Christian Graf Brockdorff: "Der Insolvenz-Markt ist ausgetrocknet"

InterviewChristian Graf Brockdorff: "Der Insolvenz-Markt ist ausgetrocknet"

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Fachanwalt für Insolvenzrecht, Christian Graf Brockdorff, im Interview mit WirtschaftsWoche.

von Henryk Hielscher

Wenn sich Deutschlands Insolvenzverwalter heute zu ihrem Jahreskongress in Berlin treffen, geht es neben Fachthemen auch um die wirtschaftliche Lage der Pleitespezialisten. Insolvenzverwalter Christian Graf Brockdorff erklärt, wie es um die Branche bestellt ist.

WirtschaftsWoche: Graf Brockdorff, wann immer man derzeit Kongresse von Insolvenzverwaltern und Sanierern besucht, sind die Tagungsräume gut gefüllt. Haben die Verwalter nichts zu tun?
Christian Graf Brockdorff (lacht): Ich kenne Veranstaltungen, die sind anstrengender als  jede Konzerninsolvenz, insofern hat man auch auf Konferenzen genug zu tun. Aber im Ernst: der Insolvenz-Markt ist in der Tat schon seit geraumer Zeit ausgetrocknet. Im Prinzip geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen schon seit 2010 zurück, seit 2012 hat sich die Entwicklung nochmal beschleunigt. Das schlägt natürlich auf das Geschäft vieler Kanzleien durch – und erhöht sicherlich die Bereitschaft, Tagungen zu besuchen.

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Zur Person

  • Christian Graf Brockdorff

    Christian Graf Brockdorff ist Fachanwalt für Insolvenzrecht und seit 1991 als Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter tätig. Er ist Senior-Partner der auf das Insolvenz- und Sanierungsrecht spezialisierten Kanzlei BBL Bernsau Brockdorff & Partner.


Welche Kanzleien trifft die Insolvenzflaute besonders?
Die Zeiten von Ein-Mann-Abwicklern, die neben Familien- und Verkehrssachen auch ein paar Unternehmenspleiten betreut haben, sind endgültig vorbei. Aber auch für viele kleinere und mittlere Kanzleien, die sich nicht rechtzeitig auf die Marktveränderungen eingestellt haben, kann der Rückgang der Verfahrenszahlen schnell zum Krisenkatalysator werden.
Mit Marktveränderungen meinen Sie das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen – kurz: Esug. 
Genau. Durch das Esug haben sich die Spielregeln deutlich geändert. Gläubiger  und ihre Berater haben deutlich mehr Einfluss gewonnen, es gibt mit Schutzschirm- und Eigenverwaltungsverfahren neue Sanierungswerkzeuge. Zugleich gewinnen das Beratungsgeschäft und das Knüpfen von Netzwerken an Bedeutung.  All das wirbelt den Markt durcheinander.
Die Zahl der Fälle, in denen Esug-Verfahren genutzt werden, ist doch verschwindend gering. Ist da nicht viel Übertreibung im Spiel?
Beim Blick auf die absoluten Zahlen stimme ich zu. Aber bei den wirklich interessanten Fällen, also wenn es prominente Unternehmen ab einer bestimmten Umsatzgröße geht, wird fast immer über Schutzschirme oder Eigenverwaltungen nachgedacht. Das sind übrigens auch die Verfahren, die dann aus wirtschaftlicher Sicht für uns Insolvenzexperten spannend sind.

Insolvenzverwalter Die führenden Insolvenzkanzleien im ersten Halbjahr 2014

Dass die Zahl an Unternehmenspleiten zurückgeht, freut die Wirtschaft – aber nicht die Insolvenzverwalter. Welche Kanzleien im ersten Halbjahr 2014 die meisten Pleitefälle bearbeitet haben.

Schriftzug Insolvenzverwalter Quelle: papalapapp - Fotolia.com


Wie ist Ihre Kanzlei da aufgestellt?
Bestens.
Das müssen Sie jetzt sagen. 
Natürlich haben wir den Rückgang im klassischen Insolvenzgeschäft wie alle Marktteilnehmer zu spüren bekommen. Zugleich ist es uns aber gelungen, das Beratungsgeschäft auszubauen und in Sachen Esug gehören wir sicherlich zu den führenden Adressen.
Wann wird die Insolvenzflaute enden?
Gut möglich, dass wir die Talsohle bereits erreicht haben. Im Oktober kamen erstaunlich viele neue Verfahren rein – wir hatten mit Bau-Insolvenzen ebenso zu tun wie mit Gastronomieverfahren. Auch überraschend viele Start-ups hat es im Oktober erwischt. Nun sind die Verfahrenszahlen für einen Monat aus einer Kanzlei sicherlich keine valide Datenbasis. Aber sie passen in das Gesamtbild: Die  Konjunkturforscher sind zunehmend skeptischer für Deutschland und auch die Krisen in der Welt färben die Bilanzen vieler exportstarker Unternehmen rot.  Keine Frage, die Zeiten werden rauer.

weitere Artikel

Welche Branchen sind absturzgefährdet?
Der Einzelhandel leidet unter dem strukturellen Problem, dass viele Kunden ins Internet abwandern. Verlagshäuser und Druckereien stehen durch die Digitalisierung vor erheblichen Problemen. Wegen der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns könnte es auch für Personaldienstleister schwierig werden. Offen ist die Entwicklung in der Autoindustrie. Sobald die Verkaufszahlen bröckeln, geben die großen Hersteller den Druck sofort an ihre Zulieferer weiter.

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