Best Lawyers: Das boomende Geschäft mit der Angst

Best Lawyers: Das boomende Geschäft mit der Angst

, aktualisiert 24. Juni 2016, 11:56 Uhr
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Anwälte klären für Konzerne Verdachtsfälle von Betrug, Untreue oder Insiderhandel auf.

Quelle:Handelsblatt Online

Bei Skandalen wie etwa beim Deutschen Fußballbund sind sie zur Stelle: Anwaltskanzleien unterstützen große Unternehmen bei internen Untersuchungen – und verdienen dabei prächtig.

Es brennt im Herbst 2015 an der Otto-Fleck-Schneise 1 in Frankfurt. Doch beim Deutschen Fußballbund (DFB) will niemand der Feuerlöscher sein. Der weltgrößte Sportverband steckt in seiner tiefsten Krise. Der Auslöser: Eine Titelgeschichte über den möglichen Stimmenkauf bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land . Hochrangige Funktionäre, darunter der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sollen dafür mitverantwortlich sein. Das Sommermärchen gekauft? Niersbach ergreift die Flucht nach vorne und erteilt der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer den Auftrag. Sie soll klären, was es mit den Vorwürfen auf sich hat und wer für den möglichen Skandal verantwortlich ist.

Die Glaubwürdigkeit des DFB liegt nun in den Händen eines schlanken, weißhaarigen Mannes im Maßanzug: Freshfields-Partner Christian Duve, einer der besten Prozessanwälte Deutschlands. Hamburger mit Eintracht Frankfurt im Herzen. Schiedsrichter am Sportgerichtshofs CAS. Einer, der sich mit Recht und Sport bestens auskennt.

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Duve weiß, dass er ein brisantes Mandat betreut. Er spürt es, wenn er den ,War Room’ in der DFB-Zentrale betritt, in dem über 40 Anwälte seiner Kanzlei Akten und Datenverzeichnisse durchsuchen. Er sieht es, sobald er die Zeitung aufschlägt. „Bereits wenige Tage nach der Mandatierung formulierte die ,Bild‘-Zeitung in ihrer Montagsausgabe, was in der Woche geschehen sollte“, erinnert sich Duve.

Der Druck der Medien lastet auf den Aufklärern und treibt bisweilen Stilblüten. Ende Oktober stellt „Bild“ auf ihrer Titelseite die Frage: „Wann spricht Franz?“ Am gleichen Tag treffen sich Beckenbauer und Duve zum Gespräch in München. Anfang März, als der Freshfields-Anwalt den Prüfungsbericht vorstellt, sind zig Kamerateams in Frankfurt vor Ort. An diesem Tag ist der Freshfields-Bericht über die DFB-Affäre die erste Nachricht in der 20-Uhr-Tagesschau. Die interne Untersuchung hat es in die Primetime geschafft.

Das DFB-Mandat ist kein typisches Beispiel für die Arbeit von Anwälten, die für Unternehmen arbeiten, die Verdachtsfälle von Betrug, Untreue oder Insiderhandel aufklären wollen oder müssen. Aus Sicht des Unternehmens muss es schnell und diskret gehen. Sie wollen das Fehlverhalten von Mitarbeitern möglichst in Eigenregie untersuchen, bevor Staatsanwälte, Steuerfahnder oder Beamte einer Aufsichtsbehörde vor ihrer Tür stehen. „Man darf nicht lange überlegen“, sagt Sascha Kuhn, Wirtschaftsstrafrechtler bei Simmons & Simmons. „Es gilt, Entscheidungen zu treffen und die Kollegen gleich ans Telefon zu bekommen.“

In den Vereinigten Staaten laufen derartige interne Untersuchungen bereits deutlich routinierter ab als in Deutschland. Mit solchen Ermittlungen und dem Umgang mit der Börsenaufsicht SEC oder dem US-Justizministerium United States Department of Justice (DOJ) haben US-Kanzleien bereits langjährige Erfahrungen – und sie sind ein erfolgreiches Geschäftsmodell. „Die Law Firms sind dort ein vom Unternehmen bezahlter Gehilfe der US-Behörde“, sagt Stefan Rützel, Partner bei der Kanzlei Gleiss Lutz, der sich auf das Prozessrecht spezialisiert hat.

Was Anwälte in einer internen Untersuchung leisten – Daten auswerten, Mitarbeiter befragen, Berichte erstellen, Kontakt mit Behörden aufnehmen – hat Rützel von der Pike auf gelernt. Seiner Ansicht nach hat sich das Geschäft im vergangenen Jahrzehnt von der reinen prozessualen Vorbereitung hin zu einer multidisziplinären Dienstleistung entwickelt. Die Dynamik sei klar durch die US-Verfahren gegen den Elektronikkonzern Siemens und den Autobauer Daimler ausgegangen, berichtet Rützel.

Die Korruptionsaffäre bei Siemens markiert eine Zeitenwende. Sie ist die Geburtshelferin der Dienstleistung in Deutschland. Siemens zahlt in der Schmiergeldaffäre nicht nur eine Milliarde Euro Strafe. Sondern auch Honorare in astronomischer Höhe an die Wirtschaftsprüfer von Deloitte und die in Deutschland bislang nur Experten bekannten US-Kanzlei Debevoise & Plimpton. Laut US-Börsenaufsicht SEC stellten sie Siemens innerhalb der 15-monatigen Untersuchung 474 Millionen Euro in Rechnung. Allein Debevoise erhielt 95 Millionen Euro – mit einem einzigen Mandat. Spätestens der Fall Siemens zeigt auch den deutschen Kanzleistrategen, wie lukrativ dieses Geschäftsfeld sein kann.


Die Hausanwälte von Daimler, VW und der Deutschen Bank

Fortan vernetzen sich die Fachbereiche, allen voran Litigation, Steuern, Arbeitsrecht und die an Bedeutung gewinnende Compliance-Beratung eng miteinander. Profitieren sollten die neu formierten Einheiten außerdem von den eigenen Kartellrechtspraxen. Für diese Kollegen waren behördliche Untersuchungen durch Wettbewerbshüter wie das Kartellamt oder die EU-Kommission bereits Brot-und-Butter-Geschäft. „Für ein Unternehmen kann das Bußgeld für einen Kartellfall und die anschließenden Schadensersatzklagen von Kunden existenzbedrohend sein“, berichtet Rützel, dessen Kanzlei schon vor der Siemens-Affäre auf die Zusammenarbeit von Kartell- und Prozessrechtlern setzte.

Einen vermeintlichen Wettbewerbsvorteil hatten deutsche Kanzleien allerdings. Als Hausanwälte von Daimler, VW oder der Deutschen Bank hatten sie sich jahrzehntelang bewährt. Warum sollten sie in einer ernsten Unternehmenskrise nicht die erste Wahl des Vorstands oder des Aufsichtsrats sein? Ein Irrglaube, wie man aktuell gut in der Abgasaffäre bei VW sieht.

Der Automobilbauer setzt bei seiner Auseinandersetzung mit den US-Behörden bewusst auf amerikanische Anwälte. Es ist eine Angelegenheit in ihrem Rechtssystem. Noch wichtiger für VW ist, dass sie die Mentalität der dortigen Umweltbehörden, der Staatsanwälte und der Richter kennen. Vor allem die Kanzleien Jones Day und Kirkland & Ellis sollen den Skandal für den Autokonzern aufarbeiten und im Hinblick auf Schadensersatz- und Strafzahlungen beraten.

Der Konzern setzt auf unbelastete Berater – mit einer ausgewiesenen Expertise. Sowohl Jones Day als auch Kirkland sind in den USA führende Prozesspraxen. Zu den Top-US-Adressen gehört auch Skadden Arps, die beim Daimler-Konzern die internen Ermittlungen in der Korruptionsaffäre führte. Auch bei der Hypovereinsbank übernahm Skadden den Job, als es darum ging, womöglich rechtswidrige Aktientransaktionen aufzuklären. Hier ging es um den Verdacht der Steuerhinterziehung.

Die Angst der Unternehmen vor hohen Bußgeldern, Reputationsverlusten oder Schadensersatzklagen von Anlegern oder Kunden lassen sich die Kanzleien fürstlich entlohnen. Vorstand und Aufsichtsrat sind im Handlungszwang, und eine zeitaufwendige Ausschreibung der Untersuchung entfällt. Steht die eigene Existenz auf dem Spiel, ist es für viele zweitrangig, wie viel die Kanzlei verlangt. Anwälte wissen, wie gut ihre Verhandlungsposition ist. „Bei internen Untersuchungen handelt es sich um eine individuell zugeschnittene und hochspezialisierte Dienstleistung, die Expertise in einer Reihe von Rechtsgebieten erfordert“, sagt Kuhn. Es ist wie in der Bekleidungsbranche – die Maßanfertigung ist deutlich teurer als die Mode von der Stange.

Wie hoch die Stundensätze sind, hat der Kölner Wirtschaftsverlag Juve zum Jahresbeginn 2016 auf Grundlage von 800 Selbstauskünften von Kanzleien ermittelt. Das Ergebnis überrascht nicht: Gerade in Unternehmenskrisen, wo insbesondere Compliance- und Prozessspezialisten sowie Strafrechtler gefragt sind, rechnen Anwälte fleißig ab. Nach der Erhebung verlangt ein Partner im Bereich Compliance einen durchschnittlichen Stundensatz von über 400 Euro.

„Im Hinblick auf die Zusammensetzung des Teams kommt es für mich nicht auf die Profitabilität, sondern darauf an, was das Mandat erfordert“, sagte Duve vor wenigen Wochen. Einige Tage später veröffentlichte der DFB, dass er für den Freshfields-Bericht rund 5,1 Millionen Euro bezahlt hat. Schatzmeister Stephan Osnabrügge sprach von „erheblichen finanziellen Mitteln“, die der Verband aufgewendet habe. Was er nicht offen ansprach, sind mögliche Folgekosten. Rund 25 Millionen Euro könnte es kosten, wenn dem Verband aufgrund der Affäre die Gemeinnützigkeit aberkannt werden sollte.


740 Aktenordner und 128.000 Mails

Die Dienstleistung hat ihren Preis. Eine interne Untersuchung lässt sich nicht mehr ohne eine kostenintensive IT-Infrastruktur stemmen. Anbieter wie Alix Partners, Alvarez & Marsal und andere machen auf ihren Websites mit Botschaften klar, welchen Mehrwert sie Kanzleien bringen: Sie helfen, „Probleme zu lösen“ und „schlagkräftige Beweise“ zu liefern. Und sie können große Erfolge vorweisen.

Die US-Berater von Alvarez & Marsal spielten eine tragende Rolle bei der Abwicklung der Investmentbank Lehman Brothers. Das hinterlässt Eindruck in den Machtzentralen der deutschen Konzerne, auch bei der von Skandalen geplagten Deutschen Bank. Deren ehemaliger Aufsichtsrat Georg Thoma mandatierte die Experten zur Bekämpfung für Wirtschaftskriminalität regelmäßig. Später musste sich Thoma allerdings den Vorwurf gefallen lassen, dass er ohne konkrete Verdachtsmomente womöglich überteuerte Aufträge an externe Berater vergeben hatte.

Das Einschalten dieser Dienstleister hat die Effizienz und Abläufe einer internen Untersuchung auf ein anderes Niveau gehoben. Wo früher oft Kommissar Zufall half, liefert heute die Software zuverlässig Informationen, die Unregelmäßigkeiten aufzuklären. Die Programme filtern die zig Terrabyte Daten in einer internen Untersuchung ohne Probleme. So können die Anwälte etwa nach bestimmten Schlüsselwörtern, Kommunikation zwischen bestimmten Personen und zu bestimmten Tageszeiten suchen. Mittlerweile gibt es selbstlernende Systeme, die Referenzen und Bezugnahmen zwischen Dokumenten erkennen und so den Blick der Ermittler schärfen.

Beim DFB hat Freshfields innerhalb von vier Monaten über 740 Aktenordner und 128.000 Mails ausgewertet sowie über 30 Interviews geführt. Seit dem Siemens-Skandal hat sich der Aufwand für die privaten Ermittler sprunghaft erhöht. „Bis vor einigen Jahren war es ausreichend, wenn Sie Mitarbeiter befragt, einige Unterlagen ausgewertet und die Ergebnisse in einem Bericht zusammengestellt haben. Heute werden Anwälte bei einer internen Untersuchung regelrecht mit Daten zugeschmissen“, berichtet Kuhn.

Doch die Anwälte sehen eine ganz andere Entwicklung mit Sorge. Immer häufiger interessiert sich die Staatsanwaltschaft für ihre Arbeit. Mit Freshfields, Gleiss Lutz und Hengeler Mueller hat es in den vergangenen Jahren mehrere Topkanzleien getroffen: Die Staatsanwaltschaft Hamburg beschlagnahmte etwa Protokolle, die Freshfields bei der internen Aufklärung zu Untreuevorwürfen gegen Ex-Vorstände der HSH Nordbank angefertigt hatte. Die Kanzleiräume von Gleiss Lutz und Hengeler Mueller wurden durchsucht, weil man dort belastendes Material für einen möglichen Prozessbetrug der Mandantin Deutsche Bank in deren Rechtsstreit mit dem Medienunternehmer Leo Kirch und seinen Erben vermutete.

„Solange wir nicht die gleichen Privilegien wie US-Anwälte genießen, kann das problematisch sein“, meint Rützel. Im Heimatland der internen Untersuchung gilt das sogenannte „attorney-client-privilege“. Im Klartext: Jedes Schriftstück, das Mandant und sein Anwalt austauschen, ist der Beschlagnahme entzogen. Zwischenzeitlich ist die deutsche Strafprozessordnung geändert worden, Anwälte genießen hierzulande mehr Schutz als noch vor wenigen Jahren. Laut Wirtschaftsstrafrechtler Kuhn können Ermittler bei Verdachtsmomenten jederzeit in ein Unternehmen einrücken und Unterlagen beschlagnahmen – auch den Abschlussbericht einer internen Untersuchung, der möglicherweise einer späteren Verteidigung dienen sollte. „Wir empfehlen unseren Mandanten daher, solche schriftlichen Berichte bei uns in der Kanzlei zu lagern und dort zu lesen“, sagt Kuhn. Die Sichtweise mancher Ermittlungsbehörde gegenüber Kanzleien entspreche nicht der aktuellen Rechtslage. Kuhn geht in die Offensive: „Der Knall ist programmiert, das wird noch die Gerichte beschäftigen.“

Andere Anwälte sehen ihren Job als Feuerlöscher deutlich entspannter. Die Prüfungsberichte würden über die stärkere Kooperation der Unternehmen mit den Behörden früher oder später publik werden. Diese Entwicklung, das zeigt auch der Fall DFB, dürfte sich nicht mehr aufhalten lassen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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