Deutsche Telekom: Telekom-Chef Obermann steht mit dem Rücken zur Wand

Deutsche Telekom: Telekom-Chef Obermann steht mit dem Rücken zur Wand

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Telekom-Chef Rene Obermann: Profilierung als Krisenmanager gescheitert

Der Stern von Telekom-Chef René Obermann sinkt rasant. Die Personaldecke schwindet, Vetternwirtschaft und Filz schaden dem Geschäft. Der neue Datenschutzvorstand ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems – des fehlenden Vertrauens in die Zuverlässigkeit des Konzerns.

Es war der Versuch eines fulminanten Befreiungsschlags. Kurzfristig hatte Telekom-Chef René Obermann die Aufsichtsräte zu einer Sondersitzung in die Bonner Telekom-Zentrale geladen, um endlich einen Schlussstrich unter die leidige Datenaffäre zu ziehen. Ein neues Vorstandsressort werde er einrichten, dass sich ausschließlich um den Schutz aller Kundendaten kümmern soll, erklärte er den völlig überraschten Kontrolleuren – und der beste Kandidat für diesen Posten sei sein Chefjurist Manfred Balz.

Dann machte er den Aufsichtsräten den Kandidaten Balz so richtig schmackhaft. Der 63-Jährige sei ein ausgewiesener Experte, brauche sich nicht lange einzuarbeiten und könne als intimer Kenner aller Telekom-Sparten die Datenlecks schnell stopfen. Die Aufsichtsräte baten um etwas „Bedenkzeit“. Vergangenen Dienstag segneten sie dann Obermanns Personalvorschlag ab.

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Was Obermann nicht wusste und ihn nun in die Bredouille bringt: Die Ernennung von Balz löst nicht die Datenschutzprobleme der Deutschen Telekom – Balz ist Teil des Problems.

Schon 1997, als Balz von der Berliner Treuhandanstalt an die Spitze der Telekom-Rechtsabteilung wechselte, war er über die illegalen Lauschangriffe gegen vermeintliche Hacker informiert, die die WirtschaftsWoche Mitte dieses Jahres enthüllte. In einem zehnseitigen Report hatte die WirtschaftsWoche anhand geheimer Protokolle, interner Schreiben und vertraulicher Vermerke rekonstruiert, dass die Telekom nicht nur die Verbindungsdaten von Aufsichtsräten und Journalisten illegal ausgewertet, sondern sogar selbst Abhöraktionen angeordnet hat. Und das ohne Befugnis dafür.

Balz beteiligte sich an der juristischen Aufarbeitung dieser Verstöße gegen das Fernmeldegeheimnis. Und er gab sogar ein Gutachten bei einer Münchner Anwaltskanzlei in Auftrag, das die Verstöße rechtfertigen sollte. Allerdings spielte der Gutachter nicht mit. „Der Zweck des Fernmeldegeheimnisses ist auch beim jetzt privatwirtschaftlich tätigen Großunternehmen Deutsche Telekom nicht entfallen“, heißt es in dem Schreiben zu der Expertise, das der Wirtschaftswoche vorliegt. Spätestens seit Informanten die Zusammenarbeit mit der Telekom wegen Balz ablehnten, musste Obermann davon wissen.

Die Deutsche Telekom bestätigt die Auftragsvergabe von Gutachten und Stellungnahmen, die zu „differenzierten rechtlichen Ergebnissen gelangten“. Balz habe dafür gesorgt, dass auch die „rechtlich eher kritischen Äußerungen über den Vorgang an den zuständigen Vorstand gelangten“.

Aber auch bei der Spitzelaffäre in den Jahren 2005 und 2006, als die Deutsche Telekom die Verbindungsdaten von Aufsichtsräten und Journalisten auswertete, tauchte Balz’ Name auf. Der Staatsanwaltschaft Bonn liegt eine Aktennotiz vom 24. August 2007 vor, in der der damalige Leiter der Konzernsicherheit, Harald Steininger, im Gespräch mit Balz die Aussage machte, dass der kritisierte Austausch von Verbindungsdaten zwischen Telekommunikationsanbietern untereinander „gelebte Praxis“ sei. Balz hat demnach schon viel früher von den illegalen Methoden gewusst, die erst im Mai 2008 öffentlich bekannt wurden.

Obermanns Plan, sich mit der Ernennung von Balz zum Datenschützer endgültig als Krisenmanager zu profilieren, ist damit schon im Kern gescheitert. Statt das Vertrauen der Kunden mit einem unbelasteten Gesicht in der Unternehmensspitze zu gewinnen, bringt der Konzernchef sich selbst in die Schusslinie. „Obermann hat den Bock zum Gärtner gemacht“, sagen Insider und kritisieren, dass auch künftig kein unabhängiger Datenschutzexperte die Sicherheitslücken ohne Scheuklappen prüft.

Die Rückbesinnung auf den Chefjuristen scheint typisch für Obermanns Kurs seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren. Service-Weltmeister wollte er werden, die Verbraucher von den engagierten Telekom-Mitarbeitern und innovativen Festnetz- und Mobilfunkangeboten begeistern und so zuerst den Kundenschwund stoppen und später Marktanteile zurückerobern. Doch mehr als eine gigantische Marketing- und Vertriebsoffensive mit neu gestylten T-Shops und umgebauten Callcentern hat er bisher nicht zustande gebracht.

Wie Datenschutzvorstand Balz ist die Deutsche Telekom im Kern immer noch die Alte. Filz und Vetternwirtschaft haben im Telekom-Konzern wieder die Oberhand gewonnen, sagen langjährige Telekom-Mitarbeiter: „Die Macht liegt wieder in den Händen der politischen Strippenzieher.“ Nicht die Manager, die mit besseren Argumenten für ihre Geschäftspläne kämpften, setzen sich durch. Als Sieger verließen meist diejenigen die Meetings, die Beziehungen zum Vorstand in die Waagschale werfen können. Manager, die in den vergangenen Monaten zur Konkurrenz wechselten, atmen erleichtert auf: „Jetzt wird endlich über die Sache entschieden – und nicht politisch wie bei der Telekom.“

Manager-Exodus soll weiter gehen

Manfred Balz, Vorstand Quelle: dpa

Manfred Balz, Vorstand Datenschutz, Recht, Datensicherheit und Compliance bei der Deutschen Telekom: Über Verstöße im Bilde

Bild: dpa

Gleichzeitig schmilzt die Personaldecke im Konzern unter Obermann wie Schnee in der Frühlingssonne. Immer mehr Macher aus der zweiten Führungsebene suchen frustriert das Weite. „Von den Top-50-Managern, die mit Obermann vor zwei Jahren starteten, sind viele schon wieder weg“, beobachten Insider und prophezeien, dass der Exodus in den kommenden Monaten weitergeht.

Obermanns Stern sinkt so schnell wie bei keinem seiner Vorgänger. Ex-Chef Ron Sommer geriet nach sechs Jahren in die Schusslinie – und wurde dann schnell abgelöst. Nachfolger Kai-Uwe Ricke brachte es auf immerhin vier Jahre. Bei Obermann endet am 13. November das zweite Amtsjahr. Von der Aufbruchstimmung der ersten Monate ist jedenfalls nicht viel geblieben. Schon unken viele Insider, dass das dritte Jahr sein letztes sein könnte.

Sollte die Ernennung Balz’ je den Anfang vom Ende Obermanns bei der Telekom markieren, dann darf sich der darüber nicht wundern. Denn Balz taugt für ein Signal, dass die Kunden nach all den Skandalen der Telekom wieder vertrauen dürfen, nicht im Geringsten. Als Chefjurist kam er 1997 – wie viele andere Führungskräfte – über die SPD zur Deutschen Telekom. In seiner Dissertation (Titel: „Eigentumsordnung und Technologiepolitik“) beschäftigte sich Balz intensiv mit dem sowjetischen Rechtssystem. „Als besonderes Glück“ empfand er, dass er von Oktober 1971 bis Juni 1972 in Leningrad und Moskau „die sowjetische Organisation des technischen Fortschritts vor Ort studieren“ konnte, wie Balz im Vorwort schreibt.

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