Deutsche Bahn: Mehdorns Abwehrkampf

Deutsche Bahn: Mehdorns Abwehrkampf

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Bahn-Chef Hartmut Mehdorn

Konzernchef Hartmut Mehdorn wehrt sich gegen die Einmischung der Politik ins Geschäft. Doch dabei vergaloppiert er sich kräftig.

Schweinekrustenbraten mit lauwarmem Kartoffelsalat und Havelzander auf Schmorgurken dünstelten vor sich hin, daneben gepökelte Ochsenbrust und Hackepeter mit Zwiebeln – eigentlich sollte der Neujahrsempfang im Berliner Restaurant Zollpackhaus hübsch gesellig und schön harmonisch werden.

Umso überraschender war, dass Gastgeber Hartmut Mehdorn vor dieser Kulisse rhetorisch so brutal zuschlug. „Diejenigen“, ätzte er in die Runde, die für sich in Anspruch nähmen, zur Beendigung des Arbeitskampfes bei der Bahn beigetragen zu haben, die müssten sich nun über die Konsequenzen ihres Handelns klar sein – Arbeitsplatzabbau, Fahrpreisererhöhung, Jobverlagerung. Jeder wusste sofort, auf wen der Angriff zielte: auf Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD).

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Mit der montäglichen Attacke hat Deutschlands ranghöchster Eisenbahner ein neues Kapitel beim letzten großen deutschen Staatskonzern aufgeblättert. Nie zuvor hat ein Bahn-Chef einem Minister einer Bundesregierung einen solchen verbalen Tiefschlag verpasst. Nicht ohne Anlass: Tiefensee hatte sich über alle Regeln des Aktienrechts hinweggesetzt und direkt in die Befugnisse des Bahn-Vorstandes eingemischt. Als wäre die Bahn sein persönlicher Laden, hatte Tiefensee Mehdorn und den Lokführergewerkschaftschef Manfred Schell um sich geschart. Stunden später war er dann strahlend vor die Fernsehkameras getreten, um die Unterschrift der beiden Kontrahenten unter ein paar gekritzelte Prozentzahlen in die Scheinwerfer zu halten und damit die monatelange Auseinandersetzung um einen Tarifvertrag für die Lokführer für beendet zu erklären.

Dass Mehdorn einen Vertreter des Staates, dem die Deutsche Bahn als einzigem Anteilseigner gehört, dermaßen als Jobvernichter anprangerte, ist kein spontaner Ausraster. Die Vorwürfe stehen allesamt schwarz auf weiß in einem Redemanuskript, das Mehdorn, bevor es ans Buffet ging, an die anwesenden Journalisten verteilen ließ.

Die Botschaft ist klar: Der Mann will es endgültig wissen. Soll die Bahn, auf deren Privatisierung er seit acht Jahren hinarbeitet, weiterhin ein Spielball der Politiker sein? Oder werden die Politiker, obwohl sie das deutsche Volk präsentieren, dem die Bahn gehört, jetzt endlich akzeptieren: Die Bahn ist ein Unternehmen, das dem Aktienrecht unterliegt? Das heißt, für das Geschäft ist der Vorstand zuständig, der wiederum vom Aufsichtsrat kontrolliert wird, den der Eigentümer mit seinen Vertrauten besetzt. Gefällt der Bahn-Chef den Politikern nicht, müssen sie dafür sorgen, dass ihre Aufsichtsräte ihn entlassen. Dass Politiker aber anstelle des Bahn-Vorstandes Tarifpolitik machen und direkt die Bezahlung der Mitarbeiter festlegen, das geht nicht. Es verstößt gegen das Gesetz, dessen peinliche Einhaltung besonders für ein Staatsunternehmen gelten muss.

Auf nichts anderes als diese Zuspitzung läuft Mehdorns Berliner Holzhammerrede hinaus. Die kommenden Monate werden zeigen, ob er damit bei den Politikern etwas erreicht oder aber bereits ein Teil seines Vermächtnisses schmiedet. Möglicherweise hat er sich aber auch in seiner Wut so vergaloppiert, dass seine Gegner nun einen Anlass finden, ihn abzuservieren.

Denn wirtschaftlich entbehren Mehdorns Vorwürfe, Tiefensee habe der Bahn durch seine Einmischung eine „zusätzliche Belastung in Milliardenhöhe über den Planungszeitraum der nächsten fünf Jahre“ beschert, jeder Grundlange. Das belegen Berechnungen, die die WirtschaftsWoche zusammen mit Bahn- Experten angestellt hat.

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