Germanwings-Absturz: Wie die Untersuchung des Unglücks weitergeht

Germanwings-Absturz: Wie die Untersuchung des Unglücks weitergeht

, aktualisiert 28. März 2015, 10:13 Uhr
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In den französischen Alpen gehen die Ermittlungen an der Absturzstelle der Germanwings-Maschine weiter. Bergungskräfte durchsuchen das Gebiet auch mit Helikoptern.

von Andreas Menn

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine gibt es erste Antworten - und noch mehr Fragen. Die Arbeit der Helfer und Ermittler hat erst begonnen. So geht die Spurensuche im Falle des Flugs 4U9525 weiter.

Vier Tage nach dem Flugzeugunglück in den französischen Alpen stehen die Ermittler noch immer vor ungeklärten Fragen: Wo ist der Flugdatenschreiber, der die wichtigen Daten des Flugs und des Flugzeugs aufzeichnet? Was tat Co-Pilot Andreas L. in den letzten Minuten im Cockpit? Und warum flog er die Maschine, obwohl der für den Tag krankgeschrieben war?

Germanwings-Flug Airbus-Absturz bleibt weiter mysteriös

Nach dem Germanwings-Unglück suchen Bergungskräfte weiter nach dem zweiten Flugschreiber. Die Lufthansa zeigt sich nun überrascht von der Erkrankung des Co-Piloten, der für den Absturz verantwortlich sein soll.

huGO-BildID: 42769339 A rescue worker descends from a helicopter at the crash site near Seyne-les-Alpes, France, Thursday, March 26, 2015. The co-pilot of the Germanwings jet barricaded himself in the cockpit and ìintentionallyî rammed the plane full speed into the French Alps, ignoring the captainís frantic pounding on the cockpit door and the screams of terror from passengers, a prosecutor said Thursday. In a split second, he killed all 150 people aboard the plane. (AP Photo/Laurent Cipriani) Quelle: AP

Die Bergungsarbeiten und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in Frankreich und in Düsseldorf dürften in den kommenden Tagen weitere Erkenntnisse liefern. Welche Schritte die Behörden als nächstes unternehmen. 

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Die Opfer werden geborgen

Bevor die Helfer die Trümmer der Maschine aufsammeln, suchen sie die sterblichen Überreste der Passagiere. Laut einem Bericht des Deutschlandfunks haben die Helfer an der Absturzstelle in Südfrankreich am Mittwochabend mit der Arbeit begonnen. Um die Opfer zu identifizieren, vergleichen Experten DNA-Proben in einem Labor mit Proben der Verwandten, die an die Unglücksstelle gereist sind. Auch Fingerabdrücke und eine Analyse von Gebissen mit älteren Röntgenbildern können den Experten bei der Identifizierung der Opfer helfen.

Genauen Angaben zur Dauer der Bergungsarbeiten könne er nicht machen, erklärte ein Sprecher der Bergungsmannschaft und verwies auf die extrem schwierigen Bedingungen in dem schwer zugänglichen Gelände der Absturzregion. Er ließ offen, wie viele Einsatzkräfte dort derzeit arbeiten. Insgesamt seien rund 50 Experten mit Bergung und Analyse befasst, darunter auch ein Spezialist des Bundeskriminalamts. 

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

  • Der Flug

    Der Airbus A320 ist am Dienstag um 10.01 Uhr mit 150 Menschen an Bord in Barcelona gestartet. Kurz nach dem Erreichen der regulären Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (11,5 Kilometer) ging die Maschine ohne Hinweis an die französische Flugkontrolle oder ein Notsignal in einen schnellen Sinkflug über. Das Flugzeug zerschellte in den französischen Alpen. Die Maschine flog bis zum Aufprall, ohne dass es eine Explosion gab, wie die französische Untersuchungsbehörde BEA mitteilte.

  • Die Opfer

    An Bord der Maschine waren 150 Menschen, darunter nach jüngsten Informationen 72 Deutsche und 50 Spanier. Weitere Opfer stammen nach Angaben von Regierungen und Germanwings offenbar aus den USA, Großbritannien, Kasachstan, Argentinien, Australien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Japan, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Israel.

  • Die Unglücksstelle

    Die Germanwings-Maschine verunglückte in den französischen Alpen nahe der kleinen Ortschaft Seyne-les-Alpes. Die Bergung der Wrackteile ist schwierig. Das Gelände an der Unglücksstelle ist zerklüftet und nur schwer zugänglich. Weil die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auftraf, sind die Trümmerteile sehr klein und weit verstreut.

    Die Bergung der Opfer wurde am 31. März abgeschlossen. Das Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie erklärte, die eigentliche Identifizierung, also die Zuordnung zu den Vergleichsdaten der Angehörigen, könne zwei bis vier Monate dauern.

  • Die Blackbox

    Die Ermittler haben bereits auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber, dem Stimmrekorder, sichergestellt und ausgewertet. Laut der französischen Staatsanwaltschaft war zum Zeitpunkt des Absturzes nur der Co-Pilot im Cockpit. Der Stimmrekorder hat bis zuletzt Atemgeräusche im Cockpit aufgezeichnet, der Co-Pilot war also am Leben. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz brachte.

    Der zweite Flugschreiber, der detaillierte Flugdaten aufzeichnet, wurde bislang nicht gefunden.

  • Das Flugzeug

    Der Mittelstreckenflieger A320 hatte seinen Jungfernflug 1987 und wurde ein Jahr später erstmals von Airbus an Kunden ausgeliefert. Seither hat er sich in verschiedenen Varianten zum meistverkauften Passagierjet von Airbus entwickelt. Bis Ende Februar hatte der Hersteller von seiner absatzstärksten Modellfamilie knapp 6500 Maschinen an die Kunden überstellt.

    Die Unglücksmaschine war seit mehr als 24 Jahren im Einsatz, verfügte laut Auskunft der Lufthansa jedoch über neueste Technik und habe alle Sicherheitsanforderungen erfüllt. Noch einen Tag vor der Katastrophe sei der Flieger einem Routinecheck unterzogen worden.

  • Der Pilot

    Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs galt als erfahren. Er hatte seit mehr als zehn Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus hatte er mehr als 6000 Flugstunden absolviert.

    Zu den Geschehnissen im Cockpit der Germanwings-Maschine sagte der Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Es gab ein technisches Briefing zum weiteren Flugverlauf. Dann hat der Pilot dem Co-Piloten das Steuer überlassen.“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege (Pilot) hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

  • Der Co-Pilot

    Der Co-Pilot der Unglücksmaschine war seit 2013 bei der Lufthansa-Tochter beschäftigt. Zuvor hatte er seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren gab es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung, danach wurde die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

    Ermittler durchsuchten auf Bitte der französischen Justiz zwei Wohnungen des Co-Piloten. Dort wurde eine zerrissene Krankschreibung gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfasste. Der 27-Jährige war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung in psychotherapeutischer Behandlung.

    Quellen: dpa, reuters, sha, jre

Die Helfer suchen den Flugdatenschreiber

Er ist das Tagebuch des A320: Der Flugdatenschreiber, nach dem die Ermittler in den Bergen bei Barcelonette seit Tagen suchen. Die zerborstene Hülle des Geräts haben die Helfer bereits gefunden. Aber der Datenchip mit den Aufzeichnungen und der Peilsender, mit dem man den Flugschreiber bis zu zwei Kilometer weit orten kann, sind noch verschollen.

Das etwa 30 Zentimeter lange Gerät ist so stark gepanzert, dass es auch einen Absturz bei hoher Geschwindigkeit überstehen kann. Doch in diesem Fall scheint der Aufprall zu stark gewesen zu sein. Ziel der Bergungskräfte ist es, den Datenchip in den nächsten zwei Wochen zu finden. Wenn er noch intakt ist, können sie mehr als hundert Flugparameter daraus auslesen: Etwa wie hoch, schnell und in welchem Neigungswinkel der Jet geflogen ist, wie die Ruder und Klappen eingestellt waren und wie die Triebwerke gearbeitet haben.

Germanwings-Absturz „Im Zweifel entscheidet der Psychologe“

Warum ließ der Co-Pilot den Germanwings-Flug 4U9525 absichtlich abstürzen? Das Unglück rückt die Auswahl und Überprüfung des fliegenden Personals in den Blickpunkt. So laufen die Untersuchungen ab.

Während ihrer gesamten Berufslaufbahn müssen Piloten ihre Eignung immer wieder unter Beweis stellen. Quelle: dpa

Zuständig für die Analyse der Daten das französische Bureau d'Enquêtes et d'Analyses pour la Sécurité de l'Aviation civile, kurz Bea. Dessen Experten haben bereits den Stimmrekorder aus dem Cockpit gefunden und mit der Auswertung begonnen. Auf dem darin enthaltenen Tonband sollen das Atmen des Co-Piloten und ein Hämmern an der Cockpit-Tür zu hören sein.

Unterstützung erhalten die BEA-Experten von sechs Flugunfalluntersuchern der deutschen Bundestelle für Flugunfalluntersuchung mit Sitz in Braunschweig, die nach Frankreich beordert wurden.

Trümmerteile werden geborgen

Als nächstes werden die Bergungskräfte die Trümmerteile des A320 auflesen. Da das Flugzeug an einem steilen Hang aufgeprallt ist, wird die Arbeit mühselig. Einige Helfer müssen ihre Kollegen mit Seilen am Hang sichern. Dass die tausenden von Bruchstücken den Ermittlern aber noch viel verraten können, ist fraglich. Gewöhnlich interessieren sich die Spurensucher besonders für die Steuerinstrumente aus dem Cockpit und die Triebwerke. Doch Bildern von der Absturzstelle zufolge ist der Jet beim Aufprall in zahllose Teile zersplittert. 

Schrecklicher Verdacht: Co-Pilot flog absichtlich in den Tod

  • Absichtliche Abstürze in der Vergangenheit

    Suizide in der Luftfahrt sind selten, aber sie kommen vor. Im November 2013 kostete der Absturz einer Embraer-Maschine der Fluglinie Linhas Aéreas de Moçambique 33 Menschen das Leben. Laut der zuständigen Behörde in Namibia hatte der Co-Pilot das Cockpit kurz vor dem Unglück verlassen, um zur Toilette zu gehen. Der Pilot verriegelte daraufhin die Tür und steuerte das Flugzeug in Richtung Boden.  Eine Boeing 767 der EgyptAir stürzt im Oktober 1999 US-Staat Massachusetts. Nach einer Untersuchung der US-Flugsicherheitsbehörde schaltete der Co-Pilot von Flug 990 den Autopiloten aus und leitete den Sinkflug ein. 1997 ließ der Pilot eines SilkAir-Flugs von Jakarta nach Singapur seine Boeing 737 absichtlich in einen Fluss stürzen - 104 Menschen starben. Auch bei der seit einem Jahr verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine gilt die Selbsttötung eines der Piloten als eine der plausibelsten Unglücksursachen. 

  • Häufigkeit

    Laut einem offiziellen Report der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) aus dem vergangenen Jahr sind Selbsttötungen, die mit einem Flugzeug ausgeführt werden, „selten und ungewöhnlich“. Untersucht wurden 2758 tödliche Flugzeugunglücke auch kleinerer Maschinen in den USA, die sich zwischen 2003 und 2012 ereigneten. In acht Fällen gilt die Selbsttötung des Flugzeugkapitäns als Ursache. Sieben der Piloten waren bei dem Unglück allein an Bord.

  • Hintergründe der Piloten

    Alle Piloten, die ihre Maschinen abstürzen ließen, waren männlich und zwischen 21 und 68 Jahren alt. Als mögliche Motive für die Taten identifiziert der FAA-Bericht unter anderem Depressionen, Beziehungsprobleme und finanzielle Schwierigkeiten. Vier der Piloten wurden positiv auf Alkohol getestet. Zwei nahmen offenbar Antidepressiva.

Ermittlungen gegen den Co-Piloten

In Deutschland ermitteln die Behörden unterdessen im Umfeld des Co-Piloten Andreas L.. Der 27-Jährige war laut der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf am Tag des Absturzes krankgeschrieben und hätte nicht ins Cockpit steigen dürfen. Die Ermittler hätten in seinen Wohnungen in Düsseldorf und Montabaur "zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen" gefunden, heißt es in einem Schreiben der Ermittler. Und weiter: "Vernehmungen hierzu sowie die Auswertung von Behandlungsunterlagen werden noch einige Tage in Anspruch nehmen". Sobald belastbare Erkenntnisse vorlägen, werde man die Angehörigen und die Öffentlichkeit informieren.

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