Architektur und Städteplanung: Kein Platz an der Sonne für die Bürger von heute

Architektur und Städteplanung: Kein Platz an der Sonne für die Bürger von heute

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Großes toskanisches Theater. Die Piazza del Campo in Siena

von Christopher Schwarz

Im Sommer strömen die Deutschen in Massen nach draußen. Dort, wo es wenig Raum gibt: Die moderne Stadt hat in den letzten 60 Jahren keinen einzigen nennenswerten Platz hervorgebracht. Wieso eigentlich nicht?

Die Welt ist eine Bühne – so steht es unsichtbar über unseren Stadttoren geschrieben. Besonders deutlich in Köln, wo die City zur Bühne der Lebensstile wird. Wir alle spielen Theater, heißt die Devise, drinnen und draußen, gern mitten auf der Straße, überall, wo etwas los ist, am liebsten „auf’m Platz“.

Natürlich nicht auf dem Ebertplatz, der von Auto und Straßenbahn zerschnittenen Verkehrsschleuse am Ring. Gern aber auf dem Brüsseler Platz im Herzen des Belgischen Viertels, mit der Pfarrkirche St. Michael als magnetisch wirkender Mitte und den Kneipen und Läden drum herum. An lauschigen Frühsommerabenden belagern Hunderte, meist junge Leute den Quartiersplatz – zum Ärger der Nachbarn, die ihren Platz hegen und pflegen und nachts ihre Ruhe haben wollen.

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Seine Beliebtheit macht den „Brüsseler“ zum lokalen Politikum. Dabei ist diese Schöpfung des späten 19. Jahrhunderts nichts Besonderes, nur ein „gelungener Raum“, wie der Kölner Architekt Kaspar Kraemer sagt, in „gut erreichbarer, zentraler Lage“, mit „klaren Platzkanten“, „räumlicher Geschlossenheit“, „Zugänglichkeit von mehreren Seiten“ und Geschäften im Erdgeschoss. Da „stimmt einfach alles“, konstatiert Kraemer – und fragt sich: „Warum bauen wir so was nicht mehr?“

Weil die Grundstücksverhältnisse in den Innenstädten es nicht zulassen. Vor allem: weil die Moderne, speziell in ihrer Nachkriegsvariante mit dem Ideal der „aufgelockerten Stadt“, nichts wissen will vom traditionellen Platz. Weil sie die Stadt als Landschaft versteht, als abstraktes Beziehungssystem von frei stehenden Gebäuden, das den geschlossenen, steinernen Raum für Treffen und Begegnungen aufgibt zugunsten des durchgrünten Zeilenbaus.

Der Architekt Christoph Mäckler, Gründer des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund, hat die Folgen beschrieben: die „unbefriedigende Gestalt“ der modernen Stadträume. Kaum ein Platz, auf dem man sich heimisch fühlen könne, der eine „identitätsbildende Gestalt“ besitze. „Es gibt wunderbare alte Plätze, in Bamberg oder Landshut“, so Mäckler, „aber die letzten 60 Jahre haben keinen einzigen nennenswerten Platz hervorgebracht. Es gibt ihn nicht, den gebauten Stadtraum des 20. Jahrhunderts.“

Dabei lebt das Bedürfnis danach. Es ist so alt wie die europäische Stadt: Ob griechische Agora, römisches Forum oder mittelalterlicher Markt – der Platz macht die Mitte. Als Ort des Güteraustauschs prägt er die Identität der Stadt, ist er ihre Visitenkarte, bestimmt er ihre Kommunikation: Eine kompakte, auf Sicht- und Hörweite abgestimmte Form des Zusammenlebens. Die mittelalterliche Piazza del Campo in Siena führt diese Integrationsfunktion vor Augen: Wie ein Amphitheater angelegt, ringsum von Wänden eingerahmt, vermittelt der Platz dem Spaziergänger von jedem Standpunkt aus das Gefühl, mitten in der Stadt zu stehen.

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