Air Berlin: Wer hinter den Kulissen um die Flugrechte kämpft

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Air Berlin: Wer hinter den Kulissen um die Flugrechte kämpft

von Christian Schlesiger und Rüdiger Kiani-Kreß

Im Konflikt um die Flugrechte kämpfen bizarre Koalitionen um eine gedeihliche Zukunft für Air Berlin, ihren Wettbewerber Lufthansa sowie die Hoheit am deutschen Himmel.

Mitte Oktober machte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) Air-Berlin-Chef Wolfgang Prock-Schauer das Leben etwas leichter. Überraschend kassierte der Politiker erst mal wieder das Verbot für Gemeinschaftsflüge der Linie mit ihrem Großaktionär Etihad aus dem Emirat Abu Dhabi.

Der Bescheid war vom Luftfahrtbundesamt (LBA) in Braunschweig verfasst, das dem Ministerium unterstellt ist und die Zusammenarbeit von Air Berlin mit Etihad beschneiden wollte. Der Rückzieher spült der angeschlagenen Airline pro Jahr gut 60 Millionen Euro in die Kasse.

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Die Entscheidung des Christsozialen war mehr als ein Verwaltungsakt oder gar ein Akt der Nächstenliebe. Denn Dobrindt entschied unter Druck. Wie Insider berichten, hatte das Verwaltungsgericht in Braunschweig kurz zuvor das Signal gegeben, es könne einem Eilantrag von Etihad gegen den Erlass stattgeben. „Um sich die Blamage zu ersparen, hat das Haus Dobrindt das Verbot erst mal für ein halbes Jahr ausgesetzt“, heißt es aus eingeweihten Kreisen.

Die Chronik von Air Berlin

  • Sonderrechte im geteilten Berlin

    Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

  • 1970er- bis 90er-Jahre

    1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

    1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

    1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

  • 2004

    Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

  • 2006

    Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

  • 2007

    Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

  • 2008

    Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

  • 2010

    Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

  • 2011

    Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

  • 2012

    Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

  • 2013

    Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

  • 2015

    Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

  • 2016

    Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

  • 2017

    Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

  • 15. August 2017

    Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Dobrindts Volte ist der vorläufige Höhepunkt eines versteckten Kampfes, den zwei Teams für und gegen eine gedeihliche Zukunft von Air Berlin sowie um die Richtung der deutschen Luftfahrtpolitik führen.

Wer hinter den Kulissen arbeitet

Die Liste derer, die sich dazu berufen fühlen und mit allen Mitteln mitmischen, könnte illustrer kaum sein. Sie reicht von Stephan Schulte, dem Chef der Frankfurter Flughafenholding Fraport, über Gewerkschafter wie Ilja Schulz als Präsident der mächtigen Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit bis hin zu Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit.

„Da ringen schwarze, grüne und rote Ministerpräsidenten sowie die gelbe Lufthansa um die rot-weiße Air Berlin“, beschreibt ein Beobachter das Farbenspiel. Und mit der Rücknahme des Erlasses habe Air Berlin das Hinspiel gewonnen.

Die Koalitionen im Flugrechte-Streit

  • Team "Air Berlin"

    Pro Air Berlin engagieren sich:

    Winfried Kretschmann (Ministerpräsident Baden-Württemberg, Grüne)

    Klaus Wowereit (Regierender Bürgermeister Berlin, SPD)

    Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalen, SPD)

    Hartmut Mehdorn (Chef Flughafen Berlin)

  • Team "Lufthansa"

    Pro Lufthansa engagieren sich:

    Volker Bouffier (Ministerpräsident Hessen, CDU)

    Horst Seehofer (Ministerpräsident Bayern, CSU)

    Stefan Schulte (Vorstandsvorsitzender Fraport)

    Ralf Teckentrup (Vorstandsvorsitzender Condor)

Doch die Rückrunde läuft. Denn am Ende geht es nicht nur um die Frage, ob Etihad eigene Tickets für Flüge mit Air Berlin verkaufen darf. Vielmehr tobt der Streit um drei andere zentrale Punkte: Welche Rolle soll Air Berlin künftig im Himmel über Deutschland spielen? Wie weit soll sich die Bundesregierung für einen Konkurrenten heimischer Linien wie Lufthansa (LH) oder Condor verwenden, der von einem staatlich subventionierten Angreifer aus Arabien gehätschelt wird? Und was kann Berlin in dieser Situation überhaupt tun, wenn der Westen auf die Hilfe von Scheichs gegen die „IS“-Terroristen im Nahen Osten angewiesen ist?

„Ein Verbot des Etihad-Engagements bei Air Berlin würde die Emirate vor den Kopf stoßen“, heißt es in Regierungskreisen. „Und das möchte Außenminister Walter Steinmeier bei einem Verbündeten im Kampf gegen die Terrormiliz vermeiden.“

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