Germanwings-Absturz: "Trauerbekundungen via Twitter können als Kondolenzbuch dienen"

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InterviewGermanwings-Absturz: "Trauerbekundungen via Twitter können als Kondolenzbuch dienen"

Der Germanwings-Absturz löste in den sozialen Netzwerken binnen kürzester Zeit eine Welle der Anteilnahme aus. Internetsoziologe Stephan Humer erklärt, warum die Beileidsbekundungen auf Facebook, Twitter & Co. bei der Trauerbewältigung helfen können.

Früher wurde nach einer Katastrophe ein Kondolenzschreiben per Post an enge Freunde und Bekannte verschickt – heute senden völlig Fremde via Twitter, Facebook und Instagram ihre Beleidbekundungen innerhalb von Sekunden in die Welt. Führt das zu einer schnelleren Trauerbewältigung?

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Im ersten Moment ist das für die Angehörigen relativ uninteressant. Die haben ganz andere Probleme, als sich um die digitale Berichterstattung zu kümmern. Später wird das aber natürlich eine Rolle spielen. Die vielen Nachrichten auf Twitter und Co. dienen dann als eine Art Kondolenzbuch mit hunderttausenden Nachrichten. Das spendet Trost und ist für die Betroffenen deshalb wichtig.

Internetsoziologe Stephan Humer Quelle: Presse

Internetsoziologe Stephan Humer

Bild: Presse

Woher kommt das Bedürfnis, sich nach einer solchen Katastrophe mitzuteilen?

Ich unterstelle jetzt mal, dass die meisten Menschen einfach sehr geschockt sind und ihrem Mitgefühl mit den Opfern und den Angehörigen Ausdruck verleihen möchten. So ein Flugzeugabsturz bewegt einfach viele Menschen – schließlich ist jeder von uns schon einmal geflogen. Es spielt aber auch der Druck von außen eine Rolle: Die Menschen wissen, was gesellschaftlich erwünscht und vielleicht sogar erwartet wird und verhalten sich dementsprechend: "Die Freunde haben etwas zum Unglück gepostet, also mache ich es auch". Außerdem geht es auch ums Mitreden: Die Unglücksstelle in Frankreich ist zwar weit weg, aber wenn man sich auf Facebook in eine Diskussion einbringt, ist man involviert.

Zur Person

  • Stephan Humer

    Stephan Humer ist Diplom-Soziologe, Informatiker und Gründer des ersten Arbeitsbereichs Internetsoziologie in Deutschland an der Universität der Künste (UdK) Berlin.

Bleibt eine Katastrophe den Menschen heutzutage länger im Gedächtnis, weil sie online viel stärker verbreitet wird?

Ich glaube nicht. Für diejenigen, die nicht unmittelbar von dem Unglück betroffen sind, stehen nach zwei Wochen meist wieder andere Dinge im Vordergrund.

Und bei den Angehörigen?

Das ist etwas sehr individuelles: Manche empfinden die sozialen Netzwerke bei der Trauerbewältigung als hilfreich, andere wollen lieber nicht ständig mit ihrem Verlust konfrontiert werden.

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Das ist ein schwieriges Thema. Aus wissenschaftlicher Sicht würde ich sagen, dass man nicht immer aus jedem Ereignis etwas Großes machen sollte. Ansonsten besteht die Welt irgendwann nur noch aus Katastrophen. Normalität ist also sicherlich hilfreich.

Das hilft aber den direkt Betroffenen natürlich überhaupt nicht, die auf diesen Moment und dieses Erlebnis fixiert sind. Ich konnte das auch bei den Opfern von Schusswechseln, Autounfällen oder anderen Katastrophen vielfach beobachten. Es fällt aus moralischer Sicht schwer, in solchen Situationen darauf zu drängen, dass jetzt wieder Alltag herrscht.

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