Krankenhäuser: Chronische Probleme in deutschen Kliniken

Krankenhäuser: Chronische Probleme in deutschen Kliniken

von Anke Henrich

Missmanagement gefährdet Ihre Gesundheit: In Deutschland werden Kliniken zu lasch kontrolliert, Fehler können zu leicht vertuscht werden, und geschädigte Patienten haben wenig Rechte. Was können Kliniken bei der Fehlervermeidung von anderen Ländern und Branchen lernen?

Der Elektroinstallateur Uwe W. starb, weil ein Ratinger Chirurg sich selbst überschätzte. Er rief während der Rückenoperation trotz fünf Liter Blutverlust den Gefäßchirurgen viel zu spät. Das stellte das Düsseldorfer Landgericht vergangenen Dezember fest. Wie viel Schmerzensgeld der Witwe und ihren drei Kindern für den Verlust des 41-jährigen Familienernährers zusteht, war für die Richter nach deutschem Recht auch klar: 50.000 Euro.

In einer Wuppertaler Klinik wurden im Februar drei Babys mit einer 1000-fach zu hoch dosierten Lösung die Augen verätzt. Ein Kliniksprecher erklärte dies mit einem Schnittstellenproblem: der „Falschübermittlung der Rezeptur unter den behandelnden Ärzten sowie der unvollständigen Prüfungen der zuständigen Apotheke“. In Bremen starben wieder zwei Frühchen an einem multiresistenten Darmkeim.

Anzeige

Irren ist menschlich

Das sind nur drei aktuelle Beispiele für krasse Fehlleistungen im Krankenhaus. Jeder macht Fehler, jeder Arzt ist Lebensretter und Risiko zugleich. Schlimmer ist, dass in Deutschland nach Ansicht von Branchenexperten eine von Hierarchie-Ängsten und Eitelkeiten geprägte Fehlerkultur herrscht und auch deshalb mehr Fehler in Kliniken passieren als in ähnlichen Ländern. Es gibt dafür zwar keine seriös vergleichbaren Zahlen, weil jeder Staat sogenannte „vermeidbare unerwünschte Ereignisse“ unterschiedlich definiert oder erfasst. Aber erschwerend kommt hinzu, dass in deutschen Kliniken die staatlichen Kontrollen und die Vorschriften für internes Risikomanagement im Vergleich zum Ausland zu locker sind. Dabei machen andere Staaten und gefahrenträchtige Branchen wie die Luftfahrt vor, wie es besser geht – zugunsten der Patienten, Ärzte und zur Vermeidung hoher Folgekosten.

Wie ausländische Gesundheitssysteme organisiert sind

  • Ausgangspunkt Deutschland

    Auch andere Gesundheitssysteme sind nicht perfekt, aber oft sind Risikomanagement oder Patientenrechte besser organisiert. Ein Überblick über staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr) und die unterschiedlichen Ansätze in den Gesundheitssystemen der Ländern.
    Ausgaben in Deutschland pro Kopf: 4218 Dollar

  • Österreich

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 4289 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Ein Fonds für Arzthaftungsgeschädigte zahlt, wenn die Kausalität zwischen Schaden und Fehler nicht komplett nachweisbar ist.

  • Frankreich

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 3978 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Nicht nur Fehler, sondern auch die Verhinderung einer Heilungschance führt bereits zu einer Arzthaftung.

  • Niederlande

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 4914 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Rigorose und landesweit einheitliche Hygienevorschriften senken die Zahl der Toten durch Krankenhauskeime.

  • Großbritannien

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 3487 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Höhere Veröffentlichungspflichten der Kliniken, die zudem für jedermann zugänglich und verständlich sein müssen.

  • Schweden

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 3722 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Die Beweislast bei einem Fehler liegt nicht allein beim Patienten, sondern die Haftpflichtversicherung des Arztes hat eine Ermittlungspflicht.

  • Schweiz

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 5144 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Ärzten droht keine Klage, wenn sie Todkranken auf deren Wunsch beim Suizid mit einem Betäubungsmittel beistehen. In Deutschland werden sie oft gegen ihren Willen weiterbehandelt.

  • USA

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 7960 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Die Vorschriften zum Risikomanagement und zur Fehlerauswertung sind wegen der hohen Schadensersatzzahlungen sehr streng. Krankenhäuser werden im Extremfall von Staat komplett geschlossen.

  • Japan

    Staatliche und private Gesundheitsausgaben (pro Kopf und Jahr): 2878 Dollar

    Fortschrittlicher Ansatz: Das Gericht fällt Urteile zum Schadensersatz auf Basis der Aussagen der beiden Beteiligten, ohne externen Sachverständigen. In Deutschland ist der Sachverständige nötig, aber oft nicht ausreichend geschult.

Rund 17,5 Millionen Kranke lassen sich in Deutschland im Schnitt pro Jahr im Krankenhaus behandeln. Nach den seriösesten und konservativsten Zahlen kommt es bei zwei bis vier Prozent der Behandlungen zu gravierenden Schäden: das wären 340.000 bis zu 680.000 pro Jahr. Jörg Lauterberg, beratender Arzt beim AOK Bundesverband und Mitglied im bundesweiten Aktionsbündnis Patientensicherheit, rechnet weiter: „Die Annahme, ein Promille der Patienten stirbt an vermeidbaren Schäden, ist nach 90 hierzu von uns identifizierten Studien realistisch – also rund 17.500 Tote jährlich.“ Das sind fast fünfmal so viel Menschen, wie 2011 im Straßenverkehr umkamen. Patientenvertreter halten selbst 17.500 noch für viel zu niedrig. 14.000 Menschen stürben allein an Klinikinfektionen.

Aus Schaden klüger

Alles vage Schätzungen: Es können weniger sein – oder mehr. Weder gibt es eine bundesweite Fehlerstatistik, noch wissen Kliniken, welche Patienten erst nach Verlassen der Klinik sterben. Aber es gibt Schätzungen zum volkswirtschaftlichen Schaden: Jörg Niemann, der Niedersachsen im Verband der Ersatzkassen vertritt, geht von Folgekosten zwischen 1,3 und 2,7 Milliarden Euro pro Jahr aus.

Auf dem Gelände der Charité in Berlin drängen sich historische Klinkerhäuser an funktionale Neubauten. Mit 3006 Betten zählt sie zu den größten Kliniken Deutschlands. Dort residiert Jan Steffen Jürgensen, Internist und Chef des Qualitätsmanagements. Sein Job: die Fehler der fast 8000 Ärzte, Schwestern und Pfleger in den 103 Kliniken und Instituten minimieren. Sie behandeln rund 700.000 Menschen jährlich. Geschieht nur jedem Tausendsten unbeabsichtigt schweres Leid, wären das pro Jahr 700 Behandlungsopfer. „Nur“ rund 300 Fälle muss die Charité ihrer Versicherung tatsächlich melden. Inzwischen gilt sie als vorbildlich in Deutschland beim Thema Fehlermanagement. Die auch aus Schaden klüger wurde.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%