Bahnstreik: Warum die Bahn Weselsky dankbar sein muss

GlosseBahnstreik: Warum die Bahn Weselsky dankbar sein muss

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Viele Gleise sind leer, andere Züge dafür pünktlich.

von Annina Reimann

WiWo-Redakteurin Annina Reimann schreibt in einem nicht ganz ernst gemeinten Brief an GDL-Chef Claus Weselsky, warum auch die Deutsche Bahn vom Streik profitiert, aber das nicht so frei zugeben kann.

Lieber Herr Weselsky,
ich möchte Ihnen heute persönlich danken. Danken dafür, dass ich in an diesem Samstag für mein Geld länger Bahn fahren durfte als üblich. Statt einer Stunde waren es zwischen Köln und Frankfurt ganze drei. Und das für den gleichen Preis, echt toll.

Ehrlich gesagt glaube ich ja, dass auch die Bahn Ihnen nach einer Woche Streik dankbar ist. Die Leute von der Bahn können das nur nicht so frei zugeben. Deswegen sage ich Ihnen mal, warum - vielleicht finden Sie in meinen Argumenten ja noch ein paar Punkte, mit denen Sie denen von der Bahn noch mal ordentlich Druck machen können.

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Was die GDL erreichen will

  • Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

    Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34 000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG (210 000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

  • Wen zählt die GDL außer den Lokführern noch zum Zugpersonal?

    Die GDL will die Verhandlungsmacht auch für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17 100 Mitarbeiter. Mit den rund 20 000 Lokführern bildet die GDL daraus die Gruppe „Zugpersonal“ mit 37 000 Mitarbeitern. In dieser Gruppe habe sie die Mehrheit der Mitglieder. Die EVG hält von der GDL vorgenommene Zusammenführung für willkürlich und bezweifelt deren Zahlenangaben.

  • Welche Gewerkschaft verhandelt denn nun für wen?

    Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: Einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

  • Und wie stark sind EVG und GDL bei der Deutschen Bahn?

    Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn beschäftigt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an, davon seien 2000 Beamte. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL. Schwieriger und umstritten ist es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte. Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehörten zum Zugpersonal. Davon seien 19.000 GDL-Mitglieder, das sei eine Mehrheit von 51 Prozent.

  • Welche Rolle spielt die Absicht der Bundesregierung, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen?

    Für die GDL ist das sehr bedeutsam. Denn ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

  • Warum hat sich die Koalition das Gesetz überhaupt vorgenommen?

    Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertrags-Vielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb - ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.

Zum einen hat die Bahn nach dem längsten Streik der Bahngeschichte jetzt endlich mal belastbare Zahlen. Zum Beispiel darüber, wer eigentlich schuld ist an den ewigen Verspätungen der Bahn in normalen Zeiten. Der Fahrgast kann ja sonst nicht so klar trennen, wer da gerade die Lok steuert und unpünktlich ist. Jetzt, wo nur verbeamtete Lokführer fahren, läuft doch eigentlich alles ganz flüssig. Viele Züge sind pünktlich, einige nur so um die zehn Minuten verspätet. Ich habe jetzt natürlich keine umfangreichen Statistiken studiert, aber gefühlt ist das sonst mehr. Die Bahn dürfte jetzt also beweisen können, dass eigentlich Ihre Lokführer schuld sind an den sonst üblichen dramatischen Verspätungen der Bahn. Ok, ich gebe zu, das war jetzt noch kein Argument für Ihre Verhandlungen. 

Doch die Bahn hat weitere Gründe, Ihnen dankbar zu sein und hier können Sie sicher ordentlich Profit draus schlagen:

  1. Zum einen hat die Deutsche Bahn eine neue Einnahmequelle aufgetan: Reservierungsgebühren. Wer als Fahrgast in Streikzeiten dazu zu geizig war und stehen musste, wird das nächste mal sicher schlauer sein und hier in die Tasche greifen. Eine Goldgrube.

  2. Zum anderen waren die Züge viel besser ausgelastet als normal. Gefühlt sind ja oft die Hälfte der Plätze frei. Betrachtet man die vielen Menschen, die in den vergangenen Tagen auf den Fluren standen, darf man wohl von einer Belegung von 150 Prozent ausgehen. Ihre Dauerstreiks dürften also die durchschnittlichen Auslastungsquoten der Züge insgesamt im Jahr 2015 deutlich nach oben treiben. Das sieht natürlich gut aus für die Bahn, die Traumzahlen und Wachstumsraten in der Auslastung würden sicher selbst Investoren überzeugen - vielleicht klappt es so am Ende gar doch noch mit dem Börsengang.

  3. Nicht zuletzt haben ja auch die Fahrgäste deutlich vom Streik profitiert. Sie blieben immer in Bewegung, durften häufiger umsteigen und haben neue Strecken kennengelernt, weil die Bahn nicht immer direkt fahren konnte. Das alles war sicher eine sehr gute Werbung für die Bahn und wird künftig noch mehr Fahrgäste anziehen. Sie sollten das als guter Gewerkschafter jetzt schon mal in Ihre Gehaltsforderungen einbeziehen und diese zukünftigen Gewinne abschöpfen. 

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Lieber Herr Weselsky, ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche und viel Erfolg bei Ihren Verhandlungen.


Herzlich, 
Ihre Annina Reimann


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