
Bequeme Schlafsessel, Daunendecken, feine Rotweine zu Menüs von Spitzenköchen und spannende Filme im Bordkino: So wollten die gut 800 Passagiere der Lufthansa-Flüge von Frankfurt nach Bangkok und Kapstadt die Nacht des 28. Juni verbringen.
Daraus wurde für viele eine Nacht in Deutschlands größtem Flughafen auf dem Fußboden oder in einer langen Reihe olivgrüner Feldbetten mit Wasserflaschen und Brötchen in Cellophanhülle. Der Weg in den Urlaub oder zum Geschäftstermin endete kurz vor dem Start auf dem Rollfeld. Die Flugzeuge fuhren zurück zum Terminal, wo die Reisenden unter teilweise tumultartigen Zuständen Gutscheine für Übernachtungen und Verpflegung bekamen. Die Polizei musste eingreifen.
Bild: dpaWilly Brandt-Flughafen Berlin
Beim weltweit jüngsten Pannenairport wird derzeit der fünfte neue Starttermin verhandelt. Die Liste der Mängel ist lang und reicht von mangelhaftem Brandschutz über zu kleine Check-in Schalter, falsch gepflanzte Bäume und nicht genehmigte Flugrouten.

Elefthérios Venizélos Flughafen, Athen
Zur Olympiade im Jahr 2004 wollte die griechische Regierung der Welt zeigen, dass sie trotz mangelnder Erfahrung nicht nur ein Ereignis wie die Spiele, sondern parallel auch noch ein anspruchsvolles Großprojekte mit fortschrittlicher EDV wie den Flughafen Elefthérios Venizélos hinbekommt. Doch als es ernst wurde, waren nicht nur die Zufahrtsstraßen nicht fertig. Es versagten auch die Computersysteme und wiesen verwirrten Passagieren statt der Flugsteige des neuen Airports die Gates des alten zu.
Bild: dpaSuvarnabhumi Flughafen, Bangkok
Bei seiner Eröffnung im September 2006 lief es beim Suvarnabhumi Flughafen zunächst ohne größere Probleme, gerade weil nicht auf einen Schlag alle Flüge vom alten Don Muang Airport verlegt wurden. Doch ab November zeigten sich die ersten Probleme. Weil beim Bau gepfuscht wurde, bekamen etwa die Landebahn Risse und die Fluggastbrücken funktionierten nicht richtig. Darum schloss der Flughafen im Januar 2007 teilweise und ein Teil der Flüge ging zurück nach Don Muang bis die Schäden behoben waren.
Bild: APDenver
Der Flughafen sollte ein Symbol werden für das Selbstbewusstsein des platten Mittleren Westen der USA werden und dem US-Bundesstaat Colorado helfen sein Provinz-Image abschütteln. Dazu zählte vor allem ein im Vergleich zu den heimischen Marktführern in New York oder Los Angeles besonders schnelles Drehkreuz mit kurzen Umsteigezeiten und einer flotten Gepäcksortieranlage. Leider war die so schnell, dass sie die Koffer verlor oder schredderte. Erst nach einem Jahr war das Problem gelöst. Und trotz der Verzögerung verlief der erste Tag turbulent, denn noch immer landeten Koffer auf dem falschen Abhol-Band und Passagiere warteten stundenlang auf ihr Gepäck.
Bild: APChek Lap Kok Airport, Hongkong
Dieser Flughafen ist nicht nur dank seiner aufwendigen Bauweise laut Guinnessbuch der Rekorde bis heute mit 15 Milliarden Euro Kosten der teuerste Flughafenneubau der Welt. Er gilt auch als besonders komfortabel. Mit kleinen Ausnahmen allerdings: In seinen Lounges holten sich nicht nur Reisende nasse Füße, weil sie die mannigfach verteilten Minibrunnen für feuchten Marmor hielten – und beherzt hinein traten. Auch die Check-in-Computer folgten eher dem Design als der Gewohnheit des Personals, so dass die Mitarbeiter mangels Routine so viel falsche Knöpfe drückten, bis das System das nicht mehr verkraftete. Und zu guter Letzt gab es dann noch menschliches Versagen. Ein Mitarbeiter des Frachtbereichs löschte dem Vernehmen nach eine wichtige Datei und kappte die Verbindung zwischen dem neuen Airport und den Servern auf dem alten namens Kai Tak. Darum musste der Frachtverkehr für mehrere Wochen wieder auf dem alten Airport starten und landen.
Bild: REUTERSKuala Lumpur
Dass zu viel Stolz gefährlich ist, zeigte 1998 der neue Flughafen der Hauptstadt Malaysias. Mit ihm wollte die Regierung Malaysias nicht nur den technisch besten Airport bauen und damit den Nachbarstaat Singapur ausstechen - der gilt nämlich in punkto Service als der beste der Welt. Der Landeplatz in KL, wie die Bewohner die malayische Hauptstadt nenne, sollte auch schneller fertig werden als der Konkurrent in Hongkong. Doch als der Airport 1998 öffnete, kollabierten EDV und Flugverkehr.
Bild: APParis: Charles de Gaulle
Die neue 900 Millionen Euro teure Sektion 2 E am Pariser Flughafen Charles de Gaulle steht für die wohl tragischste Neueröffnung eines Flughafenterminals. Dorst stürzte 2005 ein Jahr nach der Inbetriebnahme auf einer Fläche von 600 Quadratmetern das Dach ein. Die Trümmer töteten vier Reisende und verletzten drei weitere schwer. Grund war nicht allein Pfusch am Bau. Die Schäden waren bereits Wochen vorher sichtbar. Doch die zuständigen Bauingenieure hielten das Problem für nicht gravierend. Und trotz der 100 Millionen Euro teuren Nachbesserungen wirkt das Problem noch nach. Als im Winter 2010 eine dicke Schneedecke auf dem Dach lag, schloss der Flughafen den Unglücksteil vorsorglich.
Bild: APLondon Heathrow
Das neue Terminal 5 am Londoner Flughafen Heathrow gilt seit 2008 als Symbol für eine verkorkste Airporteröffnung. Der Neubau rangierte wochenlang am Rande des Kollaps – mit Tausenden gestrandeten Passagieren und Zigtausend verlorenen Koffern. Beim Terminal 5 in London-Heathrow etwa wollte Projektchef Bullock zeigen, wie schnell ein Investment von umgerechnet fünf Milliarden Euro Geld abwerfen kann und sparte sich in der Vorbereitung Teile der teuren Tests. Darum kamen die Beschäftigten zu spät zu ihren Arbeitsplätzen. Heathrow steht für eine der größten Blamagen Großbritanniens mit mindestens 30 Millionen Euro Mehrkosten. Der Flughafenchef verlor seinen Job.
Willy Brandt-Flughafen Berlin
Beim weltweit jüngsten Pannenairport wird derzeit der fünfte neue Starttermin verhandelt. Die Liste der Mängel ist lang und reicht von mangelhaftem Brandschutz über zu kleine Check-in Schalter, falsch gepflanzte Bäume und nicht genehmigte Flugrouten.
Das Feldlager am Flugsteig verdanken die Passagiere Bernhard Maßberg. Der sportliche Mann mit dem Kurzhaarschnitt wacht als Abteilungsleiter beim Hessischen Wirtschaftsministerium über das Nachtflugverbot, das die Flughafenanwohner seit Oktober von 23 Uhr abends bis 5 Uhr vor Fluglärm schützen soll. Weil die Lufthansa aber aus Sicht der Ministerialen trotz gewaltiger Unwetter die Verspätung hätte verhindern können, verboten sie den Flügen und neun weiteren den Start. Den gleichen Reiseabbruch in letzter Minute erlebten seit Oktober rund 20.000 Flugreisende in gut 120 verspäteten Flügen. „Sind wir eine Minute zu spät, knallt das Fallbeil runter“, klagt ein Pilot.
Damit beschert die hessische Regierung, der immerhin ein Drittel der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport gehört, Deutschlands größtem Airport Europas strengste Nachtflugregelung. Zwar gelten an den meisten Flughäfen von Amsterdam bis Zürich nächtliche Limits. Doch laut einer internen Übersicht des europäischen Flughafenverbandes ACI, die der WirtschaftsWoche vorliegt, dürfen selbst am strengen Flughafen London-Heathrow leise Flugzeuge wie der in Frankfurt gestoppt Superjumbo Airbus A380 rund um die Uhr fliegen. Zürich oder Hamburg haben zwar längere Sperrstunden als Frankfurt, aber liberalere Regelungen für Spätstarts. So brauchen Airlines in der ersten Stunde der Sperrzeit keine Zusatzerlaubnis. Oder sie bekommen sie sogar teilweise beim Flughafen selbst, statt wie in Frankfurt das Okay für jeden Verzug einzeln und per Fax beantragen zu müssen.
Nachtflugregelungen in Deutschland
Frankfurt
Das Startverbot für Passagierflugzeuge gilt in Frankfurt von 23.00 - 5.00 Uhr, nur Maschinen mit Sondergenehmigung dürfen in diesem Zeitraum noch starten.
Berlin-Tegel
In Tegel sind Starts zwischen 23.00 und 6.00 Uhr verboten, ab 0.00 Uhr darf mit Genehmigung gestartet werden.
Dresden
Am Dresdener Flughafen ist es zwischen 23.30 und 5.30 Uhr verboten zu starten, ab 0.00 Uhr kann mit einer Genehmigung gestartet werden.
Düsseldorf
Strenge Regelung in Düsseldorf, hier darf bereits ab 22.00 Uhr nicht mehr gestartet werden. Ohne entsprechende Erlaubnis sind Starts erst wieder ab 6.00 Uhr zulässig.
Hahn
Für den vornehmlich von Ryanair genutzten Flughafen gelten keinerlei Nachtflugregelungen - da hier leisere Flugzeuge zum Einsatz kommen.
Hamburg
Kulante Regelung in der Hansestadt: Hier darf zwischen 23.00 und 6.00 Uhr nicht gestartet werden, bis 0.00 Uhr sind Starts allerdings geduldet.
Hannover
In Hannover herrscht kein Nachtflugverbot. Auch hier werden vornehmlich leisere Maschinen eingesetzt.
Köln
In Köln gibt es derzeit noch kein Nachtflugverbot, allerdings wurden bereits Einschränkungen für den Passagierverkehr angekündigt.
Leipzig
In Leipzig darf zwischen 23.30 und 5.30 Uhr nicht gestartet werden. Es gibt jedoch bis 0.00 Uhr eine halbe Stunde in der Starts geduldet sind.
München
Am Flughafen der bayrischen Landeshauptstadt gilt ein Nachtflugverbot von 0.00 bis 5.00 Uhr, es wird indes weniger streng ausgelegt, da auch hier hauptsächlich leisere Maschinen verkehren.
Nürnberg
Für das Airport Nürnberg gelten keine Einschränkungen.
Stuttgart
Am Flughafen Stuttgart darf zwischen 23.00 und 6.00 Uhr nicht gestartet werden. Ausnahmen sind bis 0.00 Uhr, mit Genehmigung, möglich.
Pro Abbruch 500 000 Euro
Darum fordern Lufthansa, die Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport und die für die Luftüberwachung zuständige Deutsche Flugsicherung immer lauter eine Änderung. „Die jetzige Regelung ist nicht praktikabel und eine sehr gefährliche Entwicklung für uns“, klagt Kay Kratky, zuständiger Vorstand der Lufthansa für den Flughafen Frankfurt und die Flotte. Aus seiner Sicht müssen bis zu 30 Starts nach 23 Uhr möglich sein. Selbst Airlines, die noch keinen Flug stoppen mussten, sorgen sich. „Wir haben Bedenken, wenn die Regelung starr durchgesetzt wird“, sagt Kevin Knight, Chefplaner der Air-Berlin-Mutter Etihad aus Abu Dhabi höflich.
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