Germanwings: Die Rätsel der Blackbox

ThemaLuftfahrt

Germanwings: Die Rätsel der Blackbox

, aktualisiert 25. März 2015, 19:38 Uhr
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Der stark beschädigte Stimmrekorder des verunglückten Germanwings-Flugzeugs.

von Stephan Happel und Jana Reiblein

Was geschah an Bord des Germanwings-Flugs 4U9525? Eine Analyse des ersten gefundenen Flugschreibers soll Licht ins Dunkel bringen. Doch bei der Auswertung gibt es Probleme.

Was in den letzten acht Minuten vor dem Absturz der Germanwings-Maschine passierte, ist weiter unklar. In jenen acht Minuten, in denen der A320 fast 10.000 Meter an Höhe verlor. An deren Ende 150 Menschen starben.

Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz der französischen Untersuchungsbehörde BEA konnte am Mittwochnachmittag nur wenig Licht ins Dunkel bringen. Allerdings gab die Behörde bekannt, dass sie auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber sicherstellen konnte.

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Warum Flugschreiber so wichtig sind

  • Der Flugdatenschreiber

    Der Flugdatenschreiber wird trotzt seiner orangenen Signalfarbe häufig Blackbox genannt. Er wird seit wird seit der Mitte der 50er Jahre in alle Flugzeuge eingebaut und zeichnet die relevante Flugdaten auf – darunter Kurs, Geschwindigkeit, Flughöhe und Neigungswinkel der Maschine. Die GPS-Daten ermöglichen die Rekonstruktion des Unglücks, wenn von der stationären Luftüberwachung am Boden nur unzureichenden oder gar keine Daten gibt.

  • Der Stimmenrekorder

    Der Voice Recorder (CVR) zeichnet während des Flugs Geräusche und Gespräche im Cockpit auf. Die Auswertung dieser Daten kann helfen, die letzten Minuten im Cockpit zu rekonstruieren. Im Falle der abgestürzten Germanwings-Maschine könnten die Informationen wichtige Hinweise liefern. Denn obwohl sich der Flieger minutenlang im Sinkflug befand, meldeten sich die Piloten offenbar nicht bei der Luftüberwachung.

  • Bauweise und Technik

    Das Gehäuse der Flugeschreiber ist gebaut, um auch Abstürze aus großer Höhe zu überstehen. Es hält zudem starken Wasserdruck in der Meerestiefe und hohen Temperaturen stand. Damit die Box auch nach langer Zeit geortet werden kann, gibt sie über Monate ein Positionssignal ab.

  • Die Untersuchung

    In Deutschland ist die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig für die Auswertung zuständig. Dort gibt es ein Avionik-Labor, in dem Flugdatenschreiber nach Angaben von BFU-Pressesprecher Germout Freitag zur Auswertung an spezielle Computer angeschlossen werden können.

Der sogenannte Stimmenrekorder, der Geräusche und Gespräche im Cockpit aufzeichnet, war bereits am Dienstag geborgen worden. Beim Auslesen der Daten habe es zwar massive Probleme gegeben, wie BEA-Direktor Rémi Jouty mitteilte. Nun aber läge eine nutzbare Audiodatei von der gesamten Flugdauer bis zum Absturz vor. In ihrem letzten Kontakt hätten die Piloten des Airbus A320 eine Routine-Mitteilung gemacht.

Suche nach dem Flugschreiber

Dazu, was genau in der Aufzeichnung zu hören ist und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, wollte der BEA-Direktor keine Auskünfte geben. Es sei eine sorgfältige Analyse nötig, um die Stimmen und Geräusche auszuwerten und zum Flugverlauf in Beziehung zu setzen.

Vorrang vor der weiteren Auswertung hat aber jetzt vor allem die Suche nach dem zweiten Flugschreiber, der relevante Flugdaten wie Geschwindigkeit, Kurs, Flughöhe und Neigungswinkel der Maschine misst. Die Suche nach dem Flugschreiber gestaltet sich in dem zerklüfteten Absturzgebiet schwierig. Zumal der A320 mit hoher Geschwindigkeit in dem Bergmassiv aufschlug und die Trümmerteile weit verstreut sind.

Germanwings-Absturz Merkel: "Es ist eine wahre Tragödie"

Die Audiodatei des Stimmrekorders ist gesichert - eine Analyse steht aber noch aus. Die Unglücksursache bleibt damit einen Tag nach dem Germanwings-Absturz rätselhaft. Kanzlerin Angela Merkel dankte den Einsatzkräften.

Quelle: REUTERS

Wie Frankreichs Präsident François Hollande auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel und dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy am Mittwochnachmittag mitteilte, haben die Bergungskräfte zwar den Behälter des Flugdatenschreibers gefunden, die sogenannte Blackbox selbst aber nicht. Die amerikanische "New York Times" berichtet, dass die Blackbox zwar gefunden sei, die Speicherkarte mit den Daten aber nicht.

Der Fund der Blackbox ist für die Ermittlungen jedoch von großer Bedeutung. Erst wenn die genauen Flugparameter ausgewertet und zu den Ereignissen im Cockpit in Verbindung gesetzt werden können, lassen sich für die Experten genaue Rückschlüsse auf den Unfallhergang ziehen.

Die Auswertung der Daten selbst kann mehrere Tage dauern, wie BEA-Direktor Jouty erklärte. Dies deckt sich mit den Informationen der WirtschaftsWoche aus Industriekreisen. Demnach sollen erste Ergebnisse der Datenanalyse frühestens zum Wochenende vorliegen - abhängig vom schnellen Fund des Flugdatenschreibers.

Weil gesicherte Informationen fehlen, mehren sich die Spekulationen. Darüber, ob ein Druckabfall in der Kabine die Germanwings-Maschine zum Sinkflug zwang. Darüber, dass die Piloten ohnmächtig gewesen sein könnten. Darüber, dass das 25 Jahre alte Flugzeug zu alt, zu fehleranfällig war.

"Keine Explosion"

Zu den Gerüchten nahm der BEA-Direktor Jouty nicht Stellung: „Zu diesem Zeitpunkt kann man keine Hypothese festlegen.“ An Spekulationen wolle er sich nicht beteiligen. Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Sinkflug des A320 aber kontrolliert und gleichmäßig erfolgt. Dies könne allerdings sowohl durch den Einsatz des Autopiloten als auch die Steuerung durch einen Piloten erklärt werden. Vor dem Absturz der Germanwings-Maschine hat es keine Explosion gegeben. "Das Flugzeug ist bis zum Schluss geflogen", so Jouty.

Germanwings-Absturz "Trauerbekundungen via Twitter können als Kondolenzbuch dienen"

Der Germanwings-Absturz löste in den sozialen Netzwerken eine Welle der Anteilnahme aus. Internetsoziologe Stephan Humer erklärt, warum die Beileidsbekundungen bei der Trauerbewältigung helfen können.

Kerzen, Blumen und Beileidsbekundungen für die Opfer des abgestürzten Germanwings-Fluges 4U 9525. Quelle: dpa

Während die Ermittler der französischen Luftfahrtbehörde auch mit deutscher Unterstützung und unter Beteiligung von Airbus, Germanwings und Lufthansa an der Klärung des Unfallhergangs arbeiten, reisten zahlreiche Politiker in die Unglücksregion, um ihr Beileid zu bekunden und ihre Unterstützung zuzusichern.

Angela Merkel und Frankreichs Staatsoberhaupt Hollande, die sich vor Ort ein Bild machten, bezeichneten den Absturz beide als ein "fürchterliches Ereignis". Das französische Volk stünde nun an der Seite aller Nationen, die Opfer zu beklagen haben, so Hollande. Es werde alles getan, um die Leichen zu bergen und die Opfer zu identifizieren. Merkel bedankte sich für die "beispiellose Hilfsbereitschaft" vor Ort.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach in einer Pressekonferenz in Barcelona am Mittwochabend erneut von der „dunkelsten Stunde“ der Lufthansa und drückte sein Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer aus. Zuvor habe er sich mit den Hinterbliebenen getroffen. Man habe „das Bestmögliche getan, um sie in ihrem Schmerz nicht allein zu lassen“. Spohr kündigte an, dass am Donnerstagmorgen um 8.45 Uhr ein Sonderflug die Hinterbliebenen in Spanien von Barcelona nach Marseille bringen soll. Vor Ort sollen sie weiter psychologisch betreut werden.

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2 Kommentare zu Germanwings: Die Rätsel der Blackbox

  • Warum ist die Germanwings-Maschine in den französischen Alpen zerschellt? Wenn Flugzeuge abstürzen, sollen Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder bei der Rekonstruktion der Ereignisse helfen – wenn sie denn auffindbar und intakt sind. In Fall der 4U9525 stehen die Chancen gut, dass die Ermittler zumindest einen Teil der Daten auswerten können: Die Blackbox mit den Aufzeichnungen aus dem Cockpit ist gefunden worden, trotz Beschädigungen sind die Aufnahmen vermutlich intakt. Vom zweiten Gerät haben die Bergungskräfte bisher nur die Hülle gefunden

  • Fälltin Chinaein Sack Reis um, interessiert das den Menschen wenig. Anders verhält es sich, wenn dieser Sack Reis in der eigenen Küche umkippt. Nähe ist ein wichtiges journalistisches Kriterium. Wem das nicht behagt, der darf sich gerne mit neuseeländischer Kommunalpolitik beschäftigen.
    Trotzdem wird derzeit in sozialen Netzwerken guten Gewissens darüber geklagt, wie deutsche Medien mit der Katastrophe von Flug 4U 9525 umgehen. Warum eine ARD-Sondersendung zu diesem Thema unbedingt „Brennpunkt“ heißen muss. Warum bei „Maischberger“ die Gäste wilde Vermutungen ventilieren. Geduldig erklärte die taz ihren begriffsstutzigeren LeserInnen auf Seite 1, dass ihre Berichterstattung zu dem Unglück „weder mit überbordendem Nationalismus noch mit internationaler Ignoranz zu tun habe“.
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    In Anlehnung an Sigmund Freud („Der Verlust der Scham ist das erste Zeichen von Schwachsinn“) kommentierte am Mittwoch der ehemalige Titanic-Chefredakteur Leo Fischer: „Der Verlust der Scham ist der Anfang allen Journalismus.“

    So ist es, und das hat seinen Grund. Ganze Gesellschaften werden über Erregungen reguliert, verabreicht in Nachrichtenform. Journalismus ist meistenteils eben alles andere als ein Werkzeug zur Weltdeutung. Sondern ein permanent erneuertes Angebot, sich über Fußballergebnisse oder allgemeine Wetterlagen zu erregen. Und je größer die Erregung, desto geringer die Scham.
    Schamlos glotzend am Fenster

    Derzeit kursiert im Internet eine Liste mit „10 Dingen, die wir nach einer Flugzeugkatastrophe nicht sehen/hören/lesen wollen“, darunter „Berichte von der Unfallstelle“ oder „Wilde Ursachenforschung“. Klar wäre es fein, wenn der Mensch nicht der affektgesteuerte Affe wäre, der er nun einmal ist. Weshalb es ihm vielleicht noch möglich ist, das erste auf der Straße vorbeirasende Feuerwehrauto vornehm zu ignorieren. Folgt aber ein ganzer Konvoi, steht er bald ebenso erregt und schamlos glotzend am Fenster wie die Nachbarn.

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