
Sie müssen verzeihen, aber das hier ist die WirtschaftsWoche, und da müssen wir auch vor dem wichtigen zweiten EM-Spiel unserer Nationalmannschaft gegen die Niederlande in Charkiw über reichlich Unsportliches berichten. Die Auftaktniederlage der Holländer bei der Europameisterschaft gegen Dänemark fügte sich in unserem Nachbarland in ein Frühjahr des Missvergnügens. Die Niederländer, vor Beginn der Finanzkrise scheinbar ein Musterland im Euroraum und nach einem Jahrzehnt unternehmensfreundlicher Reformen Vorbild für den großen Nachbarn Deutschland, sehen sich selber auf dem Weg zum Spanien Nordeuropas. Oder gar zum neuen Griechenland?
Bild: dpaReiche Königsfamilie
Die ehemalige Königin Beatrix (Mitte), die am 30. April 2013 zugunsten ihres Sohnes Willem-Alexander (Rechts) abdankte, gilt als eine der reichsten Niederländerinnen. Es wird immer wieder behauptet, dass sie ein großes Aktienpaket an dem Konzern britisch-niederländische Öl-Konzern Royal Dutch Shell hält. Offizielle Angaben über die Vermögenswerte der Königsfamilie gibt es nicht.
Bild: dpaErfinderische Bierbrauer
Die niederländische Brauerei Bavaria produzierte 1978 das erste alkoholfreie Bier der Welt. Eine Innovation, die viele Nachahmer auch in Deutschland fand.
Bild: GemeinfreiDeutscher Held
Die niederländische Nationalhymne beginnt mit den Worten "Wilhelmus van Nassouwe ben ik, van Duitsen bloed" ( "Wilhelm von Nassau bin ich, von deutschem Blut"). Der Stammvater des Königshauses, der die Niederlande im 16. Jahrhundert im Freiheitskrieg gegen Spanien anführte, stammte aus Dillenburg in Hessen. Offiziell gehörten die Niederlande noch bis 1648 zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Niederes Land
Ungefähr die Hälfte des Landes liegt weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel, rund ein Viertel sogar unterhalb. Der höchste Berg des Landes ist der 862 Meter hohe Mount Scenery auf der zu den Niederlanden gehörenden Karibikinsel Saba. Auf dem Festland ist es der 323 m hohe Vaalserberg in Limburg.

Große Menschen
So nieder das Land, so hoch seine Menschen. Die Niederländer sind weltweit das Volk mit den durchschnittlich größten Menschen der Welt: 1,83 m (Männer) und 1,72 m (Frauen).
Bild: GNUFeierfreudige Stadt
Eindhoven hat zwar nicht die längste Theke der Welt zu bieten, aber die "Stratumseind" als längste Kneipenstraße in Benelux. Auf ihren 225 Metern liegen 54 Kneipen, die jede Woche von rund 25.000 Menschen besucht werden. Den Spitznamen "Stadt des Lichts" verdankt Eindhoven der Beleuchtungs-und Elektronikmarke Philips, die hier 1891 gegründet wurde.
Bild: dpaWeißes Haus
"Het Witte Huis" in Rotterdam war, als es 1898 gebaut wurde, das erste Hochhaus Europas. Es ist eines der wenigen markanten Bauwerke, das die Bombardierung von Rotterdam durch die deutsche Luftwaffe im Jahr 1940 unzerstört überstand.

Legendäres Spiel
Den am schnellsten vergebenen Elfmeter einer Fußball-Weltmeisterschaft gab es im Finale von 1974 zwischen Deutschland und den Niederlanden. Die Deutschen hatten noch keinen Ballkontakt gehabt, als die Holländer in der ersten Minute einen Elfmeter bekamen und Johann Neeskens ihn verwandelte. Deutschland gewann am Ende 2:1. Das entscheidende Tor machte Gerd Müller.

Hup, Holland, Hup!
„Holland“ wird oft, nicht nur von Fußballfans, als Synonym für die Niederlande verwendet. Tatsächlich ist Holland – beziehungsweise die beiden Provinzen Noord- und Zuid-Holland - nur ein Teil der Niederlande.

Sportlicher König
Am 30. April, dem Tag der Königin (ab 2014 Tag des König), veranstalten viele niederländische Gemeinden einen Toilettenweitwurf-Wettbewerb. Der neue König Willem-Alexander bedauerte kürzlich nach seiner Teilnahme beschämt, dass 2,6 Milliarden Menschen "nicht die geringste Infrastruktur haben, um ihre Bedürfnisse mit Würde zu verrichten."
Reiche Königsfamilie
Die ehemalige Königin Beatrix (Mitte), die am 30. April 2013 zugunsten ihres Sohnes Willem-Alexander (Rechts) abdankte, gilt als eine der reichsten Niederländerinnen. Es wird immer wieder behauptet, dass sie ein großes Aktienpaket an dem Konzern britisch-niederländische Öl-Konzern Royal Dutch Shell hält. Offizielle Angaben über die Vermögenswerte der Königsfamilie gibt es nicht.
Das sicher nicht. Aber immerhin ist in der Weltkrise die Finanzwirtschaft der alten Handelsnation in eine derartige Schieflage gerutscht, dass das staatliche Budgetdefizit näher an vier Prozent des jährlichen BIP liegt als an den in Maastricht einst vorgeschriebenen drei. Mark Rutte, der wirtschaftsliberale Premier des Landes, wollte der Abmahnung aus Brüssel folgen und entsprechend sparen. Der christdemokratische Koalitionspartner zog unter Grummeln mit, nicht aber der Rechtspopulist Geert Wilders, ohne den die Regierung keine Mehrheit im Parlament hat. Drum gibt es Neuwahlen im September, und mit Rutte droht Angela Merkel so ungefähr der vorletzte Verbündete im Euroland abhanden zu kommen.
Mao-Jünger in Holland
Seriöse Meinungsumfragen sehen Ruttes Partei bei der kommenden Wahl hinter den niederländischen Sozialisten. Das sind keineswegs die Genossen von François Hollande oder Sigmar Gabriel, sondern deren linke Konkurrenz, eine politische Gruppierung, die sich nach allerlei Häutungen aus den niederländischen Maoisten entwickelt hat. So etwas Ähnliches gibt es weltweit nur in Griechenland und in Nepal.
Bild: dpaWM der Männer 1954
Das Wunder von Bern brachte den Deutschen 1954 mit dem 3:2-Sieg gegen den Favoriten Ungarn den Titel Fußball-Weltmeister 1954. Den Spielern brachte der Sieg in der Schweiz umgerechnet 1290 Euro.
Bild: dpaWM der Männer 1974
Mit einem 2:1-Sieg über die Niederlande im Finale von München konnten die Deutschen sich 1974 zum zweiten Mal die Weltmeister-Prämie sichern. Für jeden Spieler gab es damals 35.900 Euro (umgerechnet) und ein VW Käfer.
Bild: dpaEM der Frauen 1989
Vier Nationalmannschaften kämpften 1989 um Titel Fußball-Europameister der Frauen. Gespielt wurde in Siegen, Osnabrück und Lüdenscheid. Erstmals gewann die deutsche Nationalmannschaft den Titel mit einem 4:1-Sieg gegen Norwegen. Die damalige Prämie: ein 41-teiliges Kaffeeservice.
Bild: dpaWM der Männer 1990
Im Juli 1990 konnte sich die deutsche Elf ein weiteres Mal den Titel sichern. Diesmal galt es in Italien sein fußballerisches Können zu beweisen. Mit einem 1:0-Sieg gegen Argentinien gelang das der Bundesrepublik Deutschland mit Teamchef Franz Beckenbauer auch. Als Belohnung gab es damals eine Prämie von umgerechnet 64.100 Euro.
Bild: dpaWM der Frauen 1995
Bei der zweiten Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen wurde in Schweden 1995 gewannen die norwegischen Damen den Titel durch ihren 2:0-Sieg gegen die deutsche Elf. Damit verpassten die deutschen Frauen eine Siegprämie von umgerechnet 6000 Euro.
Bild: dpaEM der Männer 2000
Ein lahmes Tunier für die deutsche Nationalmannschaft war die EM der Männe 2000. Gegen den Außenseiter der Gruppe, Rumänien, schaffte man nur ein 1:1-Unentschieden. Gegen England konnte man zwar einen 0:1-Sieg vorweisen, aber gegen Portugal verloren die Deutschen ihr drittes Gruppenspiel und scheiterten damit bereits in der Gruppenphase. Motivation hätte es genug gegeben. Bei einem Turniersieg hätte eine Prämie von umgerechnet 76.900 Euro gewunken.
Bild: APWM der Männer 2002
Bei der WM 2002 gelang der DFB-Elf aber überraschend wieder der Einzug ins Endspiel. Dort hieß es Brasilien zu schlagen, was den Deutschen allerdings nicht gelang. Wäre das Spiel anders ausgegangen, hätte es 92.000 Euro Prämie gegeben.
Bild: dpaWM der Frauen 2003
Die Weltmeisterschaft 2003 in den USA brachte den deutschen Frauen mal wieder den ersehnten Titel: Im Finale gewann die deutsche Mannschaft gegen das Team aus Schweden durch ein Golden Goal. Als Belohnung gab es eine Siegprämie von 15.000 Euro.
Bild: dpaEM der Männer 2004
Das Desaster in der deutschen Fußballgeschichte: Nach dem Unentschieden gegen die Niederlande, besiegelten das 0:0 gegen Lettland und die Niederlage gegen Tschechien das vorzeitige Ausscheiden der deutschen Mannschaft. Schade um die Prämie von 100.000 Euro, die es bei einem Sieg gegeben hätte.
Bild: dpaWM der Männer 2006 im eigenen Land
Man wollte den Titel unbedingt. Mit Jürgen Klinsmann kam das Gefühl "Wir sind wieder da". Am Ende reichte aber weder der Teamgeist noch das heimische Publikum zum Sieg. Im Halbfinale scheiterten die Deutschen in der Verlängerung an Italien. 0:2 war das deprimierende Ergebnis. Gefeiert wurde damals trotzdem. Die Prämie von 300.000 Euro gab es aber nicht.
WM der Männer 1954
Das Wunder von Bern brachte den Deutschen 1954 mit dem 3:2-Sieg gegen den Favoriten Ungarn den Titel Fußball-Weltmeister 1954. Den Spielern brachte der Sieg in der Schweiz umgerechnet 1290 Euro.
Aber was hat das alles mit dem Fußballspiel im Osten der Ukraine zu tun? Sehr viel, denn das maue Erscheinungsbild der niederländischen Sportler bei der EM und das drohende Debakel des holländischen Liberalismus haben offenbar die gleiche Ursache: den prinzipiell ebenso grenzenlosen wie liebenswerten Individualismus unserer westlichen Nachbarn. Im Parlament sitzen zehn Parteien von den Islamhassern über die radikalen Tierschützer und die evangelikalen Fundamentalisten bis zu den einstigen Mao-Jüngern. Und in der orangefarbenen Nationalmannschaft spielen dieses Jahr mal wieder elf eigensinnige Diven elf jeweils eigene Spiele, Reservebank nicht mitgerechnet.
Der bittere allniederländische Streit um die beiden Sturmspitzen Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar (Den spricht man nebenbei Hüntelahr aus, mit ü wie Übermut, warum schafft Ihr das nicht, lieber Fernsehkollegen?) stellt alles in den Schatten, was meine Kollegen vom Boulevard in Sachen Mario Gomez und Miroslav Klose lostreten wollten. Unter den knapp 17 Millionen Niederländern gibt es anteilsmäßig wahrscheinlich mehr Weltklassefußballer als in jedem anderen Land des Globus. Nur als Mannschaft bleiben die fast ewigen Vizeweltmeister stets hinter ihrem Potenzial. Wahrscheinlich ist Eisschnelllauf doch der für das niederländische Gemüt passendere Sport.
Ich schreibe das ohne alle Häme. Während diese Zeilen entstehen, trinke ich meinen Kaffee aus einer orangenen Fan-Tasse mit dem springenden holländischen Löwen als Verzierung. Die ebenso genialen wie verrückten holländischen Fußballer sind unsympathisch nur, wenn sie mannschaftsdienstlich – niederländische Übersetzung: unfair bis zur Körperverletzung – spielen wollen wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Südafrika. Und ansonsten eine Chaotentruppe, der ich auch nach einem weiteren Schluck aus der Oranje-Tasse die Niederlage gegen Deutschland gönne, weil das auch aus holländischer Sicht gar nicht so schlimm ist: Wenn unser deutsches Team nach dem zu erwartenden Sieg über die Holländer auch Dänemark im letzten Gruppenspiel schlägt, muss Portugal nur über Dänemark siegen und Holland in ein paar Tagen mit zwei oder drei Toren Vorsprung gegen Portugal – und schon ziehen die Niederlande ins Viertelfinale ein, vielleicht zu einer Revanche für das Russlandspiel bei der EM vor vier Jahren. Die ganze kühne Rechnung stammt nicht von mir, sondern aus einer Amsterdamer Sportzeitung. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt, und unsere Nachbarn wissen inzwischen, wie man sich an Strohhalme klammert, wenn fast nichts mehr geht.
Noch ist nichts gewonnen
Auch das können wir von den Holländern lernen, wer weiß, wann wir es auch noch brauchen. Genau wie die Fähigkeit, bei aller individualistischen Eigenbrötelei und Streitlust den Mitmenschen immer noch irgendwie nett zu finden. Bei uns tobt unter der Oberfläche von weitgehendem politischen Konsens und mannschaftsdienlicher Eintracht allzu oft blanke Missgunst, sobald die Mikrofone abgeschaltet sind. Die Niederländer dagegen wissen offenbar, dass man beim Deichbau auf keinen verzichten kann, auch wenn es mit der Koordination fast immer hapert. Vor ein paar Jahren, als die stramm linken holländischen Sozialisten ihre ersten Wahlerfolge einstrichen, ließ ich mir in Den Haag von einem prominenten Unternehmer die unübersichtliche Politik des Landes erklären. Ganz vertraulich erklärte mir der Mann, Holland-Chef eines renommierten Weltkonzerns, eine Regierungsübernahme der Sozialisten entspräche nicht seinen Wünschen, aber ihr Parteiführer sei richtig nett und klug. Öffentlich würde er so etwas natürlich nicht sagen.
Also aufgepasst, deutsches Team: Spieler aus einem Land, wo CEOs und Linkssozialisten gut aufeinander zu sprechen sind, können dann und wann auch mannschaftsdienlich spielen. Wir haben noch nicht gewonnen.
























