EM-Einwurf: Gefährliche Chaotentruppe

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kolumneEM-Einwurf: Gefährliche Chaotentruppe

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WirtschaftsWoche Redakteur Hans-Jakob Ginsburg kommentiert die Spiele der deutschen Elf

Kolumne von Hans Jakob Ginsburg

In den Niederlanden sind die Maoisten auf dem Vormarsch. Was das für das heutige Spiel gegen Deutschland bedeutet.

Sie müssen verzeihen, aber das hier ist die WirtschaftsWoche, und da müssen wir auch vor dem wichtigen zweiten EM-Spiel unserer Nationalmannschaft gegen die Niederlande in Charkiw über reichlich Unsportliches berichten. Die Auftaktniederlage der Holländer bei der Europameisterschaft gegen Dänemark fügte sich in unserem Nachbarland in ein Frühjahr des Missvergnügens. Die Niederländer, vor Beginn der Finanzkrise scheinbar ein Musterland im Euroraum und nach einem Jahrzehnt unternehmensfreundlicher Reformen Vorbild für den großen Nachbarn Deutschland, sehen sich selber auf dem Weg zum Spanien Nordeuropas. Oder gar zum neuen Griechenland?

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Das sicher nicht. Aber immerhin ist in der Weltkrise die Finanzwirtschaft der alten Handelsnation in eine derartige Schieflage gerutscht, dass das staatliche Budgetdefizit näher an vier Prozent des jährlichen BIP liegt als an den in Maastricht einst vorgeschriebenen drei. Mark Rutte, der wirtschaftsliberale Premier des Landes, wollte der Abmahnung aus Brüssel folgen und entsprechend sparen. Der christdemokratische Koalitionspartner zog unter Grummeln mit, nicht aber der Rechtspopulist Geert Wilders, ohne den die Regierung keine Mehrheit im Parlament hat. Drum gibt es Neuwahlen im September, und mit Rutte droht Angela Merkel so ungefähr der vorletzte Verbündete im Euroland abhanden zu kommen.

Mao-Jünger in Holland

Seriöse Meinungsumfragen sehen Ruttes Partei bei der kommenden Wahl hinter den niederländischen Sozialisten. Das sind keineswegs die Genossen von François Hollande oder Sigmar Gabriel, sondern deren linke Konkurrenz, eine politische Gruppierung, die sich nach allerlei Häutungen aus den niederländischen Maoisten entwickelt hat. So etwas Ähnliches gibt es weltweit nur in Griechenland und in Nepal.

Aber was hat das alles mit dem Fußballspiel im Osten der Ukraine zu tun? Sehr viel, denn das maue Erscheinungsbild der niederländischen Sportler bei der EM und das drohende Debakel des holländischen Liberalismus haben offenbar die gleiche Ursache: den prinzipiell ebenso grenzenlosen wie liebenswerten Individualismus unserer westlichen Nachbarn. Im Parlament sitzen zehn Parteien von den Islamhassern über die radikalen Tierschützer und die evangelikalen Fundamentalisten bis zu den einstigen Mao-Jüngern. Und in der orangefarbenen Nationalmannschaft spielen dieses Jahr mal wieder elf eigensinnige Diven elf jeweils eigene Spiele, Reservebank nicht mitgerechnet.

Der bittere allniederländische Streit um die beiden Sturmspitzen Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar (Den spricht man nebenbei Hüntelahr aus, mit ü wie Übermut, warum schafft Ihr das nicht, lieber Fernsehkollegen?) stellt alles in den Schatten, was meine Kollegen vom Boulevard in Sachen Mario Gomez und Miroslav Klose lostreten wollten. Unter den knapp 17 Millionen Niederländern gibt es anteilsmäßig wahrscheinlich mehr Weltklassefußballer als in jedem anderen Land des Globus. Nur als Mannschaft bleiben die fast ewigen Vizeweltmeister stets hinter ihrem Potenzial. Wahrscheinlich ist Eisschnelllauf doch der für das niederländische Gemüt passendere Sport.

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Ich schreibe das ohne alle Häme. Während diese Zeilen entstehen, trinke ich meinen Kaffee aus einer orangenen Fan-Tasse mit dem springenden holländischen Löwen als Verzierung. Die ebenso genialen wie verrückten holländischen Fußballer sind unsympathisch nur, wenn sie mannschaftsdienstlich – niederländische Übersetzung: unfair bis zur Körperverletzung – spielen wollen wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Südafrika. Und ansonsten eine Chaotentruppe, der ich auch nach einem weiteren Schluck aus der Oranje-Tasse die Niederlage gegen Deutschland gönne, weil das auch aus holländischer Sicht gar nicht so schlimm ist: Wenn unser deutsches Team nach dem zu erwartenden Sieg über die Holländer auch Dänemark im letzten Gruppenspiel schlägt, muss Portugal nur über Dänemark siegen und Holland in ein paar Tagen mit zwei oder drei Toren Vorsprung gegen Portugal – und schon ziehen die Niederlande ins Viertelfinale ein, vielleicht zu einer Revanche für das Russlandspiel bei der EM vor vier Jahren. Die ganze kühne Rechnung stammt nicht von mir, sondern aus einer Amsterdamer Sportzeitung. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt, und unsere Nachbarn wissen inzwischen, wie man sich an Strohhalme klammert, wenn fast nichts mehr geht.

Noch ist nichts gewonnen

Auch das können wir von den Holländern lernen, wer weiß, wann wir es auch noch brauchen. Genau wie die Fähigkeit, bei aller individualistischen Eigenbrötelei und Streitlust den Mitmenschen immer noch irgendwie nett zu finden. Bei uns tobt unter der Oberfläche von weitgehendem politischen Konsens und mannschaftsdienlicher Eintracht allzu oft blanke Missgunst, sobald die Mikrofone abgeschaltet sind. Die Niederländer dagegen wissen offenbar, dass man beim Deichbau auf keinen verzichten kann, auch wenn es mit der Koordination fast immer hapert. Vor ein paar Jahren, als die stramm linken holländischen Sozialisten ihre ersten Wahlerfolge einstrichen, ließ ich mir in Den Haag von einem prominenten Unternehmer die unübersichtliche Politik des Landes erklären. Ganz vertraulich erklärte mir der Mann, Holland-Chef eines renommierten Weltkonzerns, eine Regierungsübernahme der Sozialisten entspräche nicht seinen Wünschen, aber ihr Parteiführer sei richtig nett und klug. Öffentlich würde er so etwas natürlich nicht sagen.

Also aufgepasst, deutsches Team: Spieler aus einem Land, wo CEOs und Linkssozialisten gut aufeinander zu sprechen sind, können dann und wann auch mannschaftsdienlich spielen. Wir haben noch nicht gewonnen.

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