Düsseldorfer Terrassengespräch: "Wir haben die besten Medien der Welt"

Düsseldorfer Terrassengespräch: "Wir haben die besten Medien der Welt"

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WirtschaftsWoche-Chefredakteurin Miriam Meckel in der Redaktion.

von Peter Steinkirchner

Die Chefs von „Zeit“, „Handelsblatt" und "WirtschaftsWoche" diskutierten am Abend in Düsseldorf vor zahlreichen Gästen über den Zustand und die Zukunft des Qualitätsjournalismus.

Die hartgesottene Konstitution nordfriesischer Krabbenfischer hätten die Gäste des fünften Terrassengesprächs der Verlagsgruppe Handelsblatt wohl gebraucht, wenn die Gesprächsreihe denn bei frostigen Temperaturen und einer eiskalten Brise aus Westen tatsächlich auf dem Oberdeck des Düsseldorfer Verlagshauses stattgefunden hätte. Stattdessen diskutierten die Chefredakteure der „Zeit“ und des „Handelsblattes“ sowie die Chefredakteurin der "WirtschaftsWoche" gemeinsam mit der ZDF-Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali im beheizten Foyer den aktuellen Zustand und die Befindlichkeit des Qualitätsjournalismus hierzulande. Vor allem zwei Themen beschäftigten die Runde: die angegriffene Glaubwürdigkeit und die künftige Finanzierbarkeit.

„Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo legte direkt in höchsten Tönen los: In keinem anderen Land als Deutschland wolle er Medien-Nutzer sein: „Wir haben die besten Medien der Welt“. Doch die Runde hinterfragte direkt den Begriff aus dem Titel der Veranstaltung: „Qualitätsjournalismus“- was ist das eigentlich? Für Miriam Meckel, seit einem Jahr Chefredakteurin der "WirtschaftsWoche", zunächst mal eine Tautologie, also eine inhaltliche Wiederholung: „Ohne Qualität wird es schwierig“. Hayali konstatierte, dies sei für sie per se der Anspruch an Journalismus: „Dass er gut sein muss.“

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Als Kriterien, Güte und Qualität zu bemessen, nannte „Handelsblatt“-Chefredakteur Sven Afhüppe unter anderem redaktionelle Unabhängigkeit und Sorgfalt: „Wir brauchen eigene Ideen, Mitarbeiter, die Geschehnisse und Vorgänge hinterfragen. Dazu bedarf es mehr als den Recycling-Journalismus, wie ihn viele Online-Medien betreiben. Wir müssen uns immer einen Gedanken mehr machen, dabei helfen die Erfahrung und die Netzwerke unserer Mitarbeiter.“

Unübersehbar sei dennoch, grätschte ZDF-Frau Hayali hinein, dass in der breiteren Öffentlichkeit auch die Arbeit von Redaktionen immer stärker in Frage gestellt werde. Kritiker unterstellten immer häufiger, „der Journalismus“ sei schlechter geworden: „Das Vertrauen ist bei vielen flöten gegangen.“ Dafür gebe es in der Tat Gründe, sagte WiWo-Chefin Meckel und verwies auf zahlreiche Skandale und Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre. Dazu spannte sie den Bogen von den dreisten Interview-Fälschungen eines Tom Kummer, der damals die beiden Chefredakteure des „SZ-Magazins“ den Job gekostet hatte, über Fälschungen in der TV-Berichterstattung bis zu der Berichterstattung über den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff.

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Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, „der Journalismus“ sei insgesamt schlechter geworden, den Vorwurf wies sie ebenso wie di Lorenzo zurück: „Es gibt beides: Lob und Beschimpfungen.“ Für letztere machte der Chef der „Zeit“ vor allem drei Gründe aus: Bei vielen Bürgern gebe es ein wachsendes Misstrauen gegenüber Eliten. Dies gelte auch für Politik, Kirchen und die Wirtschaft. Gleichzeitig seien Medien lange Zeit zu selbstreferentiell gewesen: „Journalisten schreiben für andere Journalisten“. Fehler im eigenen Metier machte di Lorenzo auch im Umgang mit gefallenen Prominenten aus: „Zu viele Medien haben partizipiert an regelrechten Hetzjagden auf Menschen, die Fehler gemacht haben. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Branche.“ „Handelsblatt“-Chef Afhüppe kritisierte einen „Mangel an Fairness“, etwa im Umgang mit dem ehemaligen VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, der erst zum Helden stilisiert worden sei und schließlich vom Hof gejagt wurde: „Die Realität ist breiter“.

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Genau deshalb brauche es Qualitätsmedien, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen: „Wir nehmen mehr über die Welt wahr als je zuvor“, sagte Meckel, „dadurch steigt auch der Bedarf nach Einordnung und Orientierung.“ Auch durch eine erkennbare Haltung trügen Qualitätsmedien dazu bei – eigene Positionen, die sie auch gegenüber Kritik verteidigen sollten, pflichtete di Lorenzo bei. Denn gerade durch die Online-Medien verfügten Leser anders als früher längst über einen Rückkanal, der Redaktionen mitunter massiv mit Kritik konfrontiere. Ein „Zeit“-Kollege, der sich in einem Beitrag dafür ausgesprochen habe, die Partei „Die Linke“ zu observieren, habe direkt nach der Veröffentlichung vor allem im Netz „die volle Dröhnung“ abbekommen: „Wie verändert das den Journalismus? Schreibt der Kollege so etwas künftig noch?“, fragte di Lorenzo. Tatsächlich habe auch die Toleranz der Leser gegenüber anderen Meinungen spürbar abgenommen: „Da muss man auch mal Kurs halten.“

Unter Druck stehen Medienhäuser jedoch auch wirtschaftlich. Hayali wollte wissen, wie sich der Sparzwang in der Branche bei den vertretenen Blättern auswirke. Afhüppe sagte, das „Handelsblatt“ sei mit seinen zahlreichen digitalen Initiativen wie dem Digital-Pass auf „einem guten Weg, Journalismus auch Online zu refinanzieren“. „Zeit“-Chefredakteur di Lorenzo goss allerdings ordentlich Wasser in den Wein und verwies einerseits darauf, dass viele Zeitungen „schmerzhafte Sparrunden“ hinter sich hätten, die anschließend „in Marketingdeutsch auch noch als Qualitätsoffensive verkauft wurden.“

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Andererseits sagte er: „Wir dürfen uns nicht die Tasche lügen: Es gibt noch kein Geschäftsmodell jenseits von Print, um unser Angebot zu refinanzieren.“ Der "Zeit"-Verlag gelte als ein Betrieb, der sehr gut diversifiziert habe. Dennoch „stammen 80 Prozent unserer Erlöse aus dem Print-Angebot.“ Auch für Meckel bleibt daher das Abonnement die Basis. Darüber hinaus müssten Magazine und Zeitungen gründliche Überzeugungsarbeit leisten, damit Leser auch bereit seien, im Netz für Journalismus zu bezahlen: „20 Jahre lang wurden Artikel ins Netz geschüttet, doch jetzt setzt allmählich der Kulturwandel ein“. Neue Formate wie das vor kurzem gestartete Blendle ­ ein Online-Kiosk,  in dem der Leser einzelne Artikel kaufen kann, seien in dem Zusammenhang willkommene Angebote an junge Leser, mit dem Magazin in Kontakt zu kommen.

Wie notwendig trotz eines gefühlten Überangebots an Informationen die Arbeit von Redaktionen weiterhin bleibt, beschrieb di Lorenzo anhand des Beispiels einer „Zeit“-Journalistin, die monatelang über Leiharbeiter in Schlachtbetrieben recherchiert hatte. Ihre Berichterstattung hatte konkrete Folgen, Vizekanzler Gabriel habe sich anschließend persönlich gekümmert. Di Lorenzo: „Dies zeigt, dass guter Journalismus tatsächlich in der Gesellschaft etwas verändern kann.“

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