Kleines Auto im Großstadtdschungel: Smart (-e) Spritztour durch Manhattan

Kleines Auto im Großstadtdschungel: Smart (-e) Spritztour durch Manhattan

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Mit dem Smart durch Manhattan

Kein Auto erregt in New York derzeit so viel Aufsehen wie der jetzt erstmalig in den USA ausgelieferte Smart. WirtschaftsWoche-Korrespondent Andreas Henry unternahm damit eine Spritztour durch Manhattan.

Der mürrische Kassierer würdigt die Barzahler nie eines Blickes, wenn sie ihre vier Dollar durchs Fenster reichen. Für Nick Goddard macht der Kassierer an der Mautstation auf der Triborough-Bridge eine Ausnahme. „Was ist das? Da fehlt doch was am Ende, oder?“ Nein, da fehle nichts, das sei ein Zweisitzer erklärt Goddard. Neu in Amerika. Aus Deutschland. Sehr kurz. Aber ein richtiges Auto. Der Kassierer weiß nicht, ob er grinsen oder zweifeln soll: „Ihr solltet auf der Brücke nur den halben Preis zahlen müssen.“

Nick Goddard aus New York ist der erste Amerikaner, der vor wenigen Tagen einen ausgelieferten Smart in Empfang nehmen konnte, ein rot-silbernes Cabrio mit Ledersitzen und Sitzheizung und noch ein paar Extras, alles in allem für gut 18.000 Dollar. Der 25-Jährige und seine Freundin Sarah waren mit dem Bus zum Händler nach New Jersey gefahren. Sogar das Fernsehen drehte die Übergabe, es gab ein kleines Buffet. Höchstpersönlich erklärte der Chef von Smart USA, David Schembri, Nick jedes Detail. Was denn mit dem Sicherheitskäfig sei beim Cabrio, schließlich könne man sogar die Mittelstütze heraus- nehmen? Kein Problem, das sei extra verstärkt worden. „Der wusste erstaunlich gut Bescheid“, wundert sich Nick.

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Vor rund einem Jahr hatte Smart USA der damals noch sehr kleinen Fangemeinde des Autos eine E-Mail geschickt mit der Nachricht, dass man sich jetzt registrieren lassen könne. Nick saß zufällig vor seinem Computer und brauchte nur 90 Sekunden, bevor er antwortete und orderte. So wurde er der erste Smart-Kunde in den USA. „Eigentlich brauche ich überhaupt kein Auto“, sagt er. Vor allem die Parkplatzsuche in New York sei zu nervig, wenn man nicht Hunderte von Dollars jeden Monat für einen privaten Garagenplatz ausgeben wolle. „Früher hatte ich mal einen alten Volvo, da sind wir oft ewig gekreist, einmal sogar wieder aus der Stadt rausgefahren und mit dem Zug wieder rein, weil nirgendwo was zu finden war.“ Das Problem gäbe es mit dem Smart nicht mehr. „Es gibt immer eine Nische, in die er passt.“ Zur Not auch quer, wobei Freundin Sarah Wilson McNeil noch nicht sicher ist, ob die New Yorker Cops das durchgehen lassen oder den Winzling mit einem Ticket bestücken. Bei einem Garagenbesitzer an der Houston Street, nahe seiner Wohnung, hat Nick zudem einen „special deal“ bekommen. „Ich hab den Besitzer eine Runde drehen lassen, der war total begeistert.“

Begeisterung – das ist die Reaktion der New Yorker, die Nick und Sarah Wilson jetzt täglich in Überdosis verabreicht bekommen. Sie hatte ein fast Furcht einflößendes Erlebnis, als sie an einem der ersten Tage mit dem Kleinen solo durch Soho fuhr. „Ein Mann fuchtelte ganz wild mit den Armen, wollte, dass ich anhalte, lief nebenher, ich dachte schon, jetzt werde ich entführt“, sagt sie. Sie blieb stehen, ließ die Seitenscheibe einen Spalt herunter. Doch der Mann rief nur freudig erregt: „Wie ist es? Wie fährt er sich? Ich bin so aufgeregt. Das ist der Erste, den ich sehe. Ich stehe auf der Warteliste.“

„Alle mögen dich, wenn du in diesem Auto sitzt“, sagt Nick. Menschen in anderen Autos geben drehende Handzeichen, mit denen sie signalisieren, dass man doch die Scheibe runterkurbeln solle, dann rufen sie in voller Fahrt oder an der Ampel stehend: „Wie viel kostet der? Wie viel verbraucht der? Ist es ein Elektromotor?“ Und immer wieder hochgereckte Daumen, der höchste Ausdruck von Zustimmung. Auf Parkplätzen zieht er mehr Neugierige an als jeder Ferrari. Vor einem Supermarkt in Harlem ist er gleich von fünf schwarzen Jungs in tief hängenden Baggy-Jeans und umgedrehten Baseballkappen umzingelt, die dicht an ihn herangehen, um ins Innere zu schauen. Sie zucken zusammen, als der Kleine plötzlich blinkt und die Tür entriegelt. Als der Fahrer, der bereits aus zehn Meter Entfernung den Türöffner betätigt hat, einsteigt, erntet er Anerkennung: „It looks cool, man.“ Nick erntet zudem oft staunende Blicke, wenn er aussteigt. Er ist rund 1,95 Meter groß.

Passanten zücken ihr Mobiltelefon, wenn sie einen Smart sehen, knipsen damit und verschicken das Foto sofort an Freunde. Als einer der Testwagen vor einigen Monaten in New York wegen Falschparkens abgeschleppt worden war, musste die Daimler-Mitarbeiterin, die den Wagen wieder auslöste, gleich mehrere Polizisten auf dem Hof eine kleine Runde drehen lassen. Danach bestanden die NYPD-Cops auf einem Gruppenfoto mit Wagen.

„Natürlich schaust du dir auch andere sehr teure, große, besondere Autos an“, meint Nick. Er hat Maschinenbau studiert und eine Weile im Autokernland der USA, in Michigan, gelebt. Er ist ein Auto-Freak, wie die meisten Amerikaner. „Doch du siehst den Typ im Maybach, bewunderst vielleicht den Wagen, aber du denkst ,Ich mag den Kerl nicht‘“, sagt Nick. Der Smart sei dagegen ein „klassenloses Auto“, vielleicht wie die Swatch-Uhren in den Neunzigerjahren, die damals Vorstandschefs und Studenten gleichermaßen trugen.

Nick und Sarah Wilson sind idealtypische Smartkäufer: jung, urban, umweltbewusst und empfänglich für das coole Image, das der Zweisitzer transportiert. „Klar könnte man für das Geld auch einen Fünfsitzer wie einen Toyota Yaris kaufen, aber der ist völlig uncool,“ meint Nick. Der Must-Have-Faktor, der Produkte wie Apples iPhone zu Rennern macht, könnte in der Kreativen- und Yuppie-Szene Amerikas auch mit dem Smart funktionieren.

Neusmartianer Nick arbeitet in dem New Yorker Büro des Architekten Daniel Libeskind als Softwareadministrator, er weiß von zwei weiteren Kollegen, die auf der Warteliste stehen. Bis zu einem Jahr wird es dauern, bis Interessenten, die ihn heute bestellen, ihren Smart bekommen. Über Ebay werden die ersten Exemplare mit fetten Aufschlägen angeboten: Die absurden Preisforderungen liegen zum Teil bei mehr als 30.000 Dollar, das sind 50 Prozent mehr als der reguläre Verkaufspreis.

Auch Nick hat an Weiterverkauf gedacht, New York ist teuer. Mit dem allerersten USA-Smart könnte er einen guten Schnitt machen und gleich einen weiteren bestellen. Aber er hat sich in den Kleinen verliebt, auch wenn es manchmal seltsame Fragen von Passanten gibt: „Das ist doch dieses 2500-Dollar-Auto aus Indien, über das man gerade so viel liest, oder?“

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