Bauwirtschaft: Hochtief am Rande des Nervenzusammenbruchs

KommentarBauwirtschaft: Hochtief am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Vorstandschef Frank Stieler, der noch nicht einmal anderthalb Jahre im Amt ist, soll „einvernehmlich“ aus dem Vorstand ausscheiden.

von Harald Schumacher

Lieber Pedro Alomodòvar! Niemand hat uns behäbigen Deutschen spanische Seele, spanische Psyche und spanisches Temperament so nahe gebracht wie Sie als Regisseur – inklusive einer Logik, die wir Teutonen nicht verstehen.

Wir bitten Sie deshalb eindringlich, sich eines Stoffes anzunehmen, den wir beim besten Willen nicht mehr begreifen und in dem ein Spanier, Ihr Landsmann Florentino Pérez, die Fäden zieht.

„Hochtief am Rande des Nervenzusammenbruchs“ könnte das Werk in Anlehnung an einen Ihrer großartigsten und durchgeknalltesten Filme heißen. Beginnen würde es damit, wie ein völlig überschuldeter Fußballclub-Präsident aus dem noch überschuldeteren Spanien mit viel Chuzpe und unter Ausnutzung des etwas blöde gestalteten deutschen Wertpapierübernahmegesetzes ein grundsolides deutsches Unternehmen kauft – nämlich den braven Baukonzern Hochtief, der sich vergeblich gegen die Übernahme wehrt und der bis dahin irgendwie stolz darauf war, die größte Baubude des Landes zu sein.

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Dann würde der Film erzählen, wie Don Florentino deutsche Marionetten-Manager einsetzt und wie die sich – entschuldigen Sie den Kraftausdruck – den Arsch aufreißen, um alles zum Wohlgefallen des Spaniers zu regeln. Doch die vermeintliche deutsche Perle, die Don Florentino in sein Haus gezwungen hat, mutiert in dessen Händen zum Windei. Zum Schreien komisch! Von Australien über Hamburg bis Budapest tun sich bei Hochtief plötzlich Problembaustellen auf. Und das einzige, woran Florentino wirklich lag – nämlich gute Dividenden der sich sträubenden Tochter – kann die nicht zahlen.

Wie Louis de Funès tobt Don Florentino deshalb in seiner Villa, die angeblich heute schon mehr den Banken gehört als ihm, und zerdeppert ein paar Pokale seines Vereins Real Madrid. „Die Akquisition von Hochtief war wohl die wichtigste strategische Entscheidung, die unsere Gruppe in den letzten Jahren realisiert hat", hat er mal gesagt und steht nun da wie Don Quijote vor den Windmühlen. Zugegeben: Die Slapstick-Szene mit den Pokalen haben wir erfunden. Aber alles andere stimmt.

Dann kommt´s noch doller: Just in dem Moment, als die deutschen Hochtief-Marionetten vieles endlich wieder in gute Bahnen gelenkt haben, setzt Perez sie vor die Tür! Madre mia! Das ist wie geschrieben für einen Regisseur wie Sie, dessen Werk sich laut Wikipedia „durch melodramatische Szenen mit oft verblüffenden Wendungen auszeichnet“ und dessen zentrale Figuren sich in ihrem wundervollen Hang zur Theatralik vom „Wunsch nach Nähe“ leiten lassen.

Wer Hochtief bereits verlassen hat

  • Stephan Hebgen

    Nach Informationen der WirtschaftsWoche hat Vorstandschef Marcelino Fernández den Geschäftsführer der Hochtief-Solutions-Sparte Energie und Infrastruktur, Stephan Hebgen, von seinen Aufgaben freigestellt. Ende Oktober 2013 verabschiedete sich Hebgen, der zudem Mitglied im Solutions-Aufsichtsrat war und dort die Leitenden Angestellten vertrat, in einer E-Mail von den Mitarbeitern.

  • Frank Stieler

    Die spanische Mutter ACS setzt Hochtief-Chef Frank Stieler Ende November 2011 vor die Tür. Er hatte sein Amt erst im Mai 2011 angetreten. Insider vermuten, Stieler haben den Spaniern die Probleme der Tochter nicht schnell genug gelöst und Verkaufspläne nicht entschieden genug vorangetrieben.

  • Reiner Schränkler

    Schränkler, 48, leitet als Vorstandsvorsitzender die Sparte Concessions und war Chef der Flughafensparte. Die Sparte hat Chef Stieler zum Teil schon auf andere Manager übertragen, die Flughafensparte steht zum Verkauf. Schränkler muss sich "neuen beruflichen Herausforderungen stellen". Seine Aufgaben übernehmen die beiden verbliebenen Geschäftsführer Holger Linkweiler und Gerhard Schroeder.

  • Gerhard Peters

    Im September 2011 wird Personalchef Gerhard Peters entmachtet. Brisant ist die Entmachtung, weil Peters im Hochtief-Aufsichtsrat sitzt und dort zu den Gegnern der Übernahme durch den spanischen Baukonzern ACS zählte.

  • Bernward Kulle

    Auch Bernward Kulle, Vorstand der Tochter Concessions und Spezialist fürs Geschäft mit Öffentlich-Privaten Partnerschaften (ÖPP), reichte kurz nach der Übernahme die Kündigung ein.

  • Jens Rocksien

    Rocksien, 49, Cheflobbyist in Berlin und Leiter der Abteilung Politik und Verbände der Hochtief AG, verkündete Mitte Dezember 2011 seinen Abschied. Rocksien hatte seit September 2010 vergebens versucht, Bundesregierung und Abgeordnete zu einer schnellen Änderung des Wertpapierübernahmegesetzes zu bewegen, um die feindliche Übernahme von Hochtief durch ACS zu verhindern.

  • Martin Rohr

    Rohr verlässt den Konzern Ende Dezember 2011. Er war 15 Jahre im Konzern und leitete das Amerika-Geschäft und die Flughafensparte. Rohr war der letzte Konzernvorstands der Lütkestratkötter-Ära und zu diesem Zeitpunkt der achte Top-Abgang seit Stielers Amtsantritt.

  • Jutta Hobbiebrunken

    Die Leiterin der Konzernkommunikation, Jutta Hobbiebrunken, verlässt ebenfalls nach der verlorenen Übernahmeschlacht Mitte Mai 2011 das Unternehmen. Hobbiebrunken galt als enge Vertraute des früheren Vorstandschefs Herbert Lütkestratkötter. Sie war seit 1994 bei Hochtief und baute die Konzernkommunikation im In- und Ausland auf.

  • Peter Noé

    Vorstandsmitglied Peter Noé wollte nach dem Einstieg der Spanier nicht länger für Hochtief tätig sein, er verabschiedete sich kurz nach der feindlichen Übernahme im Mai 2011.

  • Burkhard Lohr

    Finanzvorstand Burkhard Lohr tritt kurz nach der Übernahme durch ACS ab. Lohr mochte sich nicht mit dem neuen Mehrheitseigner abfinden. Er wird durch vom ehemaligen Ferrostaal-Manager Peter Sassenfeld ersetzt.

  • Henner Mahlstedt

    Ende Oktober 2011 wirft der Vorstandschef der Bausparte Hochtief Solutions, Henner Mahlstedt, den Bettel hin.

  • Heiner Helbig

    Der Finanzvorstand der Sparte Solutions, Heiner Helbig, 54, wirft im Herbst 2011 das Handtuch, gemeinsam mit seinem Kollegen Henner Mahlstedt.

Am vergangenen Wochenende nun überschlugen sich die Ereignisse! Das werden die Höhepunkten Ihres Oscar-verdächtigen Films. Freitag kursierten plötzlich Gerüchte, Hochtief-Chef Frank Stieler werde am nächsten Dienstag bei der Aufsichtsratssitzung entlassen oder gezwungen, um seine Entlassung zu bitten. Das klang so unseriös, dass die Journalisten es kaum glauben und erst mal recherchieren wollten.

Von der Recherche bekam Hochtief Wind und bestätigte, um den Medien zuvor zu kommen, das unglaubliche Gerücht am Samstagmittag von sich aus in Form einer Ad-hoc-Meldung. Darin stand auch, dass gleichzeitig der Top-Manager Rainer Eichholz geht, der die Unternehmenstochter Hochtief Solutions führt! Und dass zu allem Überfluss in sechs Wochen auch noch der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Wennemer seinen Posten niederlegen wird, nachdem er sich mit Stieler gerade auf dessen völlig unerwartetes „einvernehmliches Ausscheiden“ aus dem Vorstand verständigt habe.

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