seit einem jahr kämpft er mit den Hinterlassenschaften seines Vorgängers. Quelle: dpa
Anzeige

Rüdiger Grube liebt Wortspiele mit Brot und Butter. Im Winter, als Tausende Reisende verspätet oder gar nicht ans Ziel kamen, versprach der Chef der Deutschen Bahn: Er werde sich um „das Brot- und Buttergeschäft“ in Deutschland kümmern. Wenig später benutzte er die Metapher wieder, doch in einem ganz anderen Sinn. Akquisitionen im Ausland seien möglich, ließ er das Publikum plötzlich wissen. „Wir werden uns nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.“

Der Sinneswandel hat Sprengkraft. Grube, der im Mai sein erstes Jahr als Bahn-Chef feiert, musste bislang die negativen Hinterlassenschaften seines Vorgängers aus dem Weg schaffen: Spitzelaffäre, S-Bahn-Chaos, Qualitätsmängel, Wartungsdefizite. Kaum ist das halbwegs abgehakt, wechselt Grube seinen Kurs: Expansion ins Ausland. Grubes aktuelle Begehrlichkeit: das britische Nahverkehrsunternehmen Arriva, Anbieter von Bus- und Regionalbahnstrecken in Europa.

Kulturwandel trägt zaghaft Früchte

Mit dem Management des Unternehmens, das fast vier Milliarden Euro Umsatz macht, steht Grube im Gespräch. Er will das Geschäft der Deutschen Bahn „aktiv über die nationalen Grenzen“ ausbauen, sagte er auf der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt im März.

Der Kauf von Arriva, für den die Deutsche Bahn rund zwei Milliarden Euro aufbringen müsste, würde den Staatsriesen in eine neue Ära führen. Mit einem Schlag wäre der Konzern im Personennahverkehr auch in Großbritannien und Skandinavien einer der ganz Großen. Klappt der Kauf tatsächlich, wäre Grube dabei, das Ziel seines Vorgängers Hartmut Mehdorn, aus der Bahn einen weltweiten Logistik- und Mobilitätskonzerns zu formen, zu erreichen.

Wie Mehdorn, benutzt auch Grube inzwischen dynamikverströmende Sprechweisen, am liebsten das Wort „Offensive“. Im Januar kündigte er eine „Technik-, Kunden- und Innovationsoffensive“ an. Zur Bilanzvorlage im März fügt er eine vierte hinzu, die „Marktoffensive“.

Als einzige namhafte Eisenbahn in Europa schrieb die Deutsche Bahn 2009 schwarze Zahlen. Doch hinter den ambitionierten Zielen des Konzernchefs stehen auch Fragezeichen. Technische Probleme mit ICE-Zügen machen dem Konzern noch Jahre zu schaffen; der Schienengüterverkehr hat Qualitätsprobleme und verliert dramatisch Marktanteile; die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist am Tiefpunkt. Der Kulturwandel, den Grube eingeleitet hat, trägt nur zaghaft Früchte.

Grubes Expansionsdrang markiert das Ende eines monatelangen Entscheidungsvakuums nach seinem Amtsantritt. Ein Jahr lang diskutierte ein 20-köpfiges Team aus Vorständen und Spartenchefs über die Strategie des Konzerns — viele kannten den Konzern nur von außen. Grube trennte sich in einer beispiellosen Aktion von fast jedem Vorstandsmitglied, seine „schwierigste Entscheidung“, wie er sagt. Insgesamt mussten mehr als 30 Führungskräfte weichen.

Jetzt steht die Agenda – und sie knüpft fast nahtlos an früher an. Dort, wo das Unternehmen unangenehmem Wettbewerb ausgesetzt ist, etwa im Güter- und im Nahverkehr, suchen Grube und seine Leute ihr Heil im Ausland. Dort, wo ein Monopol Extraprofite verspricht, planen sie immer höhere Gewinne. Laut streng vertraulicher Mittelfristplanung, die der WirtschaftsWoche vorliegt, sollen etwa das Schienennetz und der Fernverkehr bis 2014 Gewinne pro Jahr in Höhe von jeweils mehr als 550 Millionen Euro generieren — das entspräche einer Verdopplung beziehungsweise Vervierfachung im Vergleich zu 2009.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 09.06.2010, 11:25 UhrAnonymer Benutzer: Ingo Wendler

    Die Db als einzige namhafte bahn Europas zu bezeichnen, ist etwas übertrieben. Zumal Deutschland nicht unbedingt als "bahnfahrernation" bekannt ist. Schaut man zum Nachbar Schweiz, so ist das Angebot vom Fernverkehr bis Nahverkehr abgestimmt, ja sogar perfekt vernetzt. Zudem gilt die Schweiz als bahnfahrernation Europas und belegt neben Japan weltweit einen Spitzenplatz bzgl. Nutzung des öffentlichen Verkehrs.

  • 25.04.2010, 23:06 UhrAnonymer Benutzer: Don Bosco

    Ja die bahn hat es voll im Griff. Unübersichtliche Fahrkartenautomaten, schwierige Menüführung,kontrastarme Displays am Tag, gut versteckte Tarife. Letztens am bahnhof nur ein Fahrplan pro Gleis, Grafik und Aufteilung wie in den 50er Jahren. Schlecht zu lesen für ältere Menschen etc. Warum gibt es wohl in Österreich auf bahnhöfen überall TV-Terminals auf denen Fahrpläne und Fahrzeiten übersichtlich abgerufen werden können? Deutsche bahnhöfe sind zu Einkaufszentern geworden, die basisdienstleistung wurde dabei vergessen, Hochtechnologie und gutes Design im eigenen Land, ausser bei V8 Audis und V12 VWs? Fehlanzeige!

  • 23.04.2010, 11:12 UhrAnonymer Benutzer: Hägar

    Statt Geld für den Kauf eines Konkurrenten auszugeben, sollte die bahn besser ihre eigenen Probleme in Angriff nehmen, z.b. marode Gleise reparieren, bahnhöfe sanieren und zügig (!) Neubaustrecken zu Ende bauen. Hier will sich nur wieder ein Manager ein Denkmal setzen, an die Kunden wird nicht gedacht, die sich weiter mit Unpünktlichkeit, Dreck und mangelndem Service rumschlagen müssen.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Thalys: In Zukunft ohne Deutsche Bahn
Thalys: In Zukunft ohne Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn steigt aus dem Gemeinschaftsprojekt Thalys aus. Das Unternehmen besitzt derzeit zehn Prozent an dem...