Biathlon: Schiaßts halt!

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Biathlon: Die Waffe schießt leiser und schneller als erwartet

Das Ziel beim Biathlon ist kleiner als eine CD. Wer als Amateur wissen will, wieso im Weltcup immer wieder Schüsse danebengehen, lernt das beim Jedermann-Kurs in Ruhpolding.

Puls 98 ist ganz schön hoch für jemanden, der nur zuhört. Das Eis knirscht laut unter den Skiern. Hier, im Auslauf der fünf Schanzen der Chiemgau Arena vor den Toren Ruhpoldings, gehen Hansis Anweisungen ein wenig unter. Acht Menschen auf Langlaufskiern stehen vor dem Biathleten Hans Stöckl, hören ihm zu und wollen wissen, was es mit der Skating-technik auf sich habe. Die fortgeschrittenen Läufer üben derweil unter Anleitung des Athleten Dori Scheurl auf der Piste, die Fritz Fischer, der legendäre Biathlet, noch „warm vom Weltcup“ wähnt. Skier zu einem V spreizen? Sie wie beim Schlittschuhlaufen zu verkanten und damit den Vortrieb erzielen? Das hat noch keiner der Anfänger versucht. Hansi will sich erst gar nicht lange mit Erklärungen aufhalten, die für die hochdeutsch sprechenden Teilnehmer Hürde genug sind: „Jetzt lasst a mal das Gerede, foaht’s halt a mal a Rund.“ Einfacher gesagt als getan. Für die meisten Teilnehmer des Jedermann-Biathlonkurses ist die Skatingtechnik ungewohnt.

Fritz Fischer hatte zuvor mit humorigen Anspielungen aufs Doping die Skatingnovizen aus Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und dem Umland von München begrüßt. Johannes und Silke Aegerter sind aus Kevelaer am Niederrhein angereist. Die Faszination, die sie schon seit Jahren vorm Fernseher bei der Kombination von Skilanglauf und Schießen verspüren, wollen sie am eigenen Leib erfahren. Tanja Otto, eine Polizistin aus Bosau am Großen Plöner See in der Holsteinischen Schweiz, hat zusammen mit ihrem Freund Nicolas Ludwig gleich den ganzen Urlaub in den bayrischen Alpen um das Biathlon organisiert: Erst der Besuch des Weltcups und dann der Biathlonkurs, ein Weihnachtsgeschenk, an diesem dunklen, nasskühlen Donnerstagabend. Freund Nicolas beschränkt sich aufs Fotografieren und Frieren.

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Puls 151 Die Läufer kommen auch ohne viel Bewegung ins Schwitzen. Denn vor dem Langlauf steht der Kampf mit den Brettern. Auf dem eisigen Boden rutschen die körperlangen Skier weg, die Beine gleiten unaufhaltsam auseinander, und von einer Vorwärtsbewegung kann keine Rede sein – wenn, dann bringen Bodenunebenheiten die Balance in Gefahr. Die Stöcke, die noch auf dem Boden liegen, sollen erst später dazukommen; heftiges Armwedeln ist bei Stolperern die Folge. Kurt Zietlow aus Grafing bei München fährt seit 40 Jahren Ski und hin und wieder Langlauf im klassischen Stil, aber geskatet wie auf Schlittschuhen ist der Ingenieur noch nie. Trotzdem fährt er gleich vorneweg; die Routine auf Alpin-Skiern macht sich bezahlt. Hubert Sauer, Unternehmer aus Oldenburg, war schon öfter mit Langlaufskiern unterwegs, aber er hadert mit der ungewohnten Technik. Andere rutschen gemächlich, Schritt für Schritt, über den Schnee. Eine Bahn hin, eine zurück. Hansi drückt aufs Tempo, die zweite Runde soll schon mit etwas mehr Speed folgen.

Puls 166  Nicht schön, nicht schnell, aber anstrengend. In der leichten Hocke machen sich Schenkel- und Gesäßmuskeln binnen einer halben Minute bemerkbar. Beharrlich strahlt Hansi Optimismus aus, wenn auch mit der kritischen Bemerkung, dass noch nicht alles so richtig rund gelaufen sei. Er turnt den Bewegungsablauf vor, die Teilnehmer folgen und verlagern im Stehen mehr oder weniger geschickt ihr Körpergewicht von einem Bein aufs andere. Ein Bein bleibt immer in der Luft. Der Puls sinkt um einige Dutzend Schläge. Hansi hat ein Einsehen, lässt Tanja, Hubert und die anderen die Hände in die Schlaufen stecken und demonstriert den Bewegungsablauf der Arme: die Stöcke in Höhe der Bindung in den Boden gerammt und dann den Körper nach vorne fallen lassen. Prompt geht es vorwärts, eleganter, schneller und ungefährlicher.

Puls 153 Ausgerüstet mit den Grundkenntnissen des Skatens geht es auf die Weltcupstrecke, während die Jugend, die für die Junioren-Weltmeisterschaften Ende Januar in Ruhpolding trainiert, vorbeizischt. Die Athleten nehmen die Anstiege zur Brücke im Flug, die Fortgeschrittenen des Kurses gleiten leicht nach oben, die Neulinge kraxeln eher, rammen die Bretter quer in den Schnee und mühen sich hinauf wie auf den Stufen einer Treppe. Abfahrten, die Hobbyrodler als Anfängerhügelchen links liegen lassen würden, wirken auf den schmalen Langlaufskiern fast bedrohlich. Doch sie verlaufen unfallfrei, erst weiter unten verhakeln sich die Stöcke und Skier von zwei Teilnehmern. Hansi, der immer wieder wartet, nimmt’s gelassen: „Das passiert bei Weltcups auch, das zeigen die Kameras nur nicht.“ Hansi muss es wissen, er war schon deutscher Vizemeister im Verfolgungsrennen.

Die Strecke führt in den Wald und über eine Steigung weiter hinauf. „Die Wand“ nennen die Sportler respektvoll diesen Abschnitt, der einen der steilsten Anstiege des Biathlons und eine der „kernigsten“ Abfahrten des Weltcups bietet. Hansi stellt die » Teilnehmer vor die Alternative, entweder den gleichen Weg zurück oder den Anstieg hinauf zu skaten. Allein Helga Janßen aus Kevelaer hebt die Hand: Sie habe nicht nur den Mut hinaufzukraxeln, sondern auch runterzubrettern. Hansi warnt: „Da muss schon jeder selber wissen, was er tut.“ Dem Kompromiss, erst mal hochzufahren und zu schauen und notfalls mit Skiern unterm Arm wieder herunterzugehen, stimmen fast alle zu.

Puls 179 Die Wand zu erklimmen ist eines, hinunterzukommen etwas ganz anderes. Fast alle nehmen sich ein Herz und rutschen hinab in bremsender Haltung. Es wird trotzdem beängstigend schnell. Auf der Brücke wartet Hansi, endlich kommt die Schießanlage in Sicht, keine 300 Meter mehr, dann heißt es hinlegen, verschnaufen, runterkommen und zielen. „Zu sehr darf der Puls aber nicht absinken, ideal sind rund 160 Schläge, weniger ist schlecht, weil das Herz dann so stark pumpt, dass die Bewegung des Herzens für Unruhe sorgt“, erklärt Hansi.

Wie ein Leuchtfeuer hebt sich Fritz Fischers orangefarbene Jacke im Flutlicht zwischen Schießstand und den leeren Zuschauerrängen ab. Der Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtweltcupsieger von 1987 hat sogar die Waffen für den Kurs im gleichen dunklen Orange färben lassen wie seine Prospekte. Noch einmal spricht er zu den Teilnehmern, bevor es auf die Matten geht. Hansi erklärt in aller Ruhe die Waffe, Hektik wäre fatal. Es ist ein Kleinkalibergewehr, das mindestens 3,5 Kilogramm wiegen muss und aus einem Magazin fünf Schüsse abgibt. 500 Gramm Gewicht muss der Finger dafür jeweils drücken, dann löst sich das Projektil, das theoretisch zwei Kilometer fliegt. In der Praxis trifft es nach 50 Metern auf die Scheibe, die mit 11,5 Zentimetern etwas weniger als eine CD durchmisst. Das ist das Ziel für das Stehendschießen. Olympiasieger Michael Greis und Kati Wilhelm dagegen zielen im Liegendschießen auf nur 4,5 Zentimeter große Scheiben. Die Novizen bekommen nach einem Becher Tee die großen Scheiben für das Schießen im Liegen.

Puls 86 Durch die Wartezeit sind die Füße ausgekühlt und der Herzrhythmus ist heruntergefahren. Egal, aufs Schießen freuen sich alle. An vier Ständen knacken die Waffen. Ein Ohrschutz ist nicht nötig. Überraschungstreffer, gute Schüsse und viele Nieten – alles ist dabei. Der schwarze Punkt am Ziel muss für den Bruchteil einer Sekunde in der Mitte des Visiers am Gewehr zu sehen sein. Mit etwas Glück bleibt er kurz stehen, meist jedoch schwankt er. Einige treffen schnell – zuweilen die Scheiben von der Nachbarbahn. „Auch das passiert im Weltcup“, beruhigt Hansi.

Tanja Otto, die Polizistin, hat keinen Vorsprung. „Mit dem Gewehr ist es ganz anders als mit unseren Dienstpistolen“, sagt sie. Die Treffer werden gewürdigt, die Teilnehmer muntern sich gegenseitig auf. Fischer erinnert noch mal an die Vorbilder: „Nun stellt’s euch vor, das Stadion ist voll mit Tausenden von Menschen. Der erste Läufer kommt rein, und es ist so still, dass du eine Stecknadel fallen hören könntest. Dann der erste Treffer!“ Wenn nach dem ersten Treffer die Menge brüllt – dieses Gefühl könnte vielleicht Olympiasieger Michael Greis am besten beschreiben. Vorausgesetzt, er hört den Lärm überhaupt, denn Konzentration ist essenziell, die Freude über einen Treffer zieht schnell einen verzogenen Schuss nach sich.

Hansi und Dori verteilen Leibchen und teilen die Teams ein. Die Staffel ist der Höhepunkt des dreistündigen Kurses. Laufen, Schießen, Strafrunde drehen, Abklatschen in der Wechselzone.

Puls 142 Eine Aufwärmrunde bringt die Teilnehmer auf Betriebstemperatur. Über den Zaun hinweg fällt der Blick der Starter auf ihre Mannschaftskameraden. Die Treffer werden lauthals bejubelt, Anfeuerungsrufe sind bei den Strafrunden durch das gespenstisch leere Stadion zu hören. Ohne Stadionsprecher oder Fernsehkommentator den Überblick zu behalten ist nicht leicht, jedes Team muss zweimal die Runde laufen, jeder Läufer hat zehn Schüsse.

„Das ist eine ganz neue Technik“, wundert sich Fritz Fischer, als er einen Läufer auf der Schießmatte empfängt. „Dann schiaß halt mit Stöckerln“, amüsiert er sich. Wertvolle Sekunden gehen verloren, als die Handschlaufen gelöst und die Stöcke fortgeworfen werden. Ruhe bewahren, lieber länger zielen und dann treffen, anstatt eilig Strafrunden zu produzieren. Spätestens nach dem dritten Treffer kann man sein Glück nicht fassen und verzieht die Waffe. Zwei Strafrunden verändern die Reihenfolge im Klassement. Es geht zwar um nichts als die Ehre, trotzdem, „verlieren will hier keiner“, weiß Hansi.

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