Deutsche Bahn: Deutschland wird leiser

Deutsche Bahn: Deutschland wird leiser

von Christian Schlesiger

Jahrelange Proteste gegen den Zuglärm haben Erfolg. Die Deutsche Bahn will den Güterverkehr auf der Schiene leiser machen – dank neuer Technik, die den Schienenlärm um die Hälfte reduziert.

Das Warten hat sich gelohnt. Ende Juni gab der internationale Eisenbahnverband UIC den Einsatz der neuen geräuscharmen Bremstechnologie, der sogenannten „LL-Sohle“, nach einer zweijährigen Testphase frei. Die derzeit rund 180.000 Güterwaggons in Deutschland mit lauten Graugussbremsen können nun umgerüstet werden. Heute Nachmittag werden Bahnchef Rüdiger Grube und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer der Öffentlichkeit erklären, dass bis 2020 sämtliche Güterwaggons der Deutschen Bahn auf Flüsterbremsen umgerüstet werden.

Für Lärmgeschädigte beginnt damit eine neue Zeitrechnung. Die LL-Sohle wird aus Kunststoff hergestellt und reduziert den Lärmpegel beim Bremsen der Züge um zehn Dezibel – physikalisch entspricht das einer Reduktion um die Hälfte. Allein die Güterbahntochter DB Schenker Rail besitzt rund 60.000 Waggons, die noch mit der herkömmlichen Graugussbremse ausgerüstet sind. Bei ihnen reiben die Bremsschreiben aus Gusseisen auf die Stahlräder. Für Anwohner etwa im Mittelrheintal, die nur wenige Meter von den Gleisen entfernt wohnen, ist der Schienenlärm eine echte Zumutung.

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Die Deutsche Bahn hat sich viel Zeit gelassen. Theoretisch hätte sie ihre Güterwaggons auf die bereits existierende K-Sohle umrüsten können, aber der Umbau hätte sie pro Wagen etwa drei Mal so viel gekostet wie die nun frei gegebene L-Sohle. Der Vorteil der neuen Technologie: „Das Testergebnis bestätigt, dass diese Bremsen eins zu eins gegen die herkömmlichen Grauguss-Sohlen an den Güterwagen ausgetauscht werden können“, sagt Jochen Eickholt, Geschäftsführer der Division Rail Systems Infrastruktur bei Siemens. Der Umbau pro Achse dauert nicht länger als eine halbe Stunde.

Kritik äußern Unternehmen an dem lärmabhängigen Trassenpreissystem, das im Zuge der neuen Bremstechnologie eingeführt wird. Güterbahnen ohne Flüsterbremsen zahlen fortan höhere Schienen-Mautgebühren. Der Bund fördert die Umrüstung der Güterwagen bis 2017 mit einer Summe von 150 Millionen Euro. Güterbahnen kritisieren, dass das neue Trassenpreissystem nur einen Malus für laute Wagen kennt, aber keinen Bonus für leise Wagen.

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Zahlreiche Konkurrenten der Deutschen Bahn im Güterverkehr hatten die Entwicklung antizipiert und einen Teil ihrer Flotte bereits umgerüstet. Nachträgliche Förderung durch den Bund sieht das Konzept der Bundesregierung aber nicht vor.

Dennoch: Die zahlreichen Bürgerinitiativen atmen auf. Lärm gilt als eine der am stärksten unterschätzten Gesundheitsgefahren. Die Europäische Kommission schätzt die durch Verkehrslärm in Europa verursachten Kosten auf rund 40 Milliarden Euro. Die Protestbewegung „Pro Rheintal“ verkündete in ihrem Kampf gegen den Lärm einen weiteren Erfolg: BASF habe „auf Drängen von Pro Rheintal reagiert“ und eine Anlage zur „automatischen Flachstellenerkennung“ in Betrieb genommen hat. Dadurch werde verhindert, dass Waggons mit Raddefekten das Werk verlassen. Der Chemiekonzern sei ein „erfreuliches Beispiel, dass im Lärmschutz nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird“.

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