Blablacar: Aufstand der Mitfahrer

, aktualisiert 12. August 2016, 10:43 Uhr
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Blablacar wird im Netz für seine neue Gebührenpflicht und weitere Systemumstellungen mit Kritik überhäuft.

Quelle:Handelsblatt Online

Blablacar ist Marktführer bei der Vermittlung von Privatfahrten. Mit einer neuen Gebühr bringt die Mitfahrzentrale die Nutzer gegen sich auf. Kritik soll das Start-up sogar zensieren. Mitfahrer suchen sich Alternativen.

DüsseldorfDie Ansage von Blablacar zum Deutschlandstart war klar und deutlich: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die beste deutsche Mitfahrzentrale zu werden.“ So weit, so gut, der entscheidende Satz folgte aber prompt. „Kostenlos sind wir schon – das ist ein großer Vorteil gegenüber dem deutschen (Noch-)Quasi-Monopolisten“, hieß es in einem Blogeintrag von Blablacar am 5. April 2013. Mit dem Monopolisten war der damalige Marktführer Mitfahrgelegenheit.de gemeint, der kurz zuvor eine Vermittlungsgebühr von elf Prozent pro Fahrt eingeführt hatte.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt, Mitfahrgelegenheit.de liefen die Nutzer davon, ein Großteil wanderte zum kostenlosen Blablacar ab. Im vergangenen Jahr kaufte das französische Unternehmen den einstigen deutschen Vorreiter auf. Seitdem sind die Franzosen der unumstrittene Marktführer bei der Vermittlung von Privatfahrten. Doch monetisieren ließ sich der Erfolg noch nicht. Anders als in Frankreich verzichtete man in der Wachstumsphase noch auf Gebühren.

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Im Dezember 2015 kündigte Deutschlandchef Olivier Bremer im Gespräch mit dem Handelsblatt an, im Laufe des Jahres ein Online-Buchungssystem und Gebühren einzuführen – vergleichbar mit dem System, das Blablacar auch erfolgreich in Frankreich etablieren konnte. Einen Proteststurm erwarte er nicht. „Wir haben aus den Erfahrungen gelernt, die Mitfahrgelegenheit.de gesammelt hat“, versprach Bremer. Seit dem 1. August verlangt die Mitfahrzentrale nun auch eine streckenabhängige Vermittlungsprovision. Seitdem gehen seine Kunden im Netz auf die Barrikaden.

„Wer zur Hölle sitzt bei euch in der Planung des Geschäftsmodells? Wie kann man als Blablacar nicht aus den Fehlern von Mitfahrgelegenheit.de lernen?“, schreibt beispielsweise ein User auf der Facebook-Seite von Blablacar. Ein anderer kritisiert ebenfalls die neue Vermittlungsgebühr: „Bitte überdenkt Eure Preispolitik, ansonsten wünsche ich viel Glück bei der Suche nach neuen Jobs.“ Anders als Mitfahrgelegenheit.de in der Vergangenheit verlangt Blablacar keine feste Gebühr, sondern eine streckenabhängige Provision. Bei einer Fahrt von Hamburg nach Köln werden nun beispielsweise zwei bis drei Euro mehr fällig als zuvor. Blablacar erwiderte auf Handelsblatt-Anfrage, dass man die Einführung von Gebühren schon lange kommuniziert habe.

Ein Gebührensystem garantiere eine höhere Qualität und funktioniere besser, als etwa Werbung auf dem Portal zu schalten, sagte eine Sprecherin. Eine Nutzerflucht wie bei Mitfahrgelegenheit.de gebe es nicht.

Die Kunden im Netz sehen das anders. Etliche Fahranbieter beschweren sich, dass sie auf der Plattform keine Mitfahrer mehr finden, seit die neuen Gebühren eingeführt wurden. Dafür machen sie – neben den Gebühren – auch das Online-Bezahlsystem verantwortlich.


Nutzer wittern Zensur und Klickbetrug

Seit Anfang des Jahres ist es bei Blablacar nur noch möglich, online zu bezahlen. Zunächst konnten Kunden nur per Kreditkarte oder Paypal ihre Fahrten begleichen, mittlerweile ist das auch via Sofortüberweisung möglich. Vor allem jüngere Kunden hatten zuvor kritisiert, den Dienst nicht mehr nutzen zu können, da sie weder über eine Kreditkarte, noch über ein Paypal-Konto verfügen.

Um Absprachen zur verhindern, mit der die Gebühr umgangen wird, wurde auch die Kommunikation des Portals umgestellt. Zwar können allgemeine Fragen auf einer öffentlichen Plattform gestellt werden, für einen Austausch spezifischer Details und der jeweiligen Handynummer ist nun aber eine verbindliche Reservierung nötig.

Blablacar will damit eigenen Angaben zufolge die Zuverlässigkeit verbessern. „Die Kontaktaufnahme mit Fahrern ist kaum mehr möglich, da Handynummer und Mailadressen nicht mehr sichtbar sind. Öffentliche Nachrichten werden erst überprüft, bevor sie freigeschaltet werden... was für Methoden...“, beschwert sich ein Nutzer wie viele andere auf der Facebook-Seite von Blablacar.

Doch die Nutzer gehen noch weiter. Sie werfen Blablacar vor, kritische Beiträge zu ignorieren oder gar zu löschen. „Konstruktive Kritik ist bei uns immer willkommen und wir stellen uns dieser auch“, sagt eine Blablacar-Sprecherin dazu. Wenn allerdings gegen die Netiquette verstoßen werde, halte es sich das Social-Media-Team der Mitfahrzentrale vor, Nutzer nach vorangegangener Verwarnung zu sperren und Kommentare zu löschen.

In einigen Diskussionsforen wird zudem darüber spekuliert, ob Blablacar über Fake-Profile und Bots eine Steigerung seiner Nutzerzahlen vortäuschen möchte. Mehrere Nutzer berichten darüber, ungewöhnlich viele Aufrufe, teilweise auch immer wieder von den gleichen Usern, für Mitfahrangebote zu erhalten, die sie erst kurz zuvor eingestellt haben. Der Vorwurf, dass Blablacar eigene Fake-Profile erstellt, um die eigene Firmenpolitik zu loben, steht im Raum. Auch Blablacar-Konkurrent „Fahrgemeinschaft.de“ hatte in einer Mitteilung über eine solche Praxis beim Marktführer gemutmaßt.

Blablacar selbst weist die Anschuldigungen als unwahre Tatsachenbehauptung zurück und wirft Fahrgemeinschaft.de schlechten Stil vor. „Der Einsatz von Fake-Profilen und Bots ist bei Blablacar definitiv keine gängige Praxis, das macht auch gar keinen Sinn“, sagt eine Blablacar-Sprecherin. Nur eine erfolgreiche Vermittlung von Fahrern und Mitfahrern bringe einen Mehrwert, die Anzahl der Aufrufe für ein Mitfahrangebot sei unwichtig. Blablacar habe es zudem nicht nötig, bei seinen Nutzerzahlen zu täuschen, „in Spitzenzeiten erhalten wir alle sieben Sekunden eine Buchung“, so eine Sprecherin.

Ob und wie lange Blablacar diese Frequenz nach der massiven Kritik aufrechterhalten kann, ist fraglich. Entgegen der Aussage des Dienstes scheinen sich viele Nutzer nach der Systemumstellung aber doch nach einer Alternative umzusehen. Beispielsweise meldet Fahrgemeinschaft.de, dass sich ihre täglichen Nutzerzahlen seit der Umstellung bei Blablacar verdreifacht haben – Tendenz weiter steigend. Bislang nutzten das Angebot rund eine Million Kunden im Jahr. Am Beispiel Blablacar könnte sich am Ende entscheiden, ob die Vermittlung von Privatfahrten auch in Deutschland tatsächlich ein Geschäftsmodell sein kann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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