GDL legt die Arbeit nieder: Bahn-Streik trifft vor allem Pendler

GDL legt die Arbeit nieder: Bahn-Streik trifft vor allem Pendler

, aktualisiert 07. Oktober 2014, 18:18 Uhr

Die Lokführergewerkschaft macht wieder ernst und streikt neun Stunden lang. Die Bahn reagiert empört. Für Fahrgäste bedeutet das Ende des Ausstands am Morgen aber noch nicht das Ende der Probleme.

Bahnreisende müssen als Folge eines Lokführerstreiks bis Mittwochmittag mit Ausfällen und Verspätungen im bundesweiten Zugverkehr rechnen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte ihre Mitglieder aufgerufen, die Arbeit am Dienstagabend für neun Stunden niederzulegen. Fern- und Regionalzüge sollen ebenso stillstehen wie Güterzüge und die von der Deutschen Bahn betriebenen S-Bahnen.

Der Streik soll von Dienstag, 21.00 Uhr, bis Mittwoch, 6.00 Uhr dauern. Auch nach seinem Ende „werden wir erhebliche Störungen und Einschränkungen im Berufsverkehr haben“, sagte Bahn-Vorstand Ulrich Homburg am Dienstag. Die Beeinträchtigungen dürften „bis in die Mittagszeit reichen“.

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Was die GDL erreichen will

  • Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

    Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34 000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG (210 000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

  • Wen zählt die GDL außer den Lokführern noch zum Zugpersonal?

    Die GDL will die Verhandlungsmacht auch für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17 100 Mitarbeiter. Mit den rund 20 000 Lokführern bildet die GDL daraus die Gruppe „Zugpersonal“ mit 37 000 Mitarbeitern. In dieser Gruppe habe sie die Mehrheit der Mitglieder. Die EVG hält von der GDL vorgenommene Zusammenführung für willkürlich und bezweifelt deren Zahlenangaben.

  • Welche Gewerkschaft verhandelt denn nun für wen?

    Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: Einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

  • Und wie stark sind EVG und GDL bei der Deutschen Bahn?

    Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn beschäftigt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an, davon seien 2000 Beamte. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL. Schwieriger und umstritten ist es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte. Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehörten zum Zugpersonal. Davon seien 19.000 GDL-Mitglieder, das sei eine Mehrheit von 51 Prozent.

  • Welche Rolle spielt die Absicht der Bundesregierung, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen?

    Für die GDL ist das sehr bedeutsam. Denn ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

  • Warum hat sich die Koalition das Gesetz überhaupt vorgenommen?

    Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertrags-Vielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb - ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.

Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber forderte die Gewerkschaft auf, in dem Tarifkonflikt an den Verhandlungstisch zurückzukehren: „Die GDL ist am Zug.“ Das Unternehmen wisse gar nicht, was die GDL von ihm erwarte. „Lass uns doch darüber reden und nicht die Öffentlichkeit verrückt machen“, meinte Weber. „Streiks sind aus unserer Sicht überflüssig, verantwortungslos und ohne jedes Gespür für die derzeitige Situation.“

Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky beklagte im Gegenzug, dass die Bahn nicht auf die Forderungen seiner Organisation eingehe: „Man kann an dem Angebot klar die Zielrichtung der DB erkennen. Wir haben seit Monaten inhaltlich null Verhandlungen gehabt. Wir werden hingehalten und das Ziel ist eigentlich, Tarifeinheit herzustellen“, sagte der Gewerkschaftschef.

Fakten zur Deutschen Bahn

  • Beförderte Güter im Schienenverkehr

    Die Logistiksparte der Bahn transportierte Güter mit einem Gesamtgewicht von 189,9 Millionen Tonnen (ein Minus von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr).

  • Fahrgäste Bahnverkehr

    Fahrgäste Bahnverkehr im ersten Halbjahr in Deutschland: 1,001 Milliarden (Vorjahr: 991 Millionen). Davon waren 62,2 Millionen im Fernverkehr unterwegs (minus 0,5 Prozent).

  • Gewinn vor Zinsen und Steuern

    Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrug im ersten Halbjahr 2013 1,088 Milliarden Euro (1,018 Milliarden Euro im Vorjahr).

  • Halbjahresergebnis nach Steuern

    Halbjahresergebnis nach Steuern: 642 Millionen Euro (Vorjahr: 554 Millionen Euro).

  • Mitarbeiter

    Mitte Juni 2014 hatte der Staatskonzern etwa 296.900 Mitarbeiter, 0,4 Prozent mehr als zum selben Zeitpunkt 2013.

  • Umsatz

    Die Deutsche Bahn verbuchte im ersten Halbjahr 2014 einen Umsatz von 19,73 Milliarden Euro (19,37 Milliarden Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum).

Die Lokführer fordern unter anderem fünf Prozent mehr Geld und eine um zwei Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit. Verhandlungen darüber scheiterten aus einem anderen Grund: Die GDL will auch für das übrige Personal im Zug verhandeln, etwa für Zugbegleiter und Speisewagen-Mitarbeiter. Die Bahn lehnt das ab.

Die GDL konkurriert dabei mit der größeren der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). In der vergangenen Woche hatten 91 Prozent der GDL-Mitglieder in einer Urabstimmung für einen Arbeitskampf votiert.

Für die Nacht zum Mittwoch ist ein flächendeckender Streik geplant, regionale Schwerpunkte nannte die GDL nicht. „Wir wissen nicht, welche Züge bestreikt werden“, sagte Bahnmanager Ulrich Homburg. „Wir müssen davon ausgehen, dass wichtige Bahnhöfe bald mit bestreikten Zügen zugestellt sind.“ Die GDL hatte bereits Anfang September mit zwei dreistündigen Warnstreiks weite Teile des Bahnverkehrs lahmgelegt.

Zum Zeitraum des Ausstands bemerkte Homburg: „Wir finden es perfide, mit der Streikzeit zu suggerieren, dass man damit verantwortungsvoll umgehen möchte.“ Tatsächlich seien zu Streikbeginn um 21.00 Uhr noch mehr als 200 Fernverkehrszüge sowie mehrere tausend Nahverkehrszüge unterwegs. „Viele werden ihren Zielort nicht erreichen oder nur mit großer Verspätung.“

Sonderflugplan angekündigt Piloten-Streik bei Lufthansa Cargo

Bei der Fracht-Tochter der Lufthansa soll am Mittwoch und Donnerstag gestreikt werden. Die Piloten würden von Mittwoch, 3.00 Uhr, bis Donnerstag, 22.30 Uhr, die Arbeit niederlegen, teilte Cockpit mit.

Streik bei Lufthansa Cargo am Mittwoch und Donnerstag Quelle: dpa

Auch bei der Lufthansa hat die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) neue Streiks angekündigt, allerdings ausschließlich für Frachtflüge. Von Mittwochmorgen 3.00 Uhr bis Donnerstag 22.30 Uhr sollen keine Flüge von Lufthansa Cargo von deutschen Flughäfen starten. Die Lufthansa will die Aktion ins Leere laufen lassen. „Wir planen, alle Flüge trotz des Streikaufrufs durchzuführen“, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft in Frankfurt.

Weitere Artikel

In dem Tarifstreit geht es um die künftigen Übergangsrenten für 5400 Piloten und Co-Piloten der Fluggesellschaften Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings. Die Lufthansa will unter anderem erreichen, dass die Piloten frühestens mit 60 (bislang 55) Jahren in den bezahlten Vorruhestand gehen können. Bislang wurden im härtesten Ausstand der Lufthansa-Geschichte mehr als 4300 Flüge gestrichen, eine knappe halbe Million Fluggäste waren betroffen.

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