Air Berlin: Der Fünf-Stufen-Rettungsplan des Stefan Pichler

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Air Berlin: Der Fünf-Stufen-Rettungsplan des Stefan Pichler

von Rüdiger Kiani-Kreß

Neue Arbeitsweise, neue Leute aber – vorläufig – noch die alte Strategie: Wie der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler die angeschlagene Fluglinie wieder auf Kurs bringen will.

Als Stefan Pichler im vergangenen Herbst zum neuen Air-Berlin-Chef gekürt wurde, überboten sich alte Bekannte mit Schwüren, wie sehr sich der 57-Jährige doch geändert habe. Als Leiter des Lufthansa-Ticketverkaufs und erst recht als Chef des Reiseveranstalters Thomas Cook galt Pichler als extrem ehrgeizig, angespannt und fordernd bis unleidlich. Doch, so schwören Vertraute, seit den Jahren bei Billigfliegern in Kuwait oder Australien und bei der nationalen Linie der Fidschi-Inseln ist der Manager geläutert.

Wer Pichler dieser Tage bei seinem Lieblingsgetränk Whiskey mit Wasser gegenüber sitzt, hat freilich eher den Eindruck, er ist in vielem noch der Alte. Er mag nicht aggressiv und unleidlich sein. Ehrgeizig und angespannt ist er gewiss. Das hat auch seinen Grund. Denn der Wechsel vom Vorstandsposten auf Fidschi– und, wie Pichler mal scherzte, drittwichtigsten Mann im Staat – nach Berlin bietet wenig Grund zur Entspannung. Das liegt nicht nur am kühlen Wetter.

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Im Geschäftsjahr 2013 flog Air Berlin gut 300 Millionen Euro Verlust ein, rund ein Zehntel des Umsatzes. Und wenn die Zahlen der Ende März vorgestellten Bilanz für 2014 besser sind, dann vor allem weil Hauptaktionär Etihad mal wieder einen neuen Weg gefunden hat, am europäischen Beihilferecht vorbei Geld an die Spree zu schicken.

Fünf Punkte sollen Überleben von Air Berlin sichern

Doch der Druck spornt Pichler offenbar eher an, als dass er ihn abschreckt. Gerade mal einen Monat im Amt hat er bereits einen Fünf-Punkte-Plan, den er in Grundzügen vor der Reisemesse ITB vorstellte. Der neue Vorstandschef kündigte am Dienstag in Berlin ein Umbauprogramm für dieses und nächstes Jahr an. Pichler will in drei Phasen Management und Vertrieb umbauen, das Flugangebot stärker auf ertragreiche Strecken ausrichten und die Drehkreuze der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft, Düsseldorf und Berlin, ausbauen.

In Schlagworten lautet der Pichler-Plan: neue Betriebswirtschaft, alte Strategie und mehr Selbstbewusstsein. Im Detail sieht er so aus:

1. Klare Struktur und mehr Schnelligkeit

Für Stefan Pichler ist Air Berlin heute dysfunktional. Freundlich übersetzt heißt das: Nichts passt so recht zusammen. Zwar hat sein Vor-Vor-Vorgänger und Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold mit Schwung viele Fluglinien oder zumindest das Geschäft gekauft. Billigflieger wie DBA und GEXX standen genauso auf der Einkaufsliste wie die touristischen LTU und Strecken der Tuifly sowie ein paar kleinere Linien. All die haben Pichlers Vorgänger trotz aller Bekundungen bestenfalls zusammengelegt, aber nie richtig integriert.

Weltweit rastlos: Der Lebenslauf des Stefan Pichler

  • 1957

    Stefan Pichler wird in München geboren. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater arbeitet beim Patentamt.

  • 1970

    Pichler erweist sich als talentierter Läufer. Als Schüler läuft er Mittelstrecke, dann wechselt er zum Hindernislauf und schließlich auf die Langstrecke.

  • 1976

    Nach dem Abitur startet Pichler eine Karriere als Profi-Langläufer, die ihn auch dank einer extrem schnellen Zeit beim Marathonlauf (2 Stunden, zwölf Minuten) in die Nationalmannschaft bringt. Über die 25-Kilometer-Distanz gehört Pichler zeitweise zu den fünf Besten der Welt.

  • 1980

    Pichler qualifiziert sich für die Olympischen Spiele in Moskau. Doch seine Teilnahme scheitert am Boykott des Westens nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan.

  • 1983

    Pichler beendet seine Laufkarriere und sucht eine Stelle. Beim Sportartikelkonzern Adidas schnappt ihm der heutige Konzernchef Herbert Hainer einen Job weg. Pichler geht stattdessen als Leiter des Bereichs Sport Promotions zum Konkurrenten Nike.

  • 1985

    Pichler kündigt seinen Job und studiert Jura und Wirtschaftswissenschaften in Augsburg. Er macht 1989 einen Abschluss als Diplom-Ökonom.

  • 1990

    Nach einem Trainee-Programm bei der Lufthansa geht er für die Fluglinie nach Paris. Er beginnt als Marketingleiter für Frankreich und übernimmt 1992 auch den Job als Verkaufsleiter. 1993 wird Pichler Landeschef für Frankreich und sorgt für deutliches Wachstum.

  • 1995

    Pichler wechselt in die Lufthansazentrale nach Frankfurt, zunächst als  Leiter Globale Vertriebspolitik und ab 1996 Vertriebschef Deutschland. 1997 wird er Verkaufsvorstand des Fluggeschäfts. Unter dem Motto „Wir matchen jeden Preis“ attackiert er die ersten Billigflieger wie Ryanair. Um das zu finanzieren, drückt er die Vertriebskosten und macht sich bei den damals zentralen Reisebüros unbeliebt, weil er die Verkaufsprovisionen von den üblichen neun Prozent vom Umsatz auf fünf Prozent kürzt. Auch intern ist Pichler umstritten, weil er mit seiner aus Sicht von Weggefährten schroffen und schwer zufriedenzustellenden Art seine Mitarbeiter demotiviert.

  • 2000

    Lufthansa-Konzernchef Jürgen Weber ist von Pichlers Erfolgen angetan und macht ihn zum Chef des Reisekonzerns C&N in Oberursel. Um den Verbund aus dem Lufthansa-Urlaubsflieger Condor und dem Veranstalter Neckermann (Karstadt-Konzern) zu vereinen, schleift Pichler interne Strukturen. Sein Ziel ist es aus C&N zu einem weltweit führenden Reisekonzern zu machen, der von Billigreisen bis zu Luxusurlauben alles anbietet. Dazu sollen die Erträge steigen, weil eine durchgehende Kette aus Vertrieb, Flügen, Hotels und Vor-Ort-Betreuung alle Teile besser auslasten soll.

    Um die Kette noch besser auszulasten, will Pichler das Geschäft internationalisieren. Doch seinen geplanten Zukauf, die britische Thomson Travel Group, schnappt ihm Erzrivale Preussag für die seine Reisetochter Tui weg. Denn Preussag-Chef Michael Frenzel kann schneller agieren als Pichler, der immer erst seine Anteilseigner Lufthansa und Karstadt fragen muss. Stattdessen kauft Pichler die britische Thomas Cook, die Tui aus Wettbewerbsgründen abstoßen muss. Kurz zuvor hat Pichler in Frankreich Havas Voyages übernommen. 

  • 2001

    Nach dem Ende des New-Economy-Booms, durch die wachsende Zahl von Online-Schnäppchen und später der Reiseangst infolge der Terroranschläge des 11. September 2001 bricht die Nachfrage nach Veranstalterreisen ein. Statt den Konzern zusammenzuführen, muss Pichler ein Sparprogramm starten und will die Kosten um gut zehn Prozent drücken. Trotzdem schreibt Thomas Cook im Geschäftsjahr 2001/2002 erstmals Verlust.

  • 2003

    Pichler wird entlassen. Trotz Entlassungen und dem Verkauf von Flugzeugen verdoppelt sich der Verlust im Geschäftsjahr 2002/2003 auf gut 250 Millionen. Das kostete ihn den Rückhalt seiner Gesellschafter. In der Belegschaft hatte er bereits zuvor verloren, sowohl durch seine im Arbeitsalltag schroffe Art als auch durch die Aufgabe von Traditionsmarken wie Condor.

  • 2004

    Pichler verlässt enttäuscht Deutschland. Weil ihm sein Arbeitsvertrag für mindestens ein halbes Jahr andere Jobs in der Reisebranche verbietet, zieht er auf die Seychellen und macht eine Ausbildung zum Tauchlehrer. Durch Vermittlung von Freunden kommt er in Kontakt mit dem britischen Multiunternehmer Richard Branson, der ihn als Vizechef zu seiner australischen Billiglinie Virgin Blue (heute: Virgin Australia) holt.

    Pichler bringt die Linie auf Kurs und hebt die Servicequalität. Später startet er den Einstieg ins Langstreckengeschäft. Die entspannte australische Art und der Einfluss Bransons lassen auch Pichler etwas lockerer und entspannter werden, berichten Weggefährten.

  • 2009

    Nachdem Virgin Blue rekordverdächtige Umsatzrenditen von gut 20 Prozent erreicht hat und Pichler nicht wie erwartet Konzernchef wird, wechselt nach Kuwait zum Billigflieger Jazeera Airways. Der braucht ein neues Geschäftsmodell, weil ihm die Vereinigten Arabischen Emirate sein Drehkreuz in Dubai untersagen, um Platz für ihren eigenen Billigflieger Flydubai und ihre Premiumlinie Emirates zu schaffen.

    Pichler verkleinert Jazeera Airways stark und macht sie zur profitabelsten Linie der Region. Weil er mit seiner Frau nach Dubai in ein Haus auf der Palm Jumeira genannte erste Gruppe künstlicher Inseln zieht, hat er engen Kontakt in die lokale Wirtschaft und zählt auch das Emirats-Oberhaupt Mohammed bin Rashid Al Maktoum zu seinen Freunden.

  • 2011

    Schon 2011 und 2012 verhandelt Pichler mit Air Berlin über den Chefposten. Etihad-Chef James Hogan würde ihn gerne engagieren. Doch dem Vernehmen nach sind die anderen Verwaltungsratsmitglieder dagegen. Sie und vor allem Oberaufseher Hans-Joachim Körber und Alt-Chef Hunold bevorzugen den damaligen Vize Wolfgang Prock-Schauer. Angeblich, weil sie unter Pichler unnötig radikale Umbauten befürchten.

  • 2013

    Nach dem Erfolg bei Jazeera wechselt Pichler auf den Chefposten der kleinen staatlichen Fiji Airways mit Sitz in Nadi, am größten Flughafen der Inselgruppe. Das reiche Angebot an Wassersport und das ruhige Leben bei der Fluglinie mit – laut Internetseite – mehr als doppelt so viel Vorstandsmitgliedern wie Flugzeuge locken ihn. Dazu waren er und seine australische Frau Leonie angeblich das heiße trockene Klima ein wenig leid.

    Pichler beginnt Fiji Airways umzubauen und schwört allen Plänen einer Rückkehr nach Deutschland ab. „Ich werde mit Sicherheit die nächsten Jahre die Airline hier managen und dann werde ich es auslaufen lassen. Ich meine, dann war ich mehr als 20 Jahre CEO und irgendwann muss genug sein“ erklärt er in einem Interview.

  • 2014

    Wohl auch weil Pichler mehr Zeit hat, kommt er nun öfter nach Deutschland und ist auf Veranstaltungen seines alten Arbeitgebers Lufthansa zu sehen. Als bei Air Berlin die Zahlen nicht besser werden, spricht ihn angeblich Etihad-Chef Hogan im Frühsommer erneut auf den Chefposten an. Im Sommer spitzt sich die Lage bei Air Berlin zu. Die EU untersucht ob Etihad einen dominierenden Einfluss hat, was Air Berlin den Status als europäische Fluglinie und das Gros der Auslandsstrecken kosten könnte. gleichzeitig will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt Air Berlin das Recht für Gemeinschaftsflüge mit Etihad entziehen.

    Daum ändern immer mehr Mitglieder des Air-Berlin-Verwaltungsrats ihre Meinung und schließlich stimmen im Oktober laut Insidern auch die lange widerstrebenden Mitglieder Körber und Hunold Pichlers Berufung zu. Pichler nimmt die Wahl gerne an. Gegenüber Freuden deutet er an, dass ihm auf Fiji trotz aller Naturfreuden doch das kulturelle Angebot in Europa und besonders in Berlin fehlt. „Aber das er nun auch in seiner Heimat zeigen seine Qualität als Sanierer zeigen kann und dabei sowohl den Eindruck seines Scheiterns bei Thomas Cook als auch seinen Ruf als Ekel wettmacht, hat ihn sicher auch nicht gestört“, so ein Weggefährte

  • 2015

    Am 1. Februar soll Pichler Air-Berlin-Chef werden.

Das soll sich ändern. Pichler will die klassischen Konzernstrukturen schleifen. Mehr Mittelstandsgeist soll Einzug halten und vor allem eine klarere Verantwortung der einzelnen Manager. Derzeit, so Pichlers Eindruck, werde viel ziellos und gegeneinander gearbeitet, weil nie ganz klar sei, wer nun was dürfe.

So wunderte ihn offenbar, dass die angeschlagene Linie als Umbauleiter einen eigenen Chief Restructuring Officer hatte, obwohl das bei einem Krisenunternehmen am Ende immer der Vorstandschef sein müsse.
Ziel von Pichlers Strukturänderung ist, dass die Linie schneller arbeitet, sobald eine Lösung gefunden ist. Richtig oder falsch, so Pichler einmal, sei eine Frage des Zeitpunkts. Eine Sache könne heute richtig, aber morgen bereits falsch sein, weil sich wichtige Rahmenbedingungen geändert hätten.

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