Bahn-Chef: Streik kostete schon mehr als 100 Millionen Euro

Bahn-Chef: Streik kostete schon mehr als 100 Millionen Euro

, aktualisiert 08. November 2014, 15:16 Uhr

Durch den Streik der Lokführer-Gewerkschaft GDL hat die Deutsche Bahn schon einen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe erlitten. Groß für das Unternehmen ist auch der Imageschaden und der Vertrauensverlust.

Nach eigenen Angaben hat die Deutsche Bahn schon einen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe erlitten. "Der Schaden beträgt bislang mehr als 100 Millionen Euro und wird sich auch in dieser Größenordnung in unserer Jahresbilanz niederschlagen", sagte Bahnchef Rüdiger Grube der "Bild am Sonntag". "Vom Imageschaden und Vertrauensverlust der DB ganz zu schweigen", fügte er laut Vorabbericht hinzu. Im Tarifkonflikt mit der Bahn streikt die GDL zum zweiten Mal binnen weniger Wochen. Trotz des früheren Endes am Samstag um 18.00 Uhr wird der Ausstand im Güter- und Personenverkehr mit insgesamt 75 Stunden der längste in der Bahn-Geschichte sein. Kern des Konflikts ist es, dass die GDL nicht mehr nur für die 20.000 Lokführer verhandeln will, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht aber die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) für sich. Die Bahn wiederum lehnt konkurrierende Gehaltsabschlüsse ab.

Was die GDL erreichen will

  • Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

    Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34 000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG (210 000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

  • Wen zählt die GDL außer den Lokführern noch zum Zugpersonal?

    Die GDL will die Verhandlungsmacht auch für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17 100 Mitarbeiter. Mit den rund 20 000 Lokführern bildet die GDL daraus die Gruppe „Zugpersonal“ mit 37 000 Mitarbeitern. In dieser Gruppe habe sie die Mehrheit der Mitglieder. Die EVG hält von der GDL vorgenommene Zusammenführung für willkürlich und bezweifelt deren Zahlenangaben.

  • Welche Gewerkschaft verhandelt denn nun für wen?

    Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: Einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

  • Und wie stark sind EVG und GDL bei der Deutschen Bahn?

    Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn beschäftigt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an, davon seien 2000 Beamte. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL. Schwieriger und umstritten ist es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte. Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehörten zum Zugpersonal. Davon seien 19.000 GDL-Mitglieder, das sei eine Mehrheit von 51 Prozent.

  • Welche Rolle spielt die Absicht der Bundesregierung, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen?

    Für die GDL ist das sehr bedeutsam. Denn ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

  • Warum hat sich die Koalition das Gesetz überhaupt vorgenommen?

    Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertrags-Vielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb - ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.

Neben dem Lokführer-Streik haben auch mehrere Brandanschläge den Zugverkehr am Samstag behindert. Unbekannte hatten in Bremen, Niedersachsen und Brandenburg Feuer in mehreren Kabelschächten gelegt. Die Bundespolizei schließt einen Zusammenhang zwischen den Taten nicht aus - zumal sie zur etwa gleichen Zeit verübt worden sind. Bei der Bahn fielen mehrere Stellwerke aus. Reisende müssen sich deshalb bis Sonntagabend auf Zugausfälle und Verspätungen in Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein einstellen. In Bremen entfernten die Täter am Samstagmorgen an zehn Stellen die etwa 15 Kilo schweren Betonplatten von den Kabelschächten. Danach legten sie Feuer. Im niedersächsischen Bad Bevensen setzten die Unbekannten zwei Kabelschächte auf die gleiche Weise in Brand. Auch in Karstädt bei Wittenberge in Brandenburg gab es Anschläge auf Kabelschächte.

„Die Auswirkungen sind erheblich“, sagte eine Bahnsprecherin. Neben den defekten Stellwerken ist auch der Funkverkehr zu den Zügen ausgefallen. Die Lokführer müssen zum Teil auf Sicht fahren. Deshalb wird auch nach dem Ende des Streiks der Lokführergewerkschaft GDL am Samstagabend weiterhin der Ersatzfahrplan in Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gelten. Voraussichtlich erst ab Sonntagabend werden die Regional- und Fernzüge wieder normal rollen. Anschläge auf die Bahn gab es in der Vergangenheit immer wieder, zuletzt am 1. Mai auf der Strecke zwischen Berlin und Potsdam. Damals bekannten sich Linksextreme zu der Tat. Die Hintergründe der jüngsten Attacken auf die Bahn sind noch unklar.

Anzeige

Weitere Artikel

Die Bundespolizei in Hannover will einen Zusammenhang zwischen den Taten in Bremen und Niedersachsen zumindest nicht ausschließen. „Es wäre schon sehr merkwürdig, wenn die nicht zusammenhängen würden“, sagte Sprecherin Sandra Perlebach in Hannover. An beiden Orten legten die Brandstifter zwischen 5.00 Uhr und 6.00 Uhr das Feuer. Die Feuerwehr löschte die Flammen. Wie die Täter die Anschläge verübt haben, konnte die Sprecherin jedoch noch nicht sagen. „Wir sind ganz am Anfang der Ermittlungen.“

In Brandenburg verwendeten die Täter Brandbeschleuniger, um die Kabel anzuzünden. Im Vergleich zu Bremen und Niedersachsen hielt sich der Schaden jedoch in Grenzen. Als ein Techniker der Bahn gegen 6.00 Uhr an der Brandstelle eingetroffen sei, seien die Flammen schon aus gewesen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei in Berlin. Er hält einen Zusammenhang mit den Vorfällen in Norddeutschland für wahrscheinlich. Folgen für die Reisenden gab es rund um Wittenberge kaum: Die Züge einer Privatbahn konnten weiterhin auf der Strecke fahren, allerdings mit verringerter Geschwindigkeit.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%