Chaos bei Tuifly: Weitgehend normaler Flugbetrieb ab Sonntag

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Chaos bei Tuifly: Weitgehend normaler Flugbetrieb ab Sonntag

, aktualisiert 07. Oktober 2016, 19:48 Uhr
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Die Konzernleitung von Tui schiebt die Entscheidung über die Zukunft der Fluglinie in den November.

Tagelanges Chaos für Tuifly-Kunden: Wegen fehlender Crews bleiben die Jets des Ferienfliegers Tuifly weitgehend am Boden. Davon getroffen ist auch Air Berlin. Jetzt könnte Besserung in Sicht sein.

Nach den massiven Ausfällen der vergangenen Tage geht der Ferienflieger Tuifly wieder von einem weitgehend normalen Flugbetrieb ab Sonntag aus. „Voraussichtlich werden 115 Flüge starten“, teilte die Airline am Freitag nach einem Schlichtungsgespräch im niedersächsischen Wirtschaftsministerium mit. Aus operationellen Gründen müsse Tuifly aber am Samstag große Teile des Flugprogramms streichen - 118 Flüge seien betroffen. Parallel organisiere Tui Zusatzflüge.

Zuvor hatte der Reisekonzern eingelenkt und war den Forderungen der Arbeitnehmer mit einer mindestens dreijährigen Standort- und Tarifgarantie entgegengekommen. Zudem wurde eine Entscheidung über die geplante Neuordnung nun von Ende September auf Mitte November verschoben, um mehr Zeit für die Suche nach gangbaren Alternativvorschlägen zu geben. Detlef Ahting, Vertreter der Gewerkschaft Verdi bei dem Schlichtungsgespräch, nannte die gefundene Lösung eine gute Grundlage. Die Gespräche der nächsten Wochen müssten nun zeigen, ob sie belastbar sei.

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Vor einer Woche war bekanntgeworden, dass Tuifly in eine neue Dachholding unter Führung von Etihad integriert werden soll. Arbeitnehmervertreter befürchteten Job-Verluste und kritisierten zu unkonkrete Angaben. Seitdem führen kollektive Krankmeldungen der Besatzungen zu Flugausfällen und massiven Verspätungen. Betroffen ist auch Air Berlin, denn ein Drittel der Tuifly-Flotte fliegt samt Crews für die Berliner. Tuifly ist zur Wiederaufnahme der Flüge nun darauf angewiesen, dass sich die Besatzungen wieder zum Dienst melden.

Der Touristikkonzern Tui sicherte zu, die Airline Tuifly solle für die Dauer von mindestens drei Jahren eine deutsche Gesellschaft mit Sitz in Hannover bleiben. Die heutigen Arbeitsverträge blieben solange bestehen und es gebe keine Einschnitte bei den Gehältern. Weitere Gesprächstermine mit den Arbeitnehmervertretern seien, beginnend ab Montag, für die nächste Woche vereinbart.

Bei Tuifly waren am Freitag fast alle Flüge ausgefallen. Die Airline versuchte mit gemieteten Maschinen und Crews einen Teil der Ausfälle aufzufangen. Tausende Passagiere waren betroffen. Auch Air Berlin musste nach eigenen Angaben 50 von 90 Flügen streichen. Etwa 45 Prozent des Flugprogramms hätten durch freiwillige Crews von Air Berlin und durch Subcharterflüge aufgefangen werden können, so die Airline mit. Mehr als 1000 Mitarbeiter hätten sich freiwillig bereit erklärt, Sonderschichten zu leisten, um Fluggäste zu betreuen

Fluggastrechte - Der Weg zur Entschädigung

  • Voraussetzungen

    Ein Anspruch auf Entschädigung besteht, wenn der Kunde aufgrund von Überbuchung oder eines gestrichenen Fluges seine Reise nicht antreten kann oder das Reiseziel mit mindestens dreistündiger Verspätung erreicht. In diesen Fällen gilt laut EG-Fluggastverordnung die Entschädigungspauschale von 250 bis zu 600 Euro. Ab Ende des Jahres, in dem der Flug angetreten wurde, haben Passagiere drei Jahre zeit, ihren Anspruch geltend zu machen.

    Quelle: Verbraucherzentrale / Stiftung Warentest

  • Beschwerde

    Wer sich dazu entschließt, eine Beschwerde bei der Fluggesellschaft einzureichen, hat drei Möglichkeiten: diese selbst einreichen, den Fall an einen Anwalt übergeben oder auf Dienstleister und Schlichtungsstellen zurückzugreifen, die dabei helfen, Entschädigungen zu erwirken. Stiftung Warentest rät, sich im ersten Schritt an die Airline selbst zu wenden. Ist diese nicht kooperativ, können im zweiten Schritt Schlichter, Anwälte oder Inkassodienste zu Rate gezogen werden.

  • Verbraucherzentralen

    Dei Verbraucherzetralen helfen Fluggästen mit einer kostenlosen Ersteinschätzung. Die zuständige Zentrale finden Sie unter www.verbraucherzentrale.de/home

  • Schlichtungsstelle Söp

    Seit dem 1. November 2013 können sich Passagiere außergerichtlich an die private Schlichtungsstelle für den öffentlichen Nahverkehr (SÖP) wenden, wenn deren Rechte von den Fluglinien ignoriert werden. Die Inanspruchnahme der SÖP ist kostenfrei, aber auch unverbindlich.

  • Anwalt

    Viele Fluggäste sind nicht gewillt, den Streit auf eigene Faust anzugehen und übergeben den Fall an einen Anwalt. Die Anwalts- und Gerichtskosten werden für Passagiere mit Rechtsschutz von der Versicherung getragen. In vielen Fällen ist allerdings ein Selbstbehalt von 150 Euro festgelegt. Ohne entsprechenden Rechtsschutz und im Falle einer gerichtlichen Niederlage muss ein Großteil der Kosten für das Verfahren vom Fluggast selbst übernommen werden.

  • Rechtdienstleister

    Firmen wie EUclaim, Flightright, Fairplane und refund.me bieten Fluggästen die Möglichkeit, sie bei Entschädigungsforderungen zu unterstützen. Sie erheben - anders als Anwälte - keine Kosten, wenn die Klage erfolglos bleibt. Im Erfolgsfall erhalten sie eine Provision.

    Quelle: Stiftung Warentest

Wegen der Ausfälle sitzen rund 900 Gäste der Thomas Cook- Veranstaltermarken Thomas Cook, Neckermann Reisen, Bucher Last Minute und Öger Tours in verschiedenen Urlaubsgebieten fest, wie Thomas Cook mitteilte. Um alle Gäste von den Kanaren und aus Griechenland zurück nach Deutschland zu befördern, organisiere das Unternehmen kurzfristig acht zusätzliche Flüge, darunter der konzerneigenen Airline Condor.

Nach den massiven Ausfällen mehrt sich die Kritik am Tui-Konzern, weil er keine Entschädigungen an betroffene Passagiere zahlen will. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) empfahl geschädigten Urlaubern, Schadenersatzansprüche bei dem Ferienflieger anzumelden. Er könne allen Kunden nur raten, ihre rechtlichen Ansprüche geltend zu machen, sagte der CSU-Politiker am Rande der Verkehrsministerkonferenz in Stuttgart. Tui beruft sich auf höhere Gewalt und will Betroffenen nicht entschädigen.

Die Chronik von Air Berlin

  • Sonderrechte im geteilten Berlin

    Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

  • 1970er- bis 90er-Jahre

    1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

    1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

    1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

  • 2004

    Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

  • 2006

    Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

  • 2007

    Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

  • 2008

    Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

  • 2010

    Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

  • 2011

    Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

  • 2012

    Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

  • 2013

    Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

  • 2015

    Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

  • 2016

    Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

  • 2017

    Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

  • 15. August 2017

    Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Kritik kam auch vom Tourismusforscher Torsten Kirstges, der den Tuifly-Mutterkonzern Tui vor einem Imageschaden warnte. Mit Blick auf die Entschädigungsfrage sagte er der Deutschen Presse-Agentur: „Da hätte man sich besser bedeckt gehalten.“ Er gehe davon aus, dass die Gesellschaft entsprechende Prozesse verlieren werde und dann doppelt am Pranger stehe. Nach seiner Einschätzung liegt die ausreichende Personalausstattung in der Verantwortlichkeit des Arbeitgebers.

Mehr Kulanz fordern die Reisebüros, die für Urlauber Stornierungen oder Umbuchungen vornehmen müssen, ohne dass der Mehraufwand vergütet wird. Die aktuellen Probleme dürften nicht auf dem Rücken der Reisebüros ausgetragen werden, erklärte der Branchenverband DRV. Unverständnis gab es auch an der Tuifly-Heimatbasis Hannover. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der niedersächsischen Metallarbeitgeber (NiedersachsenMetall), sprach von einer „Form des versteckten Arbeitskampfes“ und meinte: „Hier wird quasi gestreikt.“ Krankheit werde offensichtlich instrumentalisiert, um gegen mögliche unternehmerische Beschlüsse zu revoltieren.

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