Feuerland: Krachende Riesen rund um Kap Hoorn

Feuerland: Krachende Riesen rund um Kap Hoorn

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Gletscherwand in Feuerland

Mit einem Kreuzfahrtschiff als luxuriösem Hörsaal lässt sich die einzigartige Landschaft Feuerlands auf der Fahrt nach Kap Hoorn am besten erkunden.

Nachts um zwei zersplittert ein Zahnputzglas. Der Laptop poltert zu Boden, zwei Bücher folgen. Es ist die dritte von vier Nächten an Bord. Wellen klatschen gegen die Scheibe der Kabine im dritten Deck der „Mare Australis“ – das gut neun Meter über der Wasseroberfläche liegt. Die „Screaming Fifties“, die „schreienden 50er-Breitengrade“ um Feuerland, zeigen nach zwei Tagen der Ruhe ihr wahres Gesicht. Hier, im Süden Chiles, wo die Magellanstraße in den Cockburn-Kanal mündet, bevor es in einem scharfen Linksschwenk Richtung Beagle-Kanal geht, schützt keine vorgelagerte Insel mehr das Kanalgewirr vor den Launen des Pazifiks. Eine durchwachte Nacht lang bekommen die 109 Passagiere des lediglich 72 Meter langen Expeditionskreuzfahrtschiffes „Mare Australis“ die wilde Seite Feuerlands zu spüren – einer der unwirtlichsten Winkel unseres Planeten.

Noch ist Feuerland weitgehend „Terra incognita“ auf den Karten der Kreuzfahrtveranstalter, die vor allem Entspannung und Erholung versprechen. Den wenigen Besuchern präsentierte es sich in der Hauptreisezeit bis April bisher wie im Tiefschlaf. Doch Feuerland, die Schöne, wird wachgeküsst, wenn auch unsanft. Mächtige Kreuzfahrtschiffe skandinavischer Reeder steuern inzwischen regelmäßig das eisige Ende der Welt an. Damit ihre oft mehr als 1000 Passagiere einen kurzen Blick auf unberührte Landschaften genießen können, manövrieren sich diese schwimmenden Städte durch die schmalen, verwinkelten Kanäle. Noch bleiben die Gäste der riesigen Kreuzfahrer bei ihrer Passage an Bord, was dem fragilen Ökosystem Feuerlands bislang Ruhe vor allzu vielen Besuchern beschert. Wer die Natur aus der Nähe sehen will, muss auf einem kleinen Schiff einchecken– und bekommt dort, in der „Allee der Gletscher“, die Eistitanen mit Namen vorgestellt.

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Als Gruß an die alte Heimat hatten Auswanderer, die hier vor 100 Jahren eine Besiedlung wagten, diesen Eisriesen die Namen ihrer europäischen Heimatländer gegeben. Doch die Siedler, zumeist Schafzüchter, gaben schnell wieder auf und zogen davon. Vor ihrem Abzug vernichteten sie mit diabolischer Gründlichkeit binnen Jahre die hier lebenden Indianervölker – die sich als Überlebenskünstler in einer eigentlich lebensfeindlichen Umwelt eingerichtet hatten. Was blieb, waren die Namen der Gletscher. Heute seien auch sie in ihrer Existenz bedroht, sagen José Araos und Carlos Olave. Die auf der „Mare Astralis“ mitreisenden Klimaforscher aus der südchilenischen Stadt Punta Arenas berichten vom Atem der Klimaerwärmung, die das Eis am Ende der Welt schmelzen lasse.

Dem Gletscher „Francia“ ist das zwar nicht anzusehen, aber das Knallen der Champagner-Korken im Salon der „Mare Australis“ und die Musik von Edith Piaf klingen dennoch wie das Requiem auf einen bedrohten Giganten. Kurze Zeit später werden bayrisches Bier und Würstchen serviert, dazu passt Oktoberfestmusik, während das Schiff den Gletscher „Alemania“ passiert. Holländische, italienische, spanische Momente folgen und ein heiteres Gletscherraten mit musikalisch-kulinarischer Untermalung.

Die „Mare Australis“, im Vergleich zu den riesigen Kreuzfahrern eher winzig, ist wie eine schwimmende Fakultät – wenn auch mit Haute Cuisine statt Mensa-Küche. Landgänge, Gastvorträge und Multimedia-Präsentationen machen mit Umwelt, Fauna, Flora und einem Öko-system vertraut, für dessen Einzigartigkeit und Zerbrechlichkeit von den Passagieren Verständnis erwartet wird. Animateure und Talentwettbewerbe sucht man an Bord vergeblich – die Landschaft mit zerklüftetem Eis und dunklen Felsen, umgeben vom Dunkel des Wassers schafft eine Kulisse, vor der jeder Bingo-Nachmittag deplatziert wäre.

Von Schlauchbooten aus, wie sie auch Chiles Marine verwendet, wird täglich ein neues Stück Feuerland entdeckt, das normalerweise für Touristen unerreichbar ist. Wer sich als Gast eines Expeditionsschiff den Eisbergen, etwa dem Pia-Gletscher, nähern darf, fühlt sich winzig vor jedem dieser hellblauen Eismassen. Im Viertelstundentakt löst die milde Wärme der Sonne Eisblöcke von der Größe eines Wohnhauses, die wie in Zeitlupe ins Meer donnern. Die daraus entstehenden Wellen klatschen einige Augenblicke später als Springflut an den Strand. „Gletscher sterben so einen schönen Tod“, sagt der Australier Michael Gebicki, der fasziniert unter dem azurblauen Himmel das Spiel der Naturgewalten beobachtet, ein Glas Malt Whisky in der Hand – gekühlt mit jahrhundertealtem Gletschereis.

Tags drauf ist am grauen Horizont die Silhouette eines Mythos zu sehen: Kap Hoorn. Der Himmel erinnert an ein Gemälde des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich – eine grau-gelbe Wand durchdrungen von einzelnen Lichtstrahlen. Die „Mare Australis“ ist vor Anker gegangen. Der chilenische Kapitän Oscar Sheward genehmigt den Landgang.

Südeamerika-Route von Cruceros Australis

Von September bis April verkehrt Cruceros Australis zweimal pro Woche ab Punta Arenas (chilenisches Patagonien) nach Ushuaia (argentinisches Patagonien) in vier Nächten und ebenfalls zweimal ab Ushuaia nach Punta Arenas in drei Nächten. Die Preise beginnen bei rund 700 Euro pro Person in der Doppelkabine mit Vollverpflegung in der Nebensaison und 1000 Euro in der Hauptsaison von November bis März. australis.com (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Kap Hoorn, das haben einige Passagiere schon in den Erzählungen von Herman Melville, Jules Verne oder Edgar Allen Poe nachgelesen, ist der launischste Winkel unseres Planeten. Mit bis zu 265 Stundenkilometer Geschwindigkeit fegt der Wind über diesen Zipfel, an 280 Tagen im Jahr regnet es. 800 Schiffe sollen vor dem Felsen auf dem Meeresgrund liegen, rund 10.000 Seeleute hier den Tod gefunden haben.

Das Ende der Welt ist auch nicht mehr das, was es einmal war: Eine intakte Holztreppe mit Stufenrändern in roter Signalfarbe führt auf den etwa 250 Meter hohen schwarzen Felsen. Das eigentliche Kap, eine Bergkuppe, hat eine Höhe von 424 Metern und liegt zur Rechten des obersten Treppenpodestes. Das etwa zehn Qua-dratkilometer große Inselplateau wird von Holzwegen durchkreuzt. Sie führen sowohl zum Leuchtturm mit angeschlossenem Wohnhaus und Kapelle als auch zu einem stählernen Albatros – ein Mahnmal für die verstorbenen Seeleute. Die Legende besagt, dass die Seelen der toten Matrosen in den Albatrossen weiterleben, die es lieben, im Sturzflug laut schreiend über die aufgewühlte Gischt zu jagen. Dickhalmiges Salzgras und moosbewachsene Steine bedecken die Insel, dazwischen liegen vom Dauerregen gespeiste Tümpel – kein Fleckchen Erde, auf dem auch nur einer der Passagiere dauerhaft verweilen möchte. Doch die 25-jährige Veronica Oyarce fühlt sich hier wohl. Für ein Jahr ist sie die Königin auf diesem trost-losen Eiland. Zusammen mit ihrem Ehemann, einem Offizier der chilenischen Marine, und ihren beiden kleinen Töchtern Fernanda und Valentina hat sie sich bereit erklärt, auf Chiles südlichstem Vorposten auszuharren und unter anderem passierende Schiffe zu registrieren.

Dann mahnt die Schiffsbesatzung zum Aufbruch von einer Insel mit einem 700 Meter langen Holzsteg zwischen Leuchtturm und Albatros-Denkmal. Eine halbe Stunde später sitzen die Passagiere der „Mare Australis“ im Bordrestaurant. Ihre Aufmerksamkeit gilt wieder anderen, irdischen Dingen – Lachs und Roastbeef zum Beispiel. Ein überbordendes Buffet lädt zum Brunch ein. Die See ist jetzt ruhig, der Appetit ist nach der stürmischen letzten Nacht bei den meisten Mitreisenden zurückgekehrt. Und durch die großen Panorama-Scheiben sehen sie bei einer Latte Macchiato wie der Mythos Kap Hoorn allmählich als dunkler Fleck in einer nebligen Dunstwand am Horizont verschwindet.

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