Krankenhäuser: "Das Problem ist der Chef"

Krankenhäuser: "Das Problem ist der Chef"

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Viktor Oubaid, 47, Psychologe am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

von Anke Henrich

Der Psychologe Viktor Oubaid über die Risiken der Medizinerausbildung, Egozentriker im OP und was Ärzte von Piloten lernen können.

WirtschaftsWoche: Herr Oubaid, wie entscheidend ist die Persönlichkeit eines Chefarztes für die Zahl der Fehler in seiner Abteilung?

Oubaid: Sie ist viel entscheidender als seine fachliche Exzellenz. Das handwerkliche Können können Sie in dieser Position voraussetzen. Die meisten Fehler passieren aber, weil die Kommunikation mit dem Team falsch läuft.

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Bleibt in Situationen, wo es um Lebensgefahr geht, denn noch viel Zeit zum Kommunizieren?

Es muss sogar. Aber es funktioniert nur, wenn ein Chef schon lange vorher seine volle Aufmerksamkeit und Anerkennung auf die Kompetenz des ganzen Teams gerichtet hat. Und er muss auch unter Stress in der Lage sein, den wichtigen Hinweis einer Schwester oder eines Assistenzarztes ernst zu nehmen und gegebenenfalls seine Entscheidung zu revidieren. Unter Druck ist die Persönlichkeit entscheidender als die fachliche Fortbildung, um Fehler zu vermeiden. Das ist bei Ärzten genauso wie bei Piloten oder Astronauten. Wenn es daran mangelt, ist der Chef das Problem.

Viele Ärzte klagen ja über autoritäre und kritikunfähige Chefärzte. Wie kann sich das ändern?

Da bewegt sich gerade einiges mit den jüngeren Ober- und Chefärzten. Trotzdem müsste die Medizinerausbildung grundsätzlich verbessert werden. Im Vergleich zu Piloten sehen Sie den Unterschied. Auch Flugkapitäne tragen Verantwortung für Menschenleben, müssen kritikfähig und lernwillig sein. Aber ein Pilot arbeitet vom ersten Ausbildungstag an mit einer Crew und weiß, dass er im Job immer auf andere angewiesen sein wird. Dagegen sind Medizinstudenten häufig Einzelkämpfer, die sich nach der Pflichtzeit im Krankenhaus in die eigene Praxis retten können. Bei Piloten zielt die ganze Ausbildung außer auf Fachwissen auf soziale Kompetenzen. Die Vorschriften für die Weiterbildung bis zur Rente sind viel strenger als bei Ärzten. Und dazu gehören auch Fragen wie: Bin ich noch flugtauglich, wenn mein bester Freund gerade gestorben ist? Oder: Wie schaffe ich ein Klima, in dem meine Mitarbeiter Fehler zugeben statt vertuschen?

So viel Selbstreflexion darf man von einem Arzt erwarten.

Bei ihm ist es aber eher eine Frage seiner Persönlichkeit als seiner Ausbildung. Ein Chefarzt hat sich in 15 Jahren eine hohe Expertise in einem Fachgebiet erarbeitet. Aber er soll wie nebenher in lebensgefährlichen Situationen auch noch Wissen teilen, kommunizieren und Teams leiten können.

Was ist für Sie im Auswahlverfahren für Chefarztposten entscheidend, um die Risiken in einer Klinik zu minimieren?

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Selbstreflexion und Kritikfähigkeit. Egozentriker sind im OP völlig fehl am Platz. Wir setzen die Bewerber in einem ihnen völlig fremden Fachgebiet unter Zeitdruck. Ohne Verlass auf die Fachkompetenz zeigt sich ganz schnell die wahre Persönlichkeit.

Wer unter Stress noch soziale Kompetenzen wie Kritikfähigkeit oder das Einbeziehen Dritter heucheln muss, der verbraucht dafür so viel Energie, dass ihm schon im Rollenspiel in Details Fehler unterlaufen. Das sind dann die riskanten Chefärzte.

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