Germanwings: Lufthansa-Chef Spohr: "Wir sind fassungslos"

Germanwings: Lufthansa-Chef Spohr: "Wir sind fassungslos"

, aktualisiert 26. März 2015, 18:45 Uhr
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Ein Blick auf den Stimmrekorder des verunglückten Germanwings-Flugs

von Jana Reiblein und Stephan Happel

Nach offiziellen Angaben war der Co-Pilot allein im Cockpit, als die Germanwings-Maschine in die französischen Alpen stürzte. Dass der Deutsche den Sinkflug bewusst eingeleitet haben soll, bezeichnete Lufthansa-Chef Carsten Spohr als kaum vorstellbare Katastrophe.

Zum Zeitpunkt des Absturzes des Germanwings-Jets in den französischen Alpen hat sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf nur der Co-Pilot im Cockpit des Airbus aufgehalten.

Dies gaben die französischen Ermittler am Donnerstag auf einer offiziellen Pressekonferenz bekannt. Wie Brice Robin von der französischen Staatsanwaltschaft erklärte, ergibt sich aus der Auswertung der Stimmrekorderdaten ein genaueres Bild von den letzten Minuten an Bord des A320, bei dessen Absturz am Dienstag 150 Menschen starben.

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Die Audiodaten bilden die letzten 30 Minuten des Flugs ab. In den ersten 20 Minuten unterhalten sich die Piloten laut Staatsanwaltschaft normal. In den letzten zehn Minuten höre man die Vorbereitungen auf den Landeanflug. Der Co-Pilot habe dann nur noch "lakonisch" und einsilbig geantwortet, so Robin. Daraufhin sei zu hören, wie der Pilot den Copilot bittet, das Steuer zu übernehmen, seinen Sitz zurückschiebt und die Kabine verlässt.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

  • Der Flug

    Der Airbus A320 ist am Dienstag um 10.01 Uhr mit 150 Menschen an Bord in Barcelona gestartet. Kurz nach dem Erreichen der regulären Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (11,5 Kilometer) ging die Maschine ohne Hinweis an die französische Flugkontrolle oder ein Notsignal in einen schnellen Sinkflug über. Das Flugzeug zerschellte in den französischen Alpen. Die Maschine flog bis zum Aufprall, ohne dass es eine Explosion gab, wie die französische Untersuchungsbehörde BEA mitteilte.

  • Die Opfer

    An Bord der Maschine waren 150 Menschen, darunter nach jüngsten Informationen 72 Deutsche und 50 Spanier. Weitere Opfer stammen nach Angaben von Regierungen und Germanwings offenbar aus den USA, Großbritannien, Kasachstan, Argentinien, Australien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Japan, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Israel.

  • Die Unglücksstelle

    Die Germanwings-Maschine verunglückte in den französischen Alpen nahe der kleinen Ortschaft Seyne-les-Alpes. Die Bergung der Wrackteile ist schwierig. Das Gelände an der Unglücksstelle ist zerklüftet und nur schwer zugänglich. Weil die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auftraf, sind die Trümmerteile sehr klein und weit verstreut.

    Die Bergung der Opfer wurde am 31. März abgeschlossen. Das Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie erklärte, die eigentliche Identifizierung, also die Zuordnung zu den Vergleichsdaten der Angehörigen, könne zwei bis vier Monate dauern.

  • Die Blackbox

    Die Ermittler haben bereits auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber, dem Stimmrekorder, sichergestellt und ausgewertet. Laut der französischen Staatsanwaltschaft war zum Zeitpunkt des Absturzes nur der Co-Pilot im Cockpit. Der Stimmrekorder hat bis zuletzt Atemgeräusche im Cockpit aufgezeichnet, der Co-Pilot war also am Leben. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz brachte.

    Der zweite Flugschreiber, der detaillierte Flugdaten aufzeichnet, wurde bislang nicht gefunden.

  • Das Flugzeug

    Der Mittelstreckenflieger A320 hatte seinen Jungfernflug 1987 und wurde ein Jahr später erstmals von Airbus an Kunden ausgeliefert. Seither hat er sich in verschiedenen Varianten zum meistverkauften Passagierjet von Airbus entwickelt. Bis Ende Februar hatte der Hersteller von seiner absatzstärksten Modellfamilie knapp 6500 Maschinen an die Kunden überstellt.

    Die Unglücksmaschine war seit mehr als 24 Jahren im Einsatz, verfügte laut Auskunft der Lufthansa jedoch über neueste Technik und habe alle Sicherheitsanforderungen erfüllt. Noch einen Tag vor der Katastrophe sei der Flieger einem Routinecheck unterzogen worden.

  • Der Pilot

    Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs galt als erfahren. Er hatte seit mehr als zehn Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus hatte er mehr als 6000 Flugstunden absolviert.

    Zu den Geschehnissen im Cockpit der Germanwings-Maschine sagte der Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Es gab ein technisches Briefing zum weiteren Flugverlauf. Dann hat der Pilot dem Co-Piloten das Steuer überlassen.“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege (Pilot) hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

  • Der Co-Pilot

    Der Co-Pilot der Unglücksmaschine war seit 2013 bei der Lufthansa-Tochter beschäftigt. Zuvor hatte er seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren gab es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung, danach wurde die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

    Ermittler durchsuchten auf Bitte der französischen Justiz zwei Wohnungen des Co-Piloten. Dort wurde eine zerrissene Krankschreibung gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfasste. Der 27-Jährige war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung in psychotherapeutischer Behandlung.

    Quellen: dpa, reuters, sha, jre

Danach war der Co-Pilot allein im Cockpit.

Laut Staatsanwaltschaft manipulierte der 28-Jährige deutscher Herkunft dann die Flugsysteme, um den Sinkflug einzuleiten. "Das kann nur eine bewusste Handlung gewesen sein", betonte der Ermittler.

Co-Pilot sprach kein Wort mehr

Auf Ansprache des Flugkapitäns, der nach dem Verlassen des Cockpits ausgesperrt war, reagierte der Co-Pilot anschließend ebenso wenig, wie auf Schläge und Tritte gegen die Kabinentür. Auch die Fluglotsen bekamen keine Reaktion. Von dem Flugzeug selbst sei zu keinem Zeitpunkt ein Mayday-Signal abgesetzt worden.

Schrecklicher Verdacht: Co-Pilot flog absichtlich in den Tod

  • Absichtliche Abstürze in der Vergangenheit

    Suizide in der Luftfahrt sind selten, aber sie kommen vor. Im November 2013 kostete der Absturz einer Embraer-Maschine der Fluglinie Linhas Aéreas de Moçambique 33 Menschen das Leben. Laut der zuständigen Behörde in Namibia hatte der Co-Pilot das Cockpit kurz vor dem Unglück verlassen, um zur Toilette zu gehen. Der Pilot verriegelte daraufhin die Tür und steuerte das Flugzeug in Richtung Boden.  Eine Boeing 767 der EgyptAir stürzt im Oktober 1999 US-Staat Massachusetts. Nach einer Untersuchung der US-Flugsicherheitsbehörde schaltete der Co-Pilot von Flug 990 den Autopiloten aus und leitete den Sinkflug ein. 1997 ließ der Pilot eines SilkAir-Flugs von Jakarta nach Singapur seine Boeing 737 absichtlich in einen Fluss stürzen - 104 Menschen starben. Auch bei der seit einem Jahr verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine gilt die Selbsttötung eines der Piloten als eine der plausibelsten Unglücksursachen. 

  • Häufigkeit

    Laut einem offiziellen Report der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) aus dem vergangenen Jahr sind Selbsttötungen, die mit einem Flugzeug ausgeführt werden, „selten und ungewöhnlich“. Untersucht wurden 2758 tödliche Flugzeugunglücke auch kleinerer Maschinen in den USA, die sich zwischen 2003 und 2012 ereigneten. In acht Fällen gilt die Selbsttötung des Flugzeugkapitäns als Ursache. Sieben der Piloten waren bei dem Unglück allein an Bord.

  • Hintergründe der Piloten

    Alle Piloten, die ihre Maschinen abstürzen ließen, waren männlich und zwischen 21 und 68 Jahren alt. Als mögliche Motive für die Taten identifiziert der FAA-Bericht unter anderem Depressionen, Beziehungsprobleme und finanzielle Schwierigkeiten. Vier der Piloten wurden positiv auf Alkohol getestet. Zwei nahmen offenbar Antidepressiva.

Kurz vor dem Ende der Aufzeichnung seien auch Schreie der Passagiere zu hören gewesen. In dem Moment wo die Fluggäste begriffen, was vor sich ging, traf die Maschine auf, so Brice Robin.

"Willentliche Tötung"

Weil während der gesamten Aufzeichnung gleichmäßiges, normales Atmen zu hören ist, geht die Staatsanwaltschaft derzeit nicht davon aus, dass der Co-Pilot ohnmächtig war.

Nach Meinung der Ermittler ist die wahrscheinlichste Interpretation der bisher bekannten Fakten, dass sich der Copilot bewusst weigerte, den Piloten wieder in das Cockpit zu lassen. Er habe bewusst den Sinkflug eingeleitet und somit den Absturz verursacht. Das Verhalten des Copiloten könne man so werten, dass er den Willen gehabt habe, das Flugzeug zu zerstören, sagte der Staatsanwalt. Die Behörden ermittelten nun nicht mehr wegen Totschlages, sondern gingen von "willentlicher Tötung" aus.

Flug 4U9525 Wie sich ein Pilot im A320 einsperren kann

Die Cockpit-Tür in einem A320 ist eine wichtige Barriere. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde sie umgebaut, so dass sie sich nicht ohne Weiteres von außen öffnen lässt. Wie die Tür funktioniert.

Blick in ein Cockpit eines A320 Quelle: REUTERS

Deutlich erklärte Robin: "Wenn man 149 Menschen mit in den Tod reißt, ist das eigentlich kein Selbstmord."

Spohr: "Unsere schlimmsten Albträume"

Die Motive für die Tat seien bislang völlig unklar. Die Spekulationen über einen terroristischen Anschlag wies Robin zurück.

Man versuche derzeit, Informationen über den Hintergrund des Copiloten zu erlangen. Er sei nirgendwo als Terrorist verdächtigt gewesen, betonte Robin. Er sei zudem ausreichend ausgebildet gewesen, um das Flugzeug allein zu fliegen. Der Mann arbeitete laut Robin erst seit wenigen Monaten für Germanwings.

So streng werden Flugzeuge auf Sicherheit geprüft

  • Wartung und Sicherheitsprüfung von Verkehrsflugzeugen

    Verkehrsflugzeuge werden regelmäßig intensiv auf ihre technische Sicherheit überprüft, gewartet und überholt. Grundlage dafür sind gesetzliche Bestimmungen, Vorschriften der Behörden für Flugsicherheit, Garantiebedingungen der Flugzeughersteller und interne Regelungen der Fluggesellschaften selbst. Die Flugzeuge von Germanwings werden von Lufthansa Technik gewartet, einer der weltweit führenden Gesellschaften für technische Dienstleistungen an Flugzeugen. Es bestehe ein umfassender Wartungsvertrag.

    Quelle: dpa

  • A-Check

    Alle 350 bis 750 Flugstunden muss ein Flugzeug zum A-Check. Er umfasst neben den allgemeinen Kontrollen im Inneren und an der Flugzeughülle weitere Service-Checks sowie Triebwerks- und Funktionskontrollen.

  • C-Check

    Detaillierter ist die Wartung des Flugzeuges beim C-Check. Er umfasst gründliche Kontrollen innen und außen sowie eine intensive Überprüfung von Strukturen (tragende Bauteile an Rumpf und Tragflächen) und Funktionen. Dabei suchen die Techniker zum Beispiel mit Ultraschallverfahren Risse in kritischen Bauteilen. Für den C-Check bleibt ein Flugzeug bis zu fünf Tage in der Wartungshalle. Der letzte C-Check für das Unfallflugzeug war im Sommer 2013.

  • IL-Check

    Zwei bis vier Wochen dauert der IL-Check (Intermediate Layover Check) alle drei bis fünf Jahre. Dazu werden Großbauteile wie Landeklappen demontiert, um einen einfacheren Zugang zur Kontrolle der Rumpf- und Flügelstruktur zu erhalten. Parallel testen die Techniker zahlreiche Geräte und Systeme und reparieren sie bei Bedarf. Die Kabinenbauteile wie beispielsweise Sitze, Küchen oder Toiletten werden zudem komplett überholt und das Flugzeug gegebenenfalls neu lackiert.

  • D-Check

    Beim D-Check wird die Maschine ungefähr alle zehn Jahre völlig auseinandergenommen und Teil für Teil gründlich untersucht. Dabei werden Ultraschall- und Wirbelstromsonden eingesetzt. Diese Prüfungen decken Materialermüdung, Haarrisse oder sonstige Schäden auf. Wenn das Flugzeug nach rund vier Wochen das Dock wieder verlässt, ist nicht nur alles repariert oder ausgetauscht, was abnutzen kann. Vielmehr werden auch die vom Hersteller in den vergangenen Jahren herausgebrachten Produktverbesserungen bei Technik und Passagierkomfort eingebaut. Ein D-Check bedeutet 30.000 bis 50.000 Arbeitsstunden.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte auf einer Pressekonferenz am Nachmittag: "In unseren schlimmsten Albträumen hätten wir uns nicht vorstellen können, dass sich eine solche Tragödie bei uns im Konzern ereignen kann." Er wirkte sichtlich erschüttert. Die Katastrophe sei für die Lufthansa "nicht vorstellbar" gewesen. Es handele sich um das "schlimmste Ereignis in der Geschichte des Konzerns".

Der Co-Pilot habe alle erforderlichen Checks, zu denen auch psychologische Untersuchungen gehören, ohne Einschränkung bestanden. Seine Leistungen seien einwandfrei und ohne jede Auffälligkeit gewesen, erläuterte Spohr. Die Auswahlverfahren seien seit Jahrzehnten erprobt.

Der Co-Pilot hatte seine Ausbildung 2008 begonnen, allerdings zwischenzeitlich für einige Monate unterbrochen. Vor der Wiederaufnahme habe er erneut alle Tests und gesundheitlichen Checks absolviert. Auf die Gründe für die Ausbildungsunterbrechung angesprochen erwiderte Spohr, er dürfe dazu keine Auskunft geben. Seit 2013 arbeitete der Mann als Co-Pilot in A320-Maschinen.

Germanwings-Unglück Co-Pilot allein im Cockpit: In den USA undenkbar

In den USA wundern sich Experten über den Ablauf der Germanwings-Tragödie. Ein solcher Fall wäre dort wegen strengerer Vorschriften weitgehend ausgeschlossen. Die Lufthansa sieht keinen Bedarf für schärfere Vorschriften.

Ein Blick in ein Cockpit eines Airbus 320 Quelle: REUTERS

Wie die französischen Ermittler betonte Spohr, dass es bislang keinerlei Erkenntnisse über die möglichen Motive für die Tat gebe. Er sprach zudem den Piloten des Konzerns sein absolutes Vertrauen aus. Der Lufthansa-Chef betonte, dass "ein solches tragisches Einzelereignis" sich niemals ausschließen lasse.

Weitere Artikel

Zur Tür vor dem Cockpit erklärte Spohr, für Notfälle gebe es einen speziellen Code, der jedem von der Crew bekannt sei, und ein Klingelzeichen. Der Kollege, der sich im Cockpit befindet, kann dann aber die Türöffnung noch durch Umstellen eines Schalters verhindern. Dann seit die Tür für fünf Minuten verschlossen.

Am Donnerstagnachmittag wurde bekannt, dass die norwegische Airline Norwegian künftig die Regel einführen will, dass immer zwei Menschen im Cockpit sein müssen. In den USA ist dies bereits Pflicht, in anderen Ländern bislang nicht.

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