Deutsche Post: Das große Problem nach dem Poststreik

Deutsche Post: Das große Problem nach dem Poststreik

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Das Problem mit streikenden Zustellern hat Frank Appel in den Grif bekommen - jetzt droht ein anderes Debakel.

von Jacqueline Goebel

Post-Chef Frank Appel legt am Donnerstag die Quartalszahlen vor. Dann wird sich zeigen, was der Dauerstreik der Zusteller wirklich gekostet hat. Doch um ein anderes Problem muss sich der Vorstand mehr Gedanken machen.

Kein Anderer macht seine Hausaufgaben so ausführlich: Unter den Dax-Vorständen ist Post-Chef Frank Appel so etwas wie ein Musterschüler. Schon im vergangenen Jahr hatte Appel seine Ziele bis zum Jahr 2020 ausgearbeitet - ein detaillierter Plan für jede Sparte, der vor allem auf eines hinausführt: Appel will die Gewinne der Post von drei auf fünf Milliarden Euro steigern.

Soll das gelingen, muss der Vorstand die Grundlagen für sein ehrgeiziges Streben schaffen. Doch dabei lief es bisher alles andere als glatt. Appel muss nun dringend Entscheidungen treffen. Der Konzernchef legt morgen seine Halbjahreszahlen vor. Doch schon jetzt steht fest: gleich zwei Sparten machen Probleme.

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Die Folgen des Streiks

Erst legte ein Dauerstreik der Mitarbeiter die Brief- und Paketzustellung in Deutschland lahm. Beinahe einen Monat lang brachte der Blick in den Briefkasten den Kunden vor allem Enttäuschung. Die Post heuerte studentische Aushilfen und Hilfsarbeiter aus Polen und Rumänien an, um den Rückstau aufzuarbeiten.

Deutsche-Post-Streik Der Post drohen Imageschaden und Kundenverlust

Um seine Lohnkosten zu senken, hat Post-Chef Frank Appel Einiges in Kauf genommen: Vier Wochen Zusteller-Streik, ein ramponiertes Image, gefrustete Kunden. Wie hoch sind die Kosten des Streiks für die Post tatsächlich?

Ein Mitarbeiter der Deutschen Post bei einem Warnstreik der Gewerkschaft Verdi Quelle: dpa

Wenn Konzernchef Frank Appel am Donnerstag die Quartalszahlen vorlegt, wird sich zeigen, was der Streik die Post wirklich gekostet hat. Analysten schätzen, dass der Gewinn in der Brief- und Paketsparte bis zu 15 Prozent zurückgegangen ist. Trotzdem, die Einigung mit der Gewerkschaft war für die Post positiv: "Mit diesem Tarifabschluss kann die Post äußerst zufrieden sein", sagt Dirk Schlamp, Aktienanalyst der DZ Bank.

Denn die Gewerkschaft Verdi konnte ihr Ziel nicht durchzusetzen, die neuen Tochtergesellschafften abzuschaffen, in denen die Post Paketboten zu niedrigeren Löhnen beschäftigt. So will die Post ihre Lohnkosten in dem Unternehmensbereich entscheidend senken, um den Gewinnprognosen für das Jahr 2020 näher zu kommen.

Doch alleine durch Sparen bei den Mitarbeitern wird Sparten-Vorstand Jürgen Gerdes das nicht schaffen können. „Wenn die Sparte diese Ziele erreichen will, muss noch mehr passieren. Die Marge kann noch verbessert werden, aber vor allem muss das Auslandsgeschäft wachsen", sagt Analyst Schlamp.

IT-Debakel

Doch diese Probleme verblassen im Vergleich zu einem hausgemachten IT-Debakel. Seit zwei Jahren kriselt die Fracht- und Speditionssparte der Post (Umsatz: 15 Milliarden). Der Grund: Ein überdimensioniertes Softwareprojekt namens "NFE".

750 Millionen Euro wollte die Post investieren, um die veralteten Computersysteme in der Sparte durch ein neues SAP-Programm zu ersetzen. Die Software sollte alle Probleme auf einmal lösen: Kosten senken, Strukturen aufbrechen, den Vertrieb vereinfachen und selbst die Transportrouten analysieren und verbessern. Der zuständige Vorstand Roger Crook baute die gesamte Struktur der Abteilung um, um die Prozesse an die Möglichkeiten der Software anzupassen.

Was die Post mit ihrer Strategie 2020 erreichen will

  • Bessere Umweltbilanz

    Auch der Kohlenstoffdioxid-Ausstoß soll verringert werden: Bis 2020 will die Post ihre Energie-Effizenz um 30 Prozent verbessern. Vor kurzem kaufte der Dax-Konzern zum Beispiel den deutschen Elektroauto-Entwickler Streetscooter auf.

  • Erste Wahl für Aktionäre

    Die Aktie Gelb soll weiter steigen: Post-Chef Frank Appel möchte zur ersten Wahl für Anleger werden. Zwischen 40 und 60 Prozent des Nettogewinns sollen die Aktionäre jährlich als Dividende ausgeschüttet bekommen.

  • Glückliche Kunden

    Auch die Kundenzufriedenheit soll steigen - auf über 80 Prozent. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche beschwerten sich allerdings vor allem deutsche Großkunden zuletzt über die Briefzustellung.

  • Mehr Gewinn

    Der Gewinn ist die wichtigste Ziellinie in der Strategie 2020: Bis zum Ablauf der Frist will Appel fünf Milliarden Euro Plus machen. Dazu müsste er pro Jahr den Gewinn um acht Prozent steigern. Die Brief- und Paketsparte, die ihren Umsatz vor allem in Deutschland macht, soll drei Prozent Gewinnsteigerung pro Jahr dazu beisteuern - das Expressgeschäft, die Logistik- und Speditionssparten müssen zehn Prozent mehr im Jahr verdienen.

    Kein anderer Dax-Konzern hat so konkrete und zugleich so ehrgeizige Ziele.

  • Wachstum in Schwellenländern

    In Deutschland hat der durch den Onlinehandel ausgelöste Paketboom die Deutsche Post weit nach vorne getrieben. Jetzt will der Bonner Konzern diesen Effekt auch in den Schwellenländern mitnehmen: Bis 2020 soll sich der Marktanteil in diesen Regionen von 22 auf 30 Prozent erhöhen. Der Fokus liegt dabei auf Brasilien, Indien, China, Russland und Mexiko.

  • Zufriedene Mitarbeiter

    Auch bei den Mitarbeitern möchte die Post die erste Wahl sein. Ziel des Vorstand ist es, in den Mitarbeiterbefragung eine Zustimmungsquote von über 80 Prozent zu erlangen. Zuletzt lag die Quote bei ungefähr 70 Prozent.

Doch schon bald häuften sich in den Testländern die Probleme: Die Übertragung der Daten brachte Schwierigkeiten, die Liste mit den Änderungswünschen wurde immer länger. Statt sich auf Kunden und das Geschäft zu konzentrieren, waren die Mitarbeiter bald nur mit dem neuen System beschäftigt. Schon im vergangenen Geschäftsjahr brach der Gewinn der Sparte deshalb um rund 40 Prozent ein.

Nachdem sich die Zahlen im ersten Quartal weiter verschlechterten, trat der zuständige Spartenvorstand Roger Crook zurück - "aus persönlichen Gründen", wie es offiziell heißt. Konzernchef Appel kümmert sich nun persönlich um das Projekt mit dem Namen "NFE". Seine erste Amtshandlung: Er pausierte das Projekt. "Zurzeit prüfen wir die Ausrichtung des Transformationsprogramms und untersuchen dazu die Ergebnisse in den Pilotländern sowie die Auswirkungen der bereits erfolgten weltweiten Reorganisation", teilte die Post offiziell mit.

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Seit rund zwei Monaten steht das Projekt nun auf dem Prüfstand. Appel muss nun eine Entscheidung fällen, wie es mit NFE weitergehen soll. Können die Probleme beseitigt werden? Oder muss die Einführung der Software ganz abgebrochen und in den Testländern wieder rückgängig gemacht werden? Die Konzernsparte würde dadurch zwei Jahre Arbeit und ihre Investitionen verlieren, die mittlerweile die Milliardenmarke überschreiten dürften.

„Wir erwarten, dass die IT-Probleme dieses Quartal noch mal stark belasten", sagt Analyst Dirk Schlamp. "Aber dann muss der Vorstand die Wende schaffen. Sollte es im nächsten Quartal noch mal wegen dem Projekt ein schlechtes Ergebnis geben, wäre das enttäuschend."

Seine Rolle als Musterschüler müsste Frank Appel dann wohl abgeben.

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