Germanwings-Unglück: Co-Pilot allein im Cockpit: In den USA undenkbar

Germanwings-Unglück: Co-Pilot allein im Cockpit: In den USA undenkbar

, aktualisiert 26. März 2015, 17:08 Uhr
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Ein Blick in ein Cockpit eines Airbus 320

von Martin Seiwert

In den USA wundern sich Luftfahrtexperten über den Ablauf der Germanwings-Tragödie. Ein ähnlicher Fall wäre dort aufgrund strengerer Vorschriften weitgehend ausgeschlossen. Die Lufthansa sieht jedoch keinen Bedarf für schärfere Vorschriften.

Der offenbar vom Co-Piloten bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine macht Unterschiede in den weltweiten Flugsicherheitsregularien deutlich. In den USA könnte sich eine solche Tragödie wohl nicht ereignen, denn dort sehen die Regularien vor, dass ein Flugbegleiter ins Cockpit geht, wenn der Pilot oder der Co-Pilot es verlassen müssen. So soll vermieden werden, dass eine Person allein im Cockpit ist und dort bewusst - oder unbewusst, etwa wegen eines medizinischen Notfalls – das Flugzeug in Gefahr bringt.

“Auf US-Flügen sieht man häufig”, so der australische Luftfahrtexperte Neil Handsford, “dass ein Flugbegleiter den Sitz eines abwesenden Piloten einnimmt und die Tür schließt oder den Zugang zum Cockpit mit einem Koffer blockiert. Der Luftfahrtexperte des US-Senders CNN bestätigt, dass auf Flügen von amerikanischen Airlines ein abwesender Pilot stets durch einen Flugbegleiter ersetzt werden müsse. In anderen Ländern, etwa in Europa, sei dies jedoch bislang nicht vorgeschrieben. "In Amerika ist es so, dass, wenn ein Pilot das Cockpit verlässt, ein anderes Crewmitglied ins Cockpit muss. Bei uns ist das nicht so," bestätigte auch Spohr. Er sehe nicht die Notwendigkeit, das zu ändern. Es handle sich hier um einen Einzelfall.

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Flug 4U9525 Wie sich ein Pilot im A320 einsperren kann

Die Cockpit-Tür in einem A320 ist eine wichtige Barriere. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde sie umgebaut, so dass sie sich nicht ohne Weiteres von außen öffnen lässt. Wie die Tür funktioniert.

Blick in ein Cockpit eines A320 Quelle: REUTERS

In Europa will eine erste Fluglinie das amerikanische System aufgreifen: So soll es den Piloten bei der Fluggesellschaft Norwegian künftig nicht mehr erlaubt sein, allein im Cockpit zu bleiben. „Ab sofort müssen immer zwei Leute im Cockpit sein“, sagte eine Sprecherin der norwegischen Fluglinie am Donnerstag. „Das bedeutet, dass wenn einer der Piloten das Cockpit verlässt, etwa um auf Toilette zu gehen, eines der Crewmitglieder ins Cockpit gehen muss.“

Frühere Abstürze lassen die US-Regelung sinnvoll erscheinen. 2013 stürzte eine Embraer 190 der Fluggesellschaft Linhas Aéreas de Moçambique (LAM) in Namibia ab und riss 33 Menschen in den Tod. Ursache war offenbar ein „Suizid“ des Piloten. Auch der Absturz eines Egypt Air-Fluges von New York nach Kairo im Jahr 1999, bei dem 217 Menschen starben, geht offenbar auf einen „Suizid“ des Co-Piloten zurück. Auch in diesem Fall gelang es dem Piloten nicht, ins Cockpit zurückzukehren.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

  • Der Flug

    Der Airbus A320 ist am Dienstag um 10.01 Uhr mit 150 Menschen an Bord in Barcelona gestartet. Kurz nach dem Erreichen der regulären Reiseflughöhe von 38.000 Fuß (11,5 Kilometer) ging die Maschine ohne Hinweis an die französische Flugkontrolle oder ein Notsignal in einen schnellen Sinkflug über. Das Flugzeug zerschellte in den französischen Alpen. Die Maschine flog bis zum Aufprall, ohne dass es eine Explosion gab, wie die französische Untersuchungsbehörde BEA mitteilte.

  • Die Opfer

    An Bord der Maschine waren 150 Menschen, darunter nach jüngsten Informationen 72 Deutsche und 50 Spanier. Weitere Opfer stammen nach Angaben von Regierungen und Germanwings offenbar aus den USA, Großbritannien, Kasachstan, Argentinien, Australien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Japan, den Niederlanden, Dänemark, Belgien und Israel.

  • Die Unglücksstelle

    Die Germanwings-Maschine verunglückte in den französischen Alpen nahe der kleinen Ortschaft Seyne-les-Alpes. Die Bergung der Wrackteile ist schwierig. Das Gelände an der Unglücksstelle ist zerklüftet und nur schwer zugänglich. Weil die Maschine mit hoher Geschwindigkeit auftraf, sind die Trümmerteile sehr klein und weit verstreut.

    Die Bergung der Opfer wurde am 31. März abgeschlossen. Das Kriminalinstitut der französischen Gendarmerie erklärte, die eigentliche Identifizierung, also die Zuordnung zu den Vergleichsdaten der Angehörigen, könne zwei bis vier Monate dauern.

  • Die Blackbox

    Die Ermittler haben bereits auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber, dem Stimmrekorder, sichergestellt und ausgewertet. Laut der französischen Staatsanwaltschaft war zum Zeitpunkt des Absturzes nur der Co-Pilot im Cockpit. Der Stimmrekorder hat bis zuletzt Atemgeräusche im Cockpit aufgezeichnet, der Co-Pilot war also am Leben. In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz brachte.

    Der zweite Flugschreiber, der detaillierte Flugdaten aufzeichnet, wurde bislang nicht gefunden.

  • Das Flugzeug

    Der Mittelstreckenflieger A320 hatte seinen Jungfernflug 1987 und wurde ein Jahr später erstmals von Airbus an Kunden ausgeliefert. Seither hat er sich in verschiedenen Varianten zum meistverkauften Passagierjet von Airbus entwickelt. Bis Ende Februar hatte der Hersteller von seiner absatzstärksten Modellfamilie knapp 6500 Maschinen an die Kunden überstellt.

    Die Unglücksmaschine war seit mehr als 24 Jahren im Einsatz, verfügte laut Auskunft der Lufthansa jedoch über neueste Technik und habe alle Sicherheitsanforderungen erfüllt. Noch einen Tag vor der Katastrophe sei der Flieger einem Routinecheck unterzogen worden.

  • Der Pilot

    Der Kapitän des abgestürzten Flugzeugs galt als erfahren. Er hatte seit mehr als zehn Jahren für Germanwings und Lufthansa gearbeitet. Auf dem Modell Airbus hatte er mehr als 6000 Flugstunden absolviert.

    Zu den Geschehnissen im Cockpit der Germanwings-Maschine sagte der Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Es gab ein technisches Briefing zum weiteren Flugverlauf. Dann hat der Pilot dem Co-Piloten das Steuer überlassen.“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege (Pilot) hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

  • Der Co-Pilot

    Der Co-Pilot der Unglücksmaschine war seit 2013 bei der Lufthansa-Tochter beschäftigt. Zuvor hatte er seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren gab es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung, danach wurde die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

    Ermittler durchsuchten auf Bitte der französischen Justiz zwei Wohnungen des Co-Piloten. Dort wurde eine zerrissene Krankschreibung gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfasste. Der 27-Jährige war vor mehreren Jahren - vor Erlangung des Pilotenscheines - über einen längeren Zeitraum wegen Depressionen und Selbstmordgefährdung in psychotherapeutischer Behandlung.

    Quellen: dpa, reuters, sha, jre

Lufthansa-Chef Carsten Spohr erklärte am Donnerstag, dass sich die Airline-Führung auch in ihren „schlimmsten Alpträumen“ ein solches Szenario nicht habe vorstellen können. Der Absturz sei ein „ein ganz tragischer Einzelfall.“ „Kein System der Welt“, so Spohr, „kann ein solches Einzelereignis ausschließen.“ Eine Änderung der Vorschriften, sagte Spohr, halte er nicht für notwendig.

Vor dem Absturz der Germanwings-Maschine über Frankreich war der Pilot nach Erkenntnissen der Ermittler zur Toilette gegangen und hatte seinem Kollegen das Steuer überlassen. Danach konnte er nicht mehr durch die automatisch verriegelte Kabinentür zurück in das Cockpit gelangen. Bei dem Unglück starben am Dienstag 150 Menschen.

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