Interview Klaus-Peter Naumann: „Wir können die Welt nicht einfrieren“

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InterviewInterview Klaus-Peter Naumann: „Wir können die Welt nicht einfrieren“

von Hans-Jürgen Klesse und Julia Leendertse

Der Chef des Instituts der Wirtschaftsprüfer warnt vor den Risiken anhaltend niedriger Zinsen und Qualitätsverlusten durch die Rotation.

WirtschaftsWoche: Herr Naumann, die Finanzkrise hat den Ruf Ihrer Zunft kräftig angekratzt. Wofür brauchen wir Wirtschaftsprüfer, wenn sie solche Krisen nicht verhindern und nicht mal davor warnen können?
Naumann: Das ist mir zu pauschal. Bei Schieflagen einzelner Unternehmen helfen wir ständig dabei, Krisen zu verhindern oder davor zu warnen – etwa dann, wenn der Abschlussprüfer mit dem Aufsichtsrat Risiken aus dem Geschäftsmodell erörtert oder gar über Risiken berichtet, die den Fortbestand des Unternehmens gefährden. Aber die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns als Berufsstand dazu veranlasst, auch gesamtwirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

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Die Unternehmensberatung steckt im Wandel Quelle: Fotolia

Was machen Sie konkret?
Im IDW planen wir, regelmäßig gesamtwirtschaftlich relevante Risikoanalysen zu bestimmten Branchenentwicklungen zu veröffentlichen. Mit solchen Trend-Reports hätten wir ein Instrument, um auf Risiken, wie das Entstehen von Blasen in bestimmten Märkten oder die ökonomischen Folgen politischer Entscheidungen hinzuweisen. Wirtschaftsprüfer haben einen Blick für Risikoszenarien, vor denen sie – wenn sie nicht nur einzelne Unternehmensschicksale betreffen – über solche Gesamtschau-Analysen gezielter und offensiver warnen könnten. Unserer gesellschaftlichen Funktion als Frühwarnsystem für Krisen können wir so noch besser Rechnung tragen.

Welche Gefahrenszenarien sehen Sie denn im Moment auf uns zukommen?
Es könnte zum Beispiel sinnvoll sein, in einem solchen Trend-Report der Frage nachzugehen, wie sich das anhaltend niedrige Zinsniveau auf die Versicherungsbranche auswirkt. Schließlich sichern Millionen von deutschen Bürgern traditionell ihre Altersvorsorge über Lebensversicherungen ab. Eine fundierte Analyse wäre auch die Frage wert, mit welchen Risiken es unser Land zu tun bekommt, wenn das niedrige Zinsniveau weiter anhalten sollte und dadurch die Belastungen von Unternehmen durch Pensionszusagen an ihre Mitarbeiter weiter steigen. Die öffentliche Infrastruktur, wie Brücken oder Straßen weisen einen hohen Instandhaltungsrückstand auf. Eine fortentwickelte Rechnungslegung der öffentlichen Hand könnte solche Entwicklungen früher transparent machen.

Der Chefprüfer

  • Naumann

    Klaus-Peter Naumann, 55, ist seit 2002 Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW). In Branchenkreisen gilt der promovierte Betriebswirt, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer aus Westfalen als weichenstellende Instanz in puncto Berufspolitik und Regulierung.

Warum hat die Branche der Wirtschaftsprüfer nicht schon längst ihre Stimme bei solchen gesamtwirtschaftlich relevanten Fragen erhoben?
Nach der Finanzkrise haben wir uns schon einmal in eine solche Diskussion eingeschaltet. Damals hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble darauf beharrt, dass beim zweiten Rettungspaket für Griechenland auch die privaten Gläubiger einen Sanierungsbeitrag leisten. Zu diesen privaten Gläubigern zählten vor allem Banken und Versicherungen, die in Folge dieser Entscheidung Finanzanlagen in großem Umfang abwerten mussten. Dies wurde von der Bundesregierung jedoch zunächst verneint. Wir vom IDW haben uns in die öffentliche Diskussion eingeschaltet und darauf hingewiesen, dass die Beteiligung der privaten Gläubiger an der Sanierung Griechenlands nicht ohne Effekt auf die wirtschaftliche Lage der betroffenen Unternehmen und deren Anleger von statten gehen könnte. Uns war es wichtig, Analysten und Anleger über die Folgen der politischen Entscheidung rechtzeitig zu warnen.

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