Air Berlin: Wenn außer Vertrauen nichts mehr bleibt

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Air Berlin: Wenn außer Vertrauen nichts mehr bleibt

von Rüdiger Kiani-Kreß

Bei seiner ersten Hauptversammlung hat der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler kaum mehr zu bieten als Durchhalteparolen. Die angeschlagene Linie steckt in einer Übergangsphase. Erste Erfolge sind rar.

Wenn sich am Dienstag gut 30 Investoren und ein Dutzend Manager zur Hauptversammlung von Air Berlin in einem Konferenzsaal an der Bath Road in Heathrow treffen, dürfte die Stimmung unfreiwillig an den Satiriker Kurt Tucholsky erinnern. Der hatte in den zwanziger Jahren angesichts der Wirtschaftskrise gewitzelt, Krisen erkenne man daran, „dass die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie ja dann auch meist nichts mehr.“

Ähnlich geht es den Anteilseigner von Deutschlands zweitgrößter Fluglinie beim Blick auf den Aktienkurs. Der bewegt sich seit dem Hoch von fast 21 Euro im Jahr 2006 in Kaskaden auf die Marke von einem Euro zu.

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Air Berlin Der Fünf-Stufen-Rettungsplan des Stefan Pichler

Neue Arbeitsweise, neue Leute aber – vorläufig – noch die alte Strategie: Wie der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler die angeschlagene Fluglinie wieder auf Kurs bringen will.

Umparken bei Airberlin: Pichler kommt für Prock-Schauer Quelle: dpa Picture-Alliance

Und wenn der neue Chef Stefan Pichler bei der Hauptversammlung nahe Londons größtem Flughafen seine Strategie vorstellt, dürfte die Laune kaum steigen. Zwar schwört der gebürtige Münchner gerne „die Rettung ist möglich“. Doch strahlendes Lächeln oder eine optimistische Rede, wie sie Chefs angeschlagener Unternehmen selbst in schlimmeren Situationen von sich geben, darf keiner erwarten.

„Das hier ist unser letzter Schuss“, erklärt Pichler , obwohl er mit seinen Sätzen Ende Mai selbst die Kurse seiner Anleihen auf neue Rekordtiefs geschickt hat. Denn die Lage von Air Berlin ist und bleibt noch bis in den Herbst unsicher.

„Wir haben viel angestoßen“, sagt Pichler dabei trotzig. Tatsächlich hat er mit der ihm eigenen Arbeitswut zugebissen und dabei fast das gesamte Topmanagement ausgetauscht, unrentable Strecken gestrichen und begonnen, die teilweise hanebüchen veralteten Arbeitsweisen mit ihren Leerläufen zu stutzen.

Die Chronik von Air Berlin

  • Sonderrechte im geteilten Berlin

    Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

  • 1970er- bis 90er-Jahre

    1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

    1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

    1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

  • 2004

    Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

  • 2006

    Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

  • 2007

    Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

  • 2008

    Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

  • 2010

    Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

  • 2011

    Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

  • 2012

    Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

  • 2013

    Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

  • 2015

    Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

  • 2016

    Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

  • 2017

    Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

  • 15. August 2017

    Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Doch ob das ausreicht, ist offen. So läuft es derzeit zwar im Betrieb deutlich besser als im vorigen Jahr. Allerdings ist das erst der Anfang.

Die Probleme von Air Berlin

Noch verschlingen die Zinsen auf die Milliardenschulden viel Geld. Auch hat die Linie zu viele Verlustrecken im Angebot. Und wegen der verkorksten Steuerung des Vertriebs verkauft sie selbst auf ihren Rennstrecken die Tickets im Schnitt billiger als sie müsste.

Das zu ändern, ist nicht ganz leicht. Denn für Hauptaktionär Etihad ist Air Berlin die wichtigste europäische Tochter und erwartet für die umfangreichen Finanzhilfen der vergangenen Jahre auch ein ordentlich großes Netz an Anschlussflüge, auch wenn die keinen Gewinn bringen.

Dazu steckt die Belegschaft nach gut vier Jahren Schrumpfkurs in einer tiefen Lähmung. Nach dem etwas hohlen Aktionismus seines Vor-Vorgängers Hartmut Mehdorn stehen manche Pichlers Aufbruchsgeist skeptisch gegenüber.

Zwar fordert der neue Chef alle Mitarbeiter auf, notfalls an ihren Vorgesetzten vorbei offen mit ihm zu diskutieren und antwortet auf Mails meist innerhalb von Stunden. „Aber die alte Konzern-Kultur, wo jeder Leiter glaubte, eine Idee sei nur dann gut, wenn sie von ihm kommt, ist zäh“, so ein Insider. 

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Und zu guter Letzt bleibt bis zum Herbst die größte Unbekannte: Wie weit Air Berlin die Zahl seiner seine Gemeinschaftsflüge mit Etihad einschränken muss. Denn auch wenn die deutschen Behörden diese sogenannten Codeshare-Verbindungen teilweise seit Jahren geduldet haben, sind sie mit den aktuellen Verträgen über Flugrechte von Airlines aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wenn überhaupt dann nur schwer in Einklang zu bringen. Und trotz monatelanger Verhandlungen zwischen Deutschland und der Regierung in Abu Dhabi ist ein neues Abkommen derzeit nicht in Sicht.

Somit hat Pichler seinen Aktionären derzeit außer Hoffnung nicht viel mehr zu bieten. „Bis zum Herbst ist erstmal alles offen“, so ein Insider.

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