Flug 4U9525: "Vollständigen Schutz wird es nie geben"

Flug 4U9525: "Vollständigen Schutz wird es nie geben"

Bild vergrößern

Pilotenvertreter: Vollständigen Schutz wird es nie geben.

Das Flugzeugunglück mit 150 Toten in den französischen Alpen wurde wahrscheinlich vom Co-Piloten der Maschine verursacht. Wie kann der Luftverkehr vor solchen Taten Einzelner geschützt werden?

150 Menschen mussten sterben, weil ein Co-Pilot der Germanwings offenbar bewusst den Absturz seines Flugzeugs herbeigeführt hat. Unklar ist bislang das Motiv des Mannes. Fragen nach den psychologischen Eignungstests liegen auf der Hand. Im Interview: Jörg Handwerg, Sprecher und Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit.

Wir müssen davon ausgehen, dass der 27 Jahre alte Co-Pilot Andreas L. den Absturz der Germanwings-Maschine absichtlich herbeigeführt hat. Welcher Gedanke ist Ihnen dabei zuerst durch den Kopf gegangen?

Anzeige

Jörg Handwerg: Das war natürlich nochmal wieder ein neuer Schock, dass so etwas möglich ist, das war bisher so für uns nicht vorstellbar.

Können sich die Airlines wirksam dagegen schützen, das möglicherweise psychisch instabile Menschen Pilot werden?

100 Prozent Schutz wird es gegen die Eventualitäten im Leben nie geben. Ein Mensch ist ja nicht ein statisches Wesen, sondern er entwickelt sich dynamisch weiter. Es gab in der Geschichte der Luftfahrt immer wieder mal Fälle, wo es zu Selbstmorden kam. Man muss aber auch sagen, dass der Staatsanwalt davon noch nicht gesprochen hat. Wir müssen den Endbericht abwarten. Es spricht natürlich einiges dafür, dass es hier um einen Menschen, der psychisch krank gewesen ist, gegangen sein könnte.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

  • Der Flug

    Der Airbus A320 ist am Dienstag um 10.01 Uhr mit 150 Menschen an Bord in Barcelona gestartet. Kurz nach dem Erreichen der regulären Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (11,5 Kilometer) ging die Maschine ohne Hinweis an die französische Flugkontrolle oder ein Notsignal in einen schnellen Sinkflug über. Das Flugzeug zerschellte in den französischen Alpen. Die Maschine flog bis zum Aufprall, ohne dass es eine Explosion gab, wie die französische Untersuchungsbehörde BEA mitteilte.

  • Die Opfer

    An Bord der Maschine waren 150 Menschen, darunter nach jüngsten Informationen 72 Deutsche und 50 Spanier. Weitere Opfer stammen nach Angaben von Regierungen und Germanwings offenbar aus den USA, Großbritannien, Kasachstan, Argentinien, Australien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Japan, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Israel.

  • Die Unglücksstelle

    Die Germanwings-Maschine verunglückte in den französischen Alpen nahe der kleinen Ortschaft Seyne-les-Alpes. Die Bergung der Wrackteile ist schwierig. Das Gelände an der Unglücksstelle ist zerklüftet und nur schwer zugänglich. Weil die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auftraf, sind die Trümmerteile sehr klein und weit verstreut.

    Die Bergung der Opfer wurde am 31. März abgeschlossen. Das Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie erklärte, die eigentliche Identifizierung, also die Zuordnung zu den Vergleichsdaten der Angehörigen, könne zwei bis vier Monate dauern.

  • Die Blackbox

    Die Ermittler haben bereits auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber, dem Stimmrekorder, sichergestellt und ausgewertet. Laut der französischen Staatsanwaltschaft war zum Zeitpunkt des Absturzes nur der Co-Pilot im Cockpit. Der Stimmrekorder hat bis zuletzt Atemgeräusche im Cockpit aufgezeichnet, der Co-Pilot war also am Leben. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz brachte.

    Der zweite Flugschreiber, der detaillierte Flugdaten aufzeichnet, wurde bislang nicht gefunden.

  • Das Flugzeug

    Der Mittelstreckenflieger A320 hatte seinen Jungfernflug 1987 und wurde ein Jahr später erstmals von Airbus an Kunden ausgeliefert. Seither hat er sich in verschiedenen Varianten zum meistverkauften Passagierjet von Airbus entwickelt. Bis Ende Februar hatte der Hersteller von seiner absatzstärksten Modellfamilie knapp 6500 Maschinen an die Kunden überstellt.

    Die Unglücksmaschine war seit mehr als 24 Jahren im Einsatz, verfügte laut Auskunft der Lufthansa jedoch über neueste Technik und habe alle Sicherheitsanforderungen erfüllt. Noch einen Tag vor der Katastrophe sei der Flieger einem Routinecheck unterzogen worden.

  • Der Pilot

    Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs galt als erfahren. Er hatte seit mehr als zehn Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus hatte er mehr als 6000 Flugstunden absolviert.

    Zu den Geschehnissen im Cockpit der Germanwings-Maschine sagte der Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Es gab ein technisches Briefing zum weiteren Flugverlauf. Dann hat der Pilot dem Co-Piloten das Steuer überlassen.“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege (Pilot) hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

  • Der Co-Pilot

    Der Co-Pilot der Unglücksmaschine war seit 2013 bei der Lufthansa-Tochter beschäftigt. Zuvor hatte er seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren gab es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung, danach wurde die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

    Ermittler durchsuchten auf Bitte der französischen Justiz zwei Wohnungen des Co-Piloten. Dort wurde eine zerrissene Krankschreibung gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfasste. Der 27-Jährige war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung in psychotherapeutischer Behandlung.

    Quellen: dpa, reuters, sha, jre

Welche psychologischen Eignungstests gibt es bei der Lufthansa und halten sie diese für ausreichend?

Die Lufthansa hat einen sehr umfassenden Einstellungstest, der beinhaltet auch eine psychologische Begutachtung. Das ist anerkanntermaßen einer der härtesten Aufnahmetests für Piloten weltweit. Es ist schwer vorzustellen, wie das noch verbessert werden könnte. Man bekommt ja auch nur eine Momentaufnahme eines Menschen.

Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit Quelle: dpa

Jörg Handwerg ist Sprecher und Vorstandsmitglied der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und selbst Flugkapitän auf einer Airbus A320 bei der Lufthansa.

Bild: dpa

Wie sieht es im späteren Berufsleben aus?

Bisher haben wir das nicht als Problem der Luftfahrt erlebt, dass sich jemand in solch einer Lage gefühlt hat, so verzweifelt war, dass er meint, er muss sich das Leben nehmen. Solche Fälle sind einfach sehr, sehr selten. Es ist fraglich, in welchem Rahmen hier psychologische Gespräche helfen sollen. Man kann ja nicht jeden Piloten vor jedem Umlauf zu einem psychologischen Gespräch oder Test schicken.

Funktioniert nach ihrer Einschätzung die gegenseitige soziale Kontrolle in den Crews?

Im Alltagsleben, wenn wir zusammen arbeiten und jemand benimmt sich ungewöhnlich, dann spricht man natürlich auch an. Es gehört auch zum verantwortungsbewussten Berufsverständnis als Pilot, wenn man Probleme hat, von sich aus Hilfe zu suchen. Wenn man merkt, hier benimmt sich wer auffällig, spricht man das an und ermuntert ihn auch, sich an eine Institution zu wenden, wo er Hilfe bekommt.

Schrecklicher Verdacht: Co-Pilot flog absichtlich in den Tod

  • Absichtliche Abstürze in der Vergangenheit

    Suizide in der Luftfahrt sind selten, aber sie kommen vor. Im November 2013 kostete der Absturz einer Embraer-Maschine der Fluglinie Linhas Aéreas de Moçambique 33 Menschen das Leben. Laut der zuständigen Behörde in Namibia hatte der Co-Pilot das Cockpit kurz vor dem Unglück verlassen, um zur Toilette zu gehen. Der Pilot verriegelte daraufhin die Tür und steuerte das Flugzeug in Richtung Boden.  Eine Boeing 767 der EgyptAir stürzt im Oktober 1999 US-Staat Massachusetts. Nach einer Untersuchung der US-Flugsicherheitsbehörde schaltete der Co-Pilot von Flug 990 den Autopiloten aus und leitete den Sinkflug ein. 1997 ließ der Pilot eines SilkAir-Flugs von Jakarta nach Singapur seine Boeing 737 absichtlich in einen Fluss stürzen - 104 Menschen starben. Auch bei der seit einem Jahr verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine gilt die Selbsttötung eines der Piloten als eine der plausibelsten Unglücksursachen. 

  • Häufigkeit

    Laut einem offiziellen Report der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) aus dem vergangenen Jahr sind Selbsttötungen, die mit einem Flugzeug ausgeführt werden, „selten und ungewöhnlich“. Untersucht wurden 2758 tödliche Flugzeugunglücke auch kleinerer Maschinen in den USA, die sich zwischen 2003 und 2012 ereigneten. In acht Fällen gilt die Selbsttötung des Flugzeugkapitäns als Ursache. Sieben der Piloten waren bei dem Unglück allein an Bord.

  • Hintergründe der Piloten

    Alle Piloten, die ihre Maschinen abstürzen ließen, waren männlich und zwischen 21 und 68 Jahren alt. Als mögliche Motive für die Taten identifiziert der FAA-Bericht unter anderem Depressionen, Beziehungsprobleme und finanzielle Schwierigkeiten. Vier der Piloten wurden positiv auf Alkohol getestet. Zwei nahmen offenbar Antidepressiva.

Haben Sie schon mal ein Besatzungsmitglied vom Flug ausgeschlossen?

Ich habe noch nie ein Besatzungsmitglied vom Flug ausgeschlossen. Wir haben in der Regel topfitte Kollegen. Die sind verantwortungsvoll genug, dass sie selber wissen, wann sie Hilfe brauchen. Wir haben ja auch in den letzten Tagen gesehen, dass viele bei der Germanwings gesagt haben, ich kann einen Flugdienst nicht antreten, ich fühle mich so belastet, dass ich die Verantwortung nicht übernehmen kann.

Welchen besonderen Belastungen sind Piloten ausgesetzt, die möglicherweise zu starken psychischen Problemen führen könnten?

Piloten haben häufig Probleme, ihr Sozialleben zu organisieren. Aber das ist ja bei weitem kein Grund, in eine solche Lage zu geraten. Da sind sicherlich Probleme im privaten Bereich maßgeblich. Wenn es im Privatleben sehr viele Probleme gibt mit der Ehe oder Ähnliches, dann kann das zu einer großen Belastung werden.

Weitere Artikel

Was kann man dem Stress entgegensetzen?

Zur Stressbewältigung gibt es beispielsweise Seminare, wo man sich damit beschäftigen kann, wie kann ich Stress abbauen. Es funktioniert nicht, Stress zu 100 Prozent zu vermeiden. Wir sind alle in der Regel sehr gut stressgeprüft, wir müssen ja manchmal auch unter großem Druck arbeiten und darauf sind wir auch getestet. Es ist aber immer gut, wenn man weiß, wie man diesen Stress dann auch wieder loswird.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%