Deutsche Bahn und EVG einigen sich: Tarifpolitik à la carte für Arbeitnehmer

KommentarDeutsche Bahn und EVG einigen sich: Tarifpolitik à la carte für Arbeitnehmer

von Bert Losse

Die Bahn und die Gewerkschaft EVG haben sich auf einen erstaunlich innovativen Tarifvertrag geeinigt. Für das Unternehmen birgt er aber auch Risiken.

Mehr Geld oder mehr Freizeit? Für die Beschäftigten der Deutschen Bahn ist dies bald keine rein rhetorische Frage mehr. Das Unternehmen hat sich mit der Eisenbahngewerkschaft EVG auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt, der zu den innovativsten Regelwerken zählt, die die Tarifparteien hierzulande in den vergangenen Jahren zuwege gebracht haben. Anfang 2018 können die Arbeitnehmer wählen, ob sie lieber 2,5 Prozent mehr Geld, eine Arbeitszeitverkürzung von einer Stunde pro Woche oder sechs Tage zusätzlichen Urlaub haben wollen. So etwas hat es in der deutschen Tariflandschaft noch nicht gegeben.

Natürlich lässt sich auch hieran herummäkeln. Wegen des hohen Bürokratieaufwands ist eine Tarifpolitik à la carte für viele kleine und mittlere Betriebe in anderen Branchen keine Option. Es ist auch nicht ausgemacht, ob die zusätzliche Freizeit bei der Bahn nicht mit weiterer Arbeitsverdichtung einhergeht. Regelmäßig wiederholen lassen sich solche Abschlüsse auch nicht, sonst würden die Beschäftigen in 20 Jahren ja nur noch sporadisch arbeiten müssen.

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Gleichwohl ist der Bahnabschluss ein begrüßenswerter erster Pflock, den dramatischen Wandel in der Arbeitswelt zu gestalten und ein Pilotversuch, um auszutesten, wie sich die viel beschworene Work-Life-Balance auch im Tarifrecht niederschlagen kann.

Anders als bisweilen suggeriert, ist Deutschland eben kein Land, in dem die Menschen massenweise wegen niedriger Löhne verelenden. Für viele ist die knappe Zeit das Problem und weniger der Kontostand. Da kann eine zusätzliche Urlaubswoche mit der Familie glücklicher machen als eine Lohnerhöhung, an der dann auch noch Fiskus und Sozialkassen mitverdienen.

Aus Sicht der Bahn ist der Abschluss ebenso mutig wie riskant. Denn parallel zu den Gesprächen mit der EVG muss das Unternehmen derzeit auch mit der ungleich renitenteren Lokführergewerkschaft GDL verhandeln.

Am Freitag findet die sechste Runde statt. Dass GDL-Chef Claus Weselsky der verhassten EVG die tarifpolitischen Lorbeeren überlässt und deren Abschluss übernimmt, ist wenig wahrscheinlich. Weselsky wird vielmehr versuchen, das EVG-Ergebnis noch zu toppen. Die Tarifrunde ist daher noch nicht zu Ende – und kann für die Bahn am Ende noch ziemlich teuer werden.

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