Air-Berlin-Hauptversammlung: Worüber sich die Aktionäre Sorgen machen

Air-Berlin-Hauptversammlung: Worüber sich die Aktionäre Sorgen machen

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Stefan Pichler muss Air Berlin endlich auf Kurs bringen.

Mit viel Optimismus versucht Air-Berlin-Chef Stefan Pichler die Aktionäre der Krisen-Linie bei Laune zu halten. Das gelingt ihm auf der Hauptversammlung längst nicht bei jedem.

Aktionäre von Air Berlin haben viele Gründe, unzufrieden mit ihrer Fluggesellschaft zu sein. Etwa der Rekordverlust vom vergangenen Jahr, oder die Verluste aus den Jahren davor, oder dass die Aktie nur noch etwas über einen Euro wert ist.

Darüber beschweren sich die wenigen Kleinaktionäre auch, die extra an den Londoner Flughafen Heathrow gereist sind, um Unternehmenschef Stefan Pichler mal auf den Zahn zu fühlen. Die Anteilseigner beschäftigen aber auch ganz andere Probleme.
Da ist zum Beispiel Norbert Westphal aus Berlin, er ist Aktionär der ersten Stunde. 40 Prozent im Minus seien seine Anteile, sagt er. „Gott sei Dank habe ich nicht zu viele davon.“

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Offenbar noch ärgerlicher ist für ihn aber, dass die Airline es immer wieder nicht schafft, ihm und seiner Frau zweimal jährlich beim Lanzarote-Urlaub die - früh gebuchten - Plätze mit viel Beinfreiheit am Gang zuzuteilen. Oder Bernd Schuh, der findet, Air Berlin solle an Bord „einen Apfel oder einen Banane“ anbieten, „Veggie ist doch in“.

Air Berlin Wenn außer Vertrauen nichts mehr bleibt

Bei seiner ersten Hauptversammlung hat der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler kaum mehr zu bieten als Durchhalteparolen. Die angeschlagene Linie steckt in einer Übergangsphase. Erste Erfolge sind rar.

huGO-BildID: 43917016 ARCHIV - Ein Flugzeug der Fluggesellschaft Air Berlin rollt am 07.07.2013 in Berlin über den Flughafen Tegel. Foto: Daniel Reinhardt/dpa (zu dpa "Air Berlin fliegt Rekordverlust ein - Hoffen auf 2016" vom 30.04.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa


Pichler, erst seit Februar an der Air-Berlin-Spitze, hört zu und nickt. Er hat ein Mammutprojekt vor sich. Man müsse in der Lage sein, die Gesellschaft profitabel zu führen, sagte er den rund zwei Dutzend Kleinaktionären, darunter eine Studentengruppe aus Berlin.
Wie er es schaffen will, dass die nach der Lufthansa zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft wieder Gewinn einfliegt, hat er vor der Fragerunde dargelegt. Neuigkeiten waren nicht dabei: Auf profitable Strecken konzentrieren, Kosten senken, Linienflüge mit Partnergesellschaften teilen (das sogenannte Codesharing), Langstreckenziele ausbauen.
Dass Pichler auch an der Preisschraube drehen will, wertet Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) als gutes Zeichen: „Es ist endlich etwas mehr Realitätssinn bei der Gesellschaft eingekehrt“, sagt der Aktionärsschützer. „Es ist erkannt worden, dass man nicht nur auf der Kostenseite ran muss.“

Die Chronik von Air Berlin

  • Sonderrechte im geteilten Berlin

    Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

  • 1970er- bis 90er-Jahre

    1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

    1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

    1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

  • 2004

    Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

  • 2006

    Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

  • 2007

    Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

  • 2008

    Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

  • 2010

    Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

  • 2011

    Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

  • 2012

    Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

  • 2013

    Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

  • 2015

    Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

  • 2016

    Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

  • 2017

    Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

  • 15. August 2017

    Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.


Schon nächstes Jahr soll Air Berlin wenigstens operativ wieder Gewinn einfliegen. Von mehreren Kleinaktionären gibt es Lob, etwa von Manfred Klein aus Saarbrücken. Pichler habe bisher mehr bewegt als seine Vorgänger - Joachim Hunold, Hartmut Mehdorn und Wolfgang Prock-Schauer - in Jahren, befindet Klein, nachdem der Chef persönlich ihm ein Glas Wasser auf Rednerpult gestellt hat.
Doch ganz überzeugt, dass die Air Berlin wieder zu einer „schlagkräftigen Truppe“ wird, wie er es nennt, scheint auch Klein nicht. Es seien doch „nur die nervenstärksten Aktionäre“ noch gekommen, die „mit Herz, Leib und Seele“ zum Unternehmen stünden. Später stellt Klein die eigentlich entscheidende Frage: „Steht Etihad noch hinter Air Berlin?“

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Ohne die staatliche Fluglinie der Vereinigten Arabischen Emirate, das ist allen klar, ginge nichts bei den Berlinern. Sie hält Air Berlin seit 2012 mit Kapitalspritzen und Krediten im Geschäft, damit das deutsche Unternehmen Fluggäste zum Etihad-Drehkreuz Abu Dhabi bringt. Medienberichten zufolge ist eine neue Anleihe geplant. Der frühere Air-Berlin-Finanzchef Ulf Hüttmeyer ist jetzt bei Etihad.
Auf Kleins Frage nach Rückendeckung antwortet Verwaltungsrats-Chef Hans-Joachim Körber denn auch mit einem klaren „Ja“. Etihad-Chef James Hogan stimmt zu. Die treuen Kleinaktionäre können also wohl auch im kommenden Jahr wieder Flüge nach London buchen. „Deutschland braucht Air Berlin“, sagt Pichler markig. Drei Männer im Publikum applaudieren.

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