Bayer, BASF, Lanxess: Chemiekonzerne im Kaufrausch

Bayer, BASF, Lanxess: Chemiekonzerne im Kaufrausch

, aktualisiert 24. Dezember 2016, 10:27 Uhr
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Der weltgrößte Chemiekonzern wagte 2016 nur eine kleinere Übernahme.

von Bert FröndhoffQuelle:Handelsblatt Online

Die Übernahmewelle in der weltweiten Chemieindustrie wird 2017 weitergehen. Die deutschen Anbieter mischen bei der Neuordnung bisher kräftig mit. Bald aber kommen die Chinesen, erwarten Experten.

DüsseldorfDeutschland ist Weltmeister im Fusionstreiben der Chemieindustrie. Übernahmen im Volumen von rund 76 Milliarden Dollar haben die heimischen Chemiekonzerne 2016 angekündigt, mehr als in allen anderen Ländern. Das hat die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG berechnet. Die Megaübernahme von Monsanto durch Bayer kommt alleine auf einen Wert von 66 Milliarden Dollar. Aber auch BASF, Evonik und Lanxess planen große Zukäufe. Aus Sicht vieler Experten wird die Chemie auch 2017 von Übernahmen und Fusionen gekennzeichnet sein.

„Grundsätzlich wird die Übernahmewelle anhalten, denn viele Chemiekonzerne sind mitten im Prozess der Portfoliotransformation“, sagt Vir Lakshman, Leiter des Bereichs Chemie & Pharma bei KPMG Deutschland. „Sie kaufen in Kernmärkten zu und stoßen andere Geschäftsbereiche ab.“ Angesichts des verhaltenen Wirtschaftswachstums sind Zukäufe für die Unternehmen ein probates Mittel zur Expansion. Zumal die Finanzierung günstig bleibt und die deutschen Chemieunternehmen finanziell gut ausgestattet sind.

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In einigen Branchen komme es zudem zu einem Endspiel der Konsolidierung, beobachtet Wolfgang Falter, Partner im Bereich Corporate & Market Strategy bei Deloitte. Branchen wie Agrarchemie, Düngemittel und Industriegase werden bald nur noch von einigen wenigen Anbietern beherrscht, wenn die angekündigten Fusionen von den Behörden freigegeben werden. Auch Falter rechnet mit einer anhaltenden Übernahmewelle. Angesichts des Trends zu immer mehr standardisierten Massenprodukten könnten in diesem Markt Wertsteigerungserwartungen von Eigentümern und Investoren kaum noch erreicht werden.

Den deutschen Chemiefirmen kommt gelegen, dass viele große Konkurrenten vor allem in den USA ihr Portfolio neu ordnen. Evonik etwa übernimmt für 3,8 Milliarden Dollar die Spezialchemiesparte des US-Konzerns Air Products, der sich künftig ganz auf Industriegase konzentrieren will. Der Essener Konzern kauft zudem für 630 Millionen Dollar das Kieselgelgeschäft des US-Unternehmens JM Huber. Bei Evonik dürfte die Expansion durch Zukäufe in den nächsten zwei Jahren weitergehen.

„Die Unternehmen fokussieren sich auf margenstarke Märkte und schärfen ihr Portfolio. Sie versuchen, ihre geographische Reichweite zu erhöhen und akquirieren vornehmlich im Ausland“, beobachtet KPMG-Experte Lakshman.

Das sind auch die Kernmotive in der Strategie von Lanxess. Der Kölner Spezialchemiekonzern griff in diesem Jahr ebenfalls zwei Mal zu: Für rund 210 Millionen Euro übernimmt Lanxess das Desinfektionsgeschäft des US-Chemiekonzerns Chemours, das vor allem Hygienemittel für Ställe produziert. Rund 2,4 Milliarden Euro zahlen die Kölner für das US-Unternehmen Chemtura, das zu den global führenden Herstellern von Flammschutz- und Schmierstoff-Zusätze gilt.


Die Zeit der Konglomerate ist vorbei

„Transatlantische Transaktionen werden weiter Konjunktur haben, schon allein durch die Steuergesetzgebung und die neue politische Situation in den USA“, erwartet Deloitte-Experte Falter. Doch jeder fünfte Deal im Sektor findet mittlerweile unter chinesischer Beteiligung statt. Dabei nimmt die Zahl der Investitionen in Auslandsmärkten zu. Das herausragende Beispiel kommt wiederum aus der Agrochemie: Für rund 43 Milliarden Dollar übernimmt der chinesische Staatskonzern Chemchina den weltgrößten Hersteller von Pflanzenschutzmitten Syngenta.

„Der Zukauf ausländischer Unternehmen ist für chinesische Konzerne ein Mittel, um auf das nachlassende Wirtschaftswachstum im heimischen Markt zu reagieren und ihr Know-how auszubauen“, sagt Lakshman. Falter rechnet zudem mit einer Konsolidierung des Chemiesektors in China: „Der 13. Fünfjahresplan hat den starken innerchinesischen Wettbewerb als Hauptursache für die enttäuschend niedrige Profitabilität der chinesischen Staatsfirmen ausgemacht.“

Fakt ist: Die Zeit der weitreichenden Konglomerate in der Chemie ist vorbei. Die Firmen konzentrieren sich auf wenige Märkte, in denen sie große Spieler sein wollen. Die deutschen Unternehmen fokussieren sich dabei mehr und mehr auf Spezialanwendungen, die sie in Zusammenarbeit mit den Kunden beherrschen wollen.

Das trifft auch auf Branchenführer BASF zu. Der Konzern ist 2016 nicht mit Mega-Transaktionen aufgefallen, hat aber offenbar ebenfalls mit Monsanto über eine Zusammenlegung der Agrargeschäfte geredet. Dennoch schärfte der Ludwigshafener Konzern sein Portfolio. Das Geschäft mit Industrielacken gab BASF an den niederländischen Konkurrenten Akzo Nobel ab und fokussiert sich auf Automobillacke. Im Gegenzug übernahm BASF für 2,8 Milliarden Euro Chemetall, das Beschichtungen und Schmiermittel für Lackier-Vorarbeiten produziert. „So übernimmt BASF einen größeren Teil der Wertschöpfung“, sagt Lakshman.

Den stärkeren Fokus auf die Spezialchemie beobachtet auch Deloitte-Experte Falter. „Petrochemikalien, Polymere und energieintensive Basischemikalien werden es mittelfristig schwer in Deutschland und Westeuropa haben.“ Konsumnahe Chemikalien, Spezialchemikalien und neue Geschäftsmodelle werden dagegen voraussichtlich weiter stark zulegen können. Falter warnt zugleich: „Bei der Spezialchemie ist es aber wie bei edlen Rotweinen. Es ist nicht immer das drin, was auf dem Etikett steht, weswegen man genau hinschauen sollte, was so spezial an der Spezialchemie ist.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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