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Krankenhäuser: Russisch Roulette im Operationssaal

von Anke Henrich

Die Wahl einer Klinik kann über Leben und Tod entscheiden. Doch wie können sich Patienten über die Qualität eines Hauses informieren? Auf welche Quellen Verlass ist und welche monetären Interessen sich hinter Empfehlungen verbergen.

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Die wichtigste Frage, um ein Operationsrisiko zu vermeiden, lautet: Muss der Eingriff wirklich sein? Holen Sie eine zweite Meinung ein, denn in Deutschland wird das Skalpell nachweislich schnell – viele Mediziner sagen: zu schnell – angesetzt. Krankenkassen bezahlen die Konsultation eines zweiten Experten, zum Teil vermitteln sie ihn auch. Wenn die OP sein muss, setzen Sie bei der Wahl der Klinik nicht auf lokale Nähe zur Verwandtschaft oder den guten Ruf einer anderen Abteilung des Krankenhauses. Entscheidend muss einzig die Expertise der für sie zuständigen Abteilung sein. Hausarzt und Krankenversicherung können weiterhelfen.

Bild: dpa

Auch bequeme Treter drückten, das Blasenpflaster half nicht mehr: Der Schmerz im linken Fuß ließ einfach nicht nach. Da wusste Silke M., 49, es ist an der Zeit, der Schiefstand des großen Zehs musste beseitigt werden.

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Eigentlich ist eine solche Operation ein Routineeingriff, zugleich aber auch ein diffiziles Unterfangen. Geht etwas schief, bleibt der Fuß lebenslang geschädigt. Die Düsseldorferin humpelte zum nächsten Orthopäden. Der maß den Winkel der Fehlstellung und diagnostizierte: ein Fall für den „Fuß-Gott des Ruhrgebiets“, wie er sagte, den renommierten Chefarzt in der gut 50 Kilometer entfernten Klinik.

Privatpatientin Silke M. vertraute dem Rat, legte sich beim Fuß-Gott unters Messer – und quält sich seitdem mit mehr Schmerzen als zuvor. Das liege an ihrer „persönlichen Fehlhaltung beim Laufen“, beschied der Chefdoktor. Blödsinn, hält ein Orthopäde dagegen, den Silke M. um eine Zweitmeinung bat: Die Operation sei schiefgelaufen, nicht die Patientin. Und von einer Freundin, die denselben Arzt in Düsseldorf konsultierte, erfährt Silke M. später auch noch, dass der Düsseldorfer Arzt all seine Patienten zum Supermann ins Ruhrgebiet schicke – man kennt sich.

Grafik Fehler nach Arbeitsschritten in Kliniken
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Der nächstbeste Arzt

Freunde-Wirtschaft unter Medizinern ist Alltag. Oft landen Kranke so nicht beim besten, sondern beim nächstbesten Arzt. 18,3 Millionen Deutsche müssen pro Jahr stationär unters Messer. In Deutschlands rund 2041 Kliniken müssen Kunden auf gute Leistung vertrauen, ohne sie kontrollieren zu können. Zwar gibt es Informationsmaterial über die Qualität von Krankenhäusern und Ärzten.

Doch längst nicht überall, wo Krankenkassen, Klinikführer am Zeitungskiosk oder Bewertungsportale im Internet neutralen Rat versprechen, liefern sie ihn auch. Allzu oft regieren Klinikmarketing, Vetternwirtschaft und Vorgaben, möglichst schnell viele Patienten durchzuschleusen.

Die WirtschaftsWoche schildert die Tricks der Branche und beschreibt, wie Patienten im Labyrinth unterschiedlicher Interessen den richtigen Arzt und die richtige Klinik finden.


Elf Millionen Klinikpatienten pro Jahr

Immerhin elf Millionen Klinikpatienten pro Jahr können in Deutschland selbst entscheiden, wem sie ihre Gesundheit anvertrauen. Sie werden nicht als Notfall eingeliefert, sondern stehen vor einer planbaren Operation (OP). Ihnen bleibt Zeit für die beiden wichtigsten Fragen: Ist der Eingriff an Leib und Leben wirklich nötig? Immerhin wird hierzulande geschnitten, was die Operationssäle hergeben. Und welches Krankenhaus in akzeptabler Nähe hat die besten Spezialisten? In Deutschland können Patienten ihre Klinik frei wählen. Viele Betroffene wissen das gar nicht.

Informationen können lebenswichtig sein. Denn die Fehlerquote ist hoch. Nach den konservativsten Schätzungen unter Medizinern erleiden in Deutschland zwei bis vier Prozent der Klinikpatienten gravierende Schäden, das wären bis zu 730.000 pro Jahr. Mindestens 18.000 verlieren ihr Leben, davon 14.000 durch Klinikinfektionen. Bei der Mortalität steht Deutschland schlechter da als die skandinavischen Länder, die Schweiz und die Niederlande.

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2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.10.2012, 19:55 Uhrthefarsite

    Der Versuch des Vorredners durch Schuldzuweisungen, an die nur in Deutschland so bezeichneten Heilhilfsberufe, von eigenen Fehlern seiner Berufsgruppe abzulenken ist so durchsichtig wie hilflos. Fakt ist das die Berufsgruppen im Gesundheitswesen nicht zu weniger Fehlern neigen als andere Berufsgruppen nur weil es hier um Menschen geht.
    Fakt ist auch das zum Mediziner ausgebildete Akademiker nicht mit dem Erhalt des Staatsexamens quasi fehlerfrei werden, auch wenn der Vorredner offensichtlich dem Teil seiner Berufsgruppe angehört der das gerne von sich glaubt. Gleiches gilt im Übrigen für alle anderen Leistungserbringer im Gesundheitswesen.
    Die einzige Fehlerbewältigungskultur im deutschen Gesundheitswesen ist derzeit das unter den Teppich kehren, dass ist ein Problem und zwar berufsgruppenunabhängig. Offene Fehlerdiskussion und Offenheit diesbezüglich dem Patienten gegenüber derzeit Fehlanzeige.
    Gleichzeitig sind die Krankenhäuser mangels Attraktivität des Berufes, im Vergleich zu früheren Jahren dazu gezwungen praktisch jeden einzustellen der sich als Mediziner verdingen will und zwar mehr oder weniger unabhängig von der Qualifikation, dies wird mit Verzögerung auch für z.B. die Pflegeberufe gelten. Wer hier auf Dauer mehr Qualität erwartet ist auf dem falschen Dampfer.
    Das deutsche Gesundheitswesen ist ein komplexer Apparat der sich einfachen Antworten und Lösungen entzieht.
    Es ist allerdings kein Zufall das gerade in den hier als beispielhaft angeführten Ländern die Hierarchien flach, das deutsche Chefarztsystem unbekannt ist und der Umgang zwischen den Berufsgruppen respektvoll ist.
    Hier könnte man unter anderem ansetzen. Wer hier der Berufsgruppe der Pflege einseitig Schuld am Tod von Patienten zuweist begeht nicht nur bewußt Rufmord an der Mehrzahl der Leistungserbringer im Gesundheitswesen sondern hat anscheinend trifftigen Grund von den Fehlern der eigenen Berusgruppe abzulenken.

  • 10.10.2012, 15:30 UhrMalocher

    Überschreitet insbesondere das Pflegepersonal die in einer arbeitsteiligen Organisation absolut gezogenen Grenzen, entziehen infolge dessen ökonomisch-gesellschaftliche Mechanismen dem Arzt den Patienten körperlich noch bevor er mit der Behandlung begonnen hat. Insofern gilt es, das Augenmerk vor allem darauf zu legen. Ein lediglich verkürzter Blick allein auf einen Heilberufler verhindert somit ein der Wirklichkeit notwendig angemessenes Verständnis, wodurch der Einzelne letztlich zu Tode kommt bzw. am Leben bleibt.

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