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kolumneEM-Einwurf: Einfach nur Fußball

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Griechenlands Nationalmannschaft beim Training: Keine politische Auseinandersetzung

Kolumne von Hans Jakob Ginsburg

Es ist nicht das letzte Gefecht um Griechenlands Euro-Zugehörigkeit. Heute geht es um den Sport - und da spielt Deutschland gegen Deutschland.

Sie müssen verzeihen, aber das hier ist die WirtschaftsWoche, und da haben wir in der Redaktion eigentlich nicht das Gefühl, wir hätten Ihnen in den vergangenen zwei Krisenjahren zu wenig über Griechenlands Wirtschaft und Politik erzählt. Wir glauben auch nicht, dass Fußballspiele wirtschaftspolitische oder sonst irgendwie politische Auseinandersetzungen mit anderen Mitteln sind. All die Witzchen mit „raus aus dem Euro“ und „raus aus der Euro“ überlassen wir gerne anderen, schon weil wir die Europameisterschaft auch sonst nicht als „Euro“ bezeichnen, da können UEFA-Chef Platini und seine PR-Leute sagen, was sie wollen.

Da gibt es doch ganz andere Anknüpfungspunkte für den deutschen Fußballfan, der sich für das kommende Viertelfinalspiel interessiert, auf 90 Minuten halbwegs guten Fußball hofft und nicht auf das letzte Gefecht um die Zugehörigkeit Griechenlands zur angeschlagenen Währungsunion. Es gehört ja sowieso zu den Albernheiten im gegenwärtigen Griechenlandbild vieler Deutscher, das Mittelmeerland für das schiere europäische Gegenbild Deutschlands in allerlei Hinsicht zu halten, vom Arbeitseifer über den Unternehmersinn und die Organisation der öffentlichen Verwaltung bis hin zur Integrität der Politiker.

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Deutschland wird gewinnen

Eigentlich merkwürdig bei einem Land, dessen moderne Geschichte mit einem aus Bayern importierten König begann und dessen moderne Demokratie auf den Zusammenbruch einer rechten Diktatur folgte. Wo die Grundbücher in einem Zustand sind wie in Ostdeutschland vor zwanzig Jahren, die Qualität der meisten Dienstleistungen (Tourismus! Gastronomie!) wie in Westdeutschland vor dreißig Jahren, wo höhere Beamte in aller Regel an deutschen Universitäten Jura studiert haben und die Streitkräfte mit einem Haufen teurer Rüstungsgüter aus deutscher Produktion ausgerüstet ist, deren Sinn nur Leute verstehen, die daran Geld verdient haben.

Aber wir wollen ja nicht von Politik und Wirtschaft reden, sondern von Fußball: Aber da sieht es ja doch wieder ganz ähnlich aus: Griechenlands Nationalmannschaft – das ist Deutschland vor vielleicht zehn Jahren: Sie spielen defensiv und körperbetont, fantasielos und effizient, sie zehren bis heute von einem unglaublichen Erfolg, der Europameisterschaft im Jahre 2004,  ähnlich wie unsere Deutschen rund um die Jahrtausendwende von der Weltmeisterschaft 1990. Der bekannte germanisch-hellenische Halbgott Otto Rehhagel wirft da immer noch seinen langen Schatten, und darum tritt in Danzig jetzt Deutschland 2012 gegen Deutschland 2000 an. Das Ergebnis sollte eigentlich klar sein: Deutschland wird gewinnen, hoffentlich nicht das in der Retro-Version.

Paradoxe Balltreterei

Wobei die altväterlichen Traditionen der griechischen Balltreterei nirgend so gewürdigt werden wie in unseren Breiten. Es war kein geringerer als Mischa Meier, heute Professor für Alte Geschichte in Tübingen, der 1996 im „Neuen Pauly“, dem maßgebenden Lexikon der Altertumswissenschaft, die gelehrte Welt erstmals eingehend über „Apopudobalia“, das im alten Griechenland entwickelte Mannschaftsspiel mit zwei Mal elf Spielern, zwei Toren und einer Kugel an.

Die alten Römer übernahmen den Zeitvertreib wie so viele kulturelle Einrichtungen von den Hellenen, römische Legionäre brachten ihn auf die britische Insel, von wo sich das Spiel viele Jahrhunderte später wieder ausbreitete … alles ausgedacht, ein wissenschaftlicher Scherz, auf den erst mal viele Althistoriker hereinfielen. So wie manche von uns auf Ankündigungen aus Athen, dieses Fußballspiel würde zum Wendepunkt in der Krise um Europa und seine Währung. Gehört hat man das im Fernsehen zuerst aus dem Mund des eindrucksvollen griechischen Torwarts. Ich habe ihm zuerst geglaubt, bis ich erfuhr, dass Michalis Sifakis, heute bei Aris Thessaloniki, auf Kreta geboren ist und bis vor fünf Jahren auch bei OFI Kreta gespielt hat.

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Und da fiel mir der irgendwie philosophische Satz ein: „Alle Kreter sind Lügner“, und ich war beruhigt. Der Satz heißt aber vollständig: „Epimenides der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner“, und das gilt zu Recht alles Paradoxon. Wenn Epimenides die Wahrheit sagt, ist er ein Lügner, sagt also nicht die Wahrheit, was bedeutet, dass die Kreter keine Lügner sind, weshalb er also die Wahrheit gesagt hat, also sind die Kreter doch Lügner – und so weiter, und so weiter, und das alles nur wegen des armen Torwarts Sifakis, und Logik ist mindestens so schwierig wie die Lösung des Euro-Dilemmas.

Der entscheidende philosophische Satz zur Lösung des Dilemmas ist auch schon antik: „Entscheidend ist auf dem Platz!“ Also doch lieber ganz einfach Fußball! Vor dem Halbfinalspiel gegen England oder Italien können wir uns dann wieder mit Wirtschaft und Politik des Gegners beschäftigen. Vorausgesetzt, D12 gewinnt gegen D00.

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