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Deutsche Bahn: Die Schonfrist für den Bahnchef ist vorbei

von Christian Schlesiger, Reinhold Böhmer und Michaela Hoffmann (Berlin)

Das S-Bahn-Chaos in Berlin und teure Großprojekte machen der Deutschen Bahn zu schaffen. Geheime interne Zahlen zeigen, welche Zeitbomben sein Vorgänger Hartmut Mehdorn dem neuen Chef Rüdiger Grube noch hinterlassen hat.

Bahn-Chef Rüdiger Grube: Der Quelle: AP
Bahn-Chef Rüdiger Grube: Der ehemalige Daimler-Manager wusste schon 2007, dass er Mehdorn beerben wird Quelle: AP

Die Lippen zusammengepresst, die Hände fest am Rednerpult, kein Lächeln, keine Scherze. Dies ist kein Wohlfühl-Termin für den Mann neben Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit. „Ich möchte mich bei den Kunden, der Stadt und dem Land entschuldigen“, sagt Rüdiger Grube. Es ist Tag 15 der Berliner S-Bahn-Chaostage, als der neue Bahn-Chef vergangenen Montag den Hauptstadtjournalisten Rede und Antwort steht. Viele Zuhörer leiden persönlich an den zermürbenden Zuständen: Züge fallen aus, oft gibt es nur Stehplätze, auf Bahnsteigen knubbeln sich Menschen und Fahrräder, stolpern Pendler und Touristen über Koffer und Kinderwagen.

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Weil die von Grube inzwischen entlassene S-Bahn-Führung Kontrollen an Zugrädern verschleppt hatte, wurden jetzt viele Fahrzeuge vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Wann das Chaos ende, wisse er leider nicht, sagt Grube, beteuert aber: „Wir arbeiten hart daran.“ Die Zeit drängt. Am 8. August ist Bundesliga-Saisonauftakt für Hertha BSC, eine Woche später beginnt die Leichtathletik-WM – beides Termine, zu denen Berlin viele Besucher erwartet.

Grube ist in der Realität angekommen

Mit seinem ersten unangenehmen Auftritt nach fast 80 Tagen im Amt ist Grube in der Realität der Eisenbahnwelt angekommen. Er weiß, dass die Bahn in der Metropole ein desaströses Bild abgibt, und will „nichts versprechen, was ich nicht halten kann“, wie er ein wenig kleinlaut sagt.

Das ist neu. Denn in den Wochen zuvor reiste er durch die Republik und versprach allen alles. Er hätschelte die durch den Datenskandal erregten Gewerkschaften mit der Aussicht auf Beschäftigungssicherung. Regierungsvertreter hielt er bei Laune, indem er ihnen die Nachholung des 2008 abgesagten Börsengangs versprach. Und seinen Kunden machte er Hoffnung mit der Zusage, die Bahn werde pünktlicher, sympathischer und freundlicher. Doch Grubes Roadshow der Kuscheleien findet in der Hauptstadt, wo die Deutsche Bahn auch ihre Zentrale hat, ein jähes Ende: Der Schmusekurs ist vorbei.

Die Schonfrist für den Bahnchef ist vorbei

Die Bahn hat Probleme – viel mehr, als es Grube lieb sein kann. Die Zeitbomben, die sein Vorgänger Hartmut Mehdorn hinterlassen hat, werden eine nach der anderen in den kommenden Monaten und Jahren hochgehen. Das zeigen die geheimen Zahlen der internen Mittelfristplanung, die die Bahn streng unter Verschluss hält – und die der WirtschaftsWoche vorliegen. Nur Vorstände und Aufsichtsräte haben Einblick.

Jeder, der die Zahlen kennt, weiß, was auf Grube zukommt: Irrwitzige Großprojekte bei Bahnhöfen und Schienennetz belasten die Konzernbilanz noch jahrelang. Qualitätsprobleme bei Regional- und Schnellzügen verschlechtern die Chancen im Wettbewerb. Und der Investitionsstau der vergangenen Jahre verhinderte die Runderneuerung des Schienennetzes. Zudem trifft die Krise den Konzern im Güterverkehr viel stärker als die Wettbewerber.

Die Schonfrist für Grube endet damit schneller als erwartet. Er muss sich sofort in die Niederungen des operativen Geschäfts begeben. Bislang reichte es aus, sich durch die Republik zu lächeln, zu nicken und Verbesserungen zu versprechen. Doch nun muss er den Konzern von Grund auf neu auf Qualität und Verlässlichkeit ausrichten. Mehdorn hinterlässt ihm eine schwere Hypothek: einen Konzern, der jahrelang auf Sparflamme fuhr, um die Vorgaben für den 2009 geplanten Börsengang zu erfüllen und sich mit schönen Zahlen Großinvestoren als lukratives Anlageziel zu präsentieren.

9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.07.2009, 15:17 UhrAnonymer Benutzer: cre

    "Für verkehrstechnisch schlicht überflüssige Großprojekte wie den neuen berliner "Hauptbahnhof" (der ja sogar von vielen berlinern bekämpft wurde, da man mit "bahnhof Zoo" etc. sehr zufrieden war und berlin auch vor der Teilung ja keinen "Hauptbahnhof" brauchte)."

    Genau. Mit der Mauer waren ja auch viele zufrieden. Warum wurde die überhaupt entfernt? Und sowieso, es ging doch früher auch ohne internet. Wozu braucht man das eigentlich?

    Ach, Ric.
    Die Verkehrsverhältnisse vor der Teilung dürften nicht ganz denen von heute entsprochen haben, meinen Sie nicht? Wenn den bahnhof keiner braucht, wo kommen dann jeden Tag diese Menschenmassen her? Keiner muss dort umsteigen - viele finden aber den ersten zentralen Kreuzungsbahnhof der Hauptstadt äußerst praktisch! Sorry, aber die "bahnhof Zoo"-Lobby kann kein Argument gegen den neuen bahnhof vorweisen. Nur die ewiggestrige Nachwendeweinerlichkeit des "abgehängten Westens". Dabei ist das ein Weg von drei S-bahnstationen/ einer Regionalbahnstation, den viele, die sonstewie umständlich mit bVG & Co. zum bf. Zoo anreisen, als soo unzumutbar ansehen..
    Mir geht das Gehetze gegen den neuen bahnhof, das jeder vernünftigen Argumentation entbehrt, so auf den Keks! berlin hat etwas GEWONNEN, und nicht verloren. Ganz berlin ist jetzt von einem zentralen Punkt aus in alle Himmelsrichtungen erreichbar. Das ist ein enormer Vorteil. Und wem das Umsteigen nicht zusagt, der hat immer noch 4 weitere Fernbahnhöfe zur Verfügung, die besser mit der innenstadt vernetzt sind. Welcher Fortschritt ist das im Vergleich zu vorher!
    Trotz dieser bestehenden Alternativen und der derzeitig noch unzureichenden Anbindung des HbF (wird sich aber ändern!) kann man an einigen Tagen in diesem "überdimensionierten" Ding kaum treten.
    Leute wie Sie sollten mal gezwungen werden, einen Tag lang innerhalb dieser Menschenmassenströme verbringen zu müssen - Sie werden nie wieder tönen, den bahnhof bräuchte keiner!

  • 23.07.2009, 14:25 UhrAnonymer Benutzer: Zp 9

    biblische Plage
    Was 1994 zur bahnreform von der Politik nicht geschafft und geschaffen wurde, hängt heute der bahn nach und wird ihr, aber nicht der Politik, vorgeworfen. Hätte man damals den Mut gehabt, eine Trennung von Fahrweg und betrieb herbeizuführen, wären die heutigen Klagen über die Höhe der Trassen- und Stationspreise sowie über deren Anwendung dem Markt gegenüber obsolet. Ebenso hätte man keine bahn-Regulierungsbehörde gebraucht. Es mutet wie ein schierer Witz an, dem Transportunternehmen bahn den Fahrweg zu überlassen und ihr dann sofort mit einer völlig überflüssigen behörde Zügel anzulegen. Das Verhältnis zwischen bahn und ihrer Regulierungsbehörde ist - ebenso wie das zu deren zweiter Knebelungsbehörde, dem Eisenbahnbundesamt - ein unerschöpfliches beschäftigungsprogramm für diverse Rechtsanwaltskanzleien. Die Kosten für die permanenten Rechtsstreitereien zwischen bahn und ihren Schienenverkehrsverhinderungsbehörden trägt der bürger doppelt: als Steuerzahler und als Kunde. Diesen Unfug hinterfragt niemand - es ist ja auch so schön, die alten Vorurteile gegen die bahn zu pflegen und immer wieder aufzuwärmen. Kritischer Journalismus schreibt sich anders.

  • 22.07.2009, 18:56 UhrAnonymer Benutzer: Tom Seht

    Der Artikel ist ein Witz; wo hat die WiWo zu Zeiten von Mehdorn und noch anstehenden börsenplänen je auf diese - eigentlich offenkundigen - baustellen hingewiesen? im Übrigen kann man danach auch künftigen börsengängen nur absagen; Tiefensee setzten sechs! Trennt doch endlich den integrierten Konzern auf. Das sorgt wenigstens für Konkurrenz im Transportgeschäft auf eh vom Steuerzahler zu begleichenden investitionen in das Netz.

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